Vom schlesischen Davos nach Görbersdorf

18 April 2026, 12:00 Geschichte 1

Wer heute die Kurorte Niederschlesiens besucht, kennt den Alltag eines Kurgastes nur allzu gut. Es ließen sich aber gewiss auch zahlreiche Stimmen finden, die sowohl mit der Gastronomie als auch mit der Infrastruktur unzufrieden sind. Doch wie würde ein Vergleich mit den Zuständen von vor beinahe 150 Jahren ausfallen?

Heilmethoden und Alltag im 19. Jahrhundert

Ein aufschlussreiches Bild vermittelt der Reiseführer aus dem Jahr 1882 „Görbersdorf. Dr. Brehmer’s Heilanstalt für Lungenkranke“. Dr. Brehmer, ein schlesischer Arzt und Begründer einer eigenen Behandlung, setzte auf die natürlichen, heilkräftigen Eigenschaften des damaligen Görbersdorf. Dabei maß er nicht nur der Behandlung selbst, sondern auch der Ernährung seiner Patienten größte Bedeutung bei. Aus diesem Grund unterlag die Diät der Kurgäste einer strengen ärztlichen Kontrolle. Besonderer Wert wurde auf nahrhafte, stärkende Speisen gelegt, die den durch Krankheit geschwächten Organismus wieder aufbauen sollten.

Der Tagesplan sah fünf Mahlzeiten vor:
Frühstück: Kaffee, Milch, Brot, Butter, Weißgebäck
Zweites Frühstück: Brot, Butter, Milch (bei den Männern zudem Fleisch, Schnittkäse und Eier)
Mittagessen: Suppe, Fleisch, Gemüse oder Beilage, Kompott oder Dessert
Nachmittagskaffee: Kaffee, Milch, Brot, Butter, Weißgebäck
Abendessen: warme oder kalte Küche.

Dr. Weicker’s Küche im Sanatorium Marienhaus Görbersdorf-Schmidtsdorf Kreis Waldenburg 1915.
Foto: SDB

Eine bemerkenswerte therapeutische Besonderheit war zudem die tägliche Zuteilung einer Flasche leichten Bieres oder eines alkoholfreien Getränks – individuell abgestimmt nach ärztlicher Verordnung.

Neben der Ernährung bildete die sogenannte „Frischluftkur“ das Fundament der Brehmer’schen Methode. Die Patienten verbrachten den Großteil des Tages im Freien, unmittelbar nach dem Frühstück beginnend. Auch nachts blieben die Fenster geöffnet; Vorhänge, die den Luftstrom hätten behindern können, gab es nicht. Beheizt wurden die Räume lediglich während des Ankleidens. Was heute beinahe radikal erscheinen mag, erwies sich damals in Görbersdorf als äußerst wirksam in der Behandlung von Lungenerkrankungen und übertraf die bis dahin bekannten Methoden.

Strenger Rhythmus und mondäne Infrastruktur

Auch der Tagesrhythmus folgte strikt den therapeutischen Vorgaben. Die gesünderen Patienten standen gegen sechs Uhr morgens auf. Ein Trompetensignal rief sie ins Kurhaus zum Frühstück um sieben Uhr. Das zweite Frühstück wurde zwischen 10 und 11 Uhr serviert, das Mittagessen um 13 Uhr. Der Nachmittagskaffee folgte zwischen 16 und 17 Uhr, das Abendessen begann um 19 Uhr. Zwischen den Mahlzeiten spazierten die Patienten durch den Park oder in die umliegenden Berge. Schwerer Erkrankte blieben in ihren Zimmern und wurden dort versorgt. Das Trompetensignal kündigte jede Mahlzeit an – wer es versäumte und nicht im Speisesaal erschien, erhielt keine Verpflegung.

Dennoch bot das Dorf auch gastronomische Alternativen: So konnte man unter anderem in der Gastwirtschaft „Zur Waldquelle“ von Karl Langer, im Restaurant „Bellevue“, im Gasthof „Zur Preußischen Krone“ oder im Hotel „Zum Deutschen Kaiser“ speisen. Auch das „Berghotel“ sowie die Konditorei und das Café „Laugers Konditorei und Kaffee“ luden zum Verweilen ein.

