„Die Gedanken sind frei“

Kann es einen Gewinn geben?

29 Juli 2026, 05:00 Kolumne

Über den Konflikt zwischen zwei Präsidenten vor dem Hintergrund der Wolhynien-Tragödie und dessen beklagenswerte Folgen wurde wohl schon alles geschrieben und gesagt. Hat einer von ihnen vielleicht nur unbeabsichtigt einen Fehler begangen? Das glaube ich nicht. Sowohl in der Ukraine als auch in Polen haben die Präsidenten einen Zuwachs an öffentlicher Zustimmung verzeichnet und ihre jeweiligen gegnerischen Lager geschwächt. Sie haben auch eine notwendige rationale Diskussion ausgelöst, aber auch … eine Lawine.

Die öffentliche Resonanz hat bestätigt, dass Politik keine Plattform ist, um den Lauf der Geschichte zu erklären, denn Wahrheit und Sachlichkeit bedeuten hier wenig. Beide Präsidenten haben sich falsch verhalten. In Polen führt dies, zusammen mit stark zunehmenden nationalistischen Stimmungen, zu einem rasanten Anstieg der schlimmsten Instinkte. Das ist auf den Straßen und in den Medien sichtbar. Nationalisten ist es gleichgültig, ob sich ihre Angriffe gegen Ukrainer, Deutsche oder Migranten im Allgemeinen richten. Das Ziel ist es, Fremdenfeindlichkeit, Ängste und ein Gefühl der Überlegenheit zu nähren. Die jüngste Zeit zeigt, dass sich immer ein Anlass findet. Stimmen, die auf den Fehler hinweisen, die Geschichte über die Gegenwart zu stellen, und auf die moralische Unzulässigkeit, das Prinzip der Kollektivschuld anzuwenden und insbesondere die heutigen Gesellschaften damit zu belasten, werden von Emotionen und Feindseligkeit übertönt. Immer weitere Kreise erliegen den Emotionen, und Politiker, die auf die gesellschaftliche Stimmung hören, ändern ihre Haltung – zumeist zum Schlechteren. Dabei sind es gerade die heutigen Ukrainer, die unvorstellbare Lasten und Leiden des Krieges tragen. Man darf sie nicht schwächen!

„Jede Nation hat ihre Opfer und ihre Verbrecher, und Schuld sowie Heldentum sind keine Eigenschaften einer Gemeinschaft.“

Lehrt dieser Konflikt etwas? Er zeigt die Falle, in die Befürworter der kollektiven Verherrlichung ganzer Formationen tappen. Präsident Selenskyj ist in sie hineingetappt, als er einer Militäreinheit den Namen „Helden der UPA“ gab. Damit erkannte er indirekt die gesamte UPA und all ihre Handlungen als Heldentum an. Es ist schwer, darin auch nur einen Hauch von Verurteilung der Massenverbrechen an der polnischen Bevölkerung Wolhyniens oder ein Verständnis für die polnische Sensibilität zu erkennen. In der Folge kommt es in Polen – neben der ebenso falschen Geste von Präsident Nawrocki, den Orden abzuerkennen – zu einer unsensiblen Belehrung der Ukrainer. Dabei wurde eine ähnliche Falle in Polen geschaffen, als 2011 ohne Berücksichtigung der Sensibilität anderer der Nationale Gedenktag der „Verfluchten Soldaten“ eingeführt wurde. Damals lagen gegen Romuald Rajs „Bury“ bereits die vom IPN nachgewiesenen Vorwürfe des Nachkriegsvölkermords an der orthodoxen Bevölkerung Podlachiens vor. Als junger Mann, der durch die Gorce wanderte, traf ich auf alte Bergbewohner, die die Raubzüge und Morde von Józef Kuraś „Ogień“ und seinen Leuten streng verurteilten.

Die strenge moralische Verurteilung seiner Handlungen gegenüber den Slowaken in der Zips und Arwa ist bekannt. Dies sind nur zwei Beispiele von Kommandeuren aus dem Kreis der „verfluchten Soldaten“, die verbrecherische Taten begangen haben, die durch „keinerlei Vernunft“ zu rechtfertigen sind (Zitat aus der Urteilsbegründung des Gerichts in Białystok). Leider waren dies nicht die einzigen Fälle. Auch in den Reihen der Heimatarmee gab es während des Krieges Soldaten, die unter dem Vorwand des Kampfes für die Unabhängigkeit der nichtpolnischen Zivilbevölkerung Schmerz und Leid zufügten. Der Mord an den ukrainischen Einwohnern von Sahryń im Jahr 1944 ist heute kein Geheimnis mehr. Man darf weder das Ausmaß noch die Grausamkeit noch die Zahlen gleichsetzen, denn jedes unschuldige Opfer schreit zum Himmel! Man darf auch nicht nur von anderen Einfühlungsvermögen erwarten, während man selbst nur anderen Schuld zuweist und unbequeme Fakten mit gewagten Interpretationen überdeckt. Auch in Polen werden keine Exhumierungen von Massengräbern ziviler Opfer der Nachkriegslager für Deutsche durchgeführt, das Wissen um ihre Existenz ist verschwindend gering, und in Potulitz ist sogar diese massenhafte Ruhestätte durch die laufende Kiesausbeutung gefährdet.

Das Denkmal „Wolhynien-Massaker“ in Domostawa.
Foto: Wikipedia/Zbigniew Czernik

Der Gewinn, der aus diesem