Aufstieg, Niedergang und heutige Perspektive

Die gesundheitsfördernde Bergluft in Görbersdorf, kombiniert mit Brehmers innovativer Therapie, erwies sich als äußerst effektiv im Kampf gegen die damals oft tödliche Tuberkulose. Kein Wunder also, dass der Ort rasch Berühmtheit erlangte und als Vorbild für zahlreiche Einrichtungen weltweit diente – darunter auch die Hochgebirgsklinik im schweizerischen Davos.

Zitat: Die gesundheitsfördernde Bergluft in Görbersdorf, kombiniert mit Brehmers innovativer Therapie, machte den Ort zu einem Vorbild für zahlreiche Kurorte weltweit.

Die Dynamik der Entwicklung ist beeindruckend: Um 1900 zählte Görbersdorf etwa 1000 Einwohner, während über 1100 Sanatoriumsplätze zur Verfügung standen. Eine weitere Statistik verdeutlicht das Wachstum: 1894 wurden hier lediglich 8 Kurgäste behandelt, 1913 bereits 2080. Dieses enorme Potenzial wurde jedoch durch historische Umbrüche sowie durch die Entdeckung eines wirksamen Medikaments gegen Tuberkulose im Jahr 1943 gebremst.

Ein Anhänger der „Kältetherapie“ bleibe ich wohl nie – doch Görbersdorf begeistert zu jeder Jahreszeit: mit seinem milden Klima, eindrucksvollen Ausblicken und einem nahezu endlosen Netz an Waldwegen. Eine kleine Herausforderung bleibt allerdings: Es ist nicht immer leicht, einen Ort für eine warme Mahlzeit zu finden. Umso mehr lohnt es sich, in die kulinarischen Traditionen dieses einstigen schlesischen Kurortes einzutauchen und bei einem klassischen Gericht einen genussvollen Sonntagsmittag zu verbringen.

Görbersdorf 1879.
Quelle: Wikipedia

Das folgende Rezept stammt aus dem historischen Kochbuch „Universal-Lexikon der Kochkunst“ (Band 1, A–K) aus dem Jahr 1913:

Ein Kilogramm Lammfleisch wird in zierliche Stücke zerschnitten, gewaschen, mit Salz und etwas gestoßenem weißen Pfeffer bestreut, dann zuerst in Butter geschmort und hierauf mit einer Bouillon übergossen und unter Hinzufügung von einer Zwiebel, Wurzelwerk, Macis, einem Lorbeerblatt und zwei Gewürznelken gut zugedeckt langsam weichgedämpft. Sobald das Fleisch beinahe butterzart ist, seiht man die Brühe durch, tut 2–3 EL Tomatenmark und ein halbes Glas Weißwein hinzu, verdickt sie mit einer hellen Mehlschwitze und richtet sie über dem Fleisch an.
Ein klassisches Lammragout ist ein zartes Schmorgericht, ideal aus Lammschulter oder -keule. Dazu passen Semmelknödel, Nudeln oder Kartoffelpüree.

Foto: Małgorzata Janik

Durch die Sanatorien von Dr. Brehmer, Dr. Weicker und Dr. Römpler wurde Görbersdorf gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem der bedeutendsten Kurorte in diesem Teil Europas. Heute ein vergessener Ort, jedoch weiterhin reich an Geschichte und Möglichkeiten, der zum stillen Helden dieses sehr subjektiven Spaziergangs durch Zeit und Raum geworden ist. Wer weiß, ob es ihm gelingt, seine intime Atmosphäre zu bewahren und wie sich sein weiteres Schicksal entwickeln wird. Dennoch verliert die Inschrift aus der Waldquelle nicht an Aktualität – ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe: „Für manchen Wanderer soll die Quelle fließen.“

Małgorzata Janik

Die besten Bilder vom Jubiläumskonzert des VdG
Poprzedni artykuł

Die besten Bilder vom Jubiläumskonzert des VdG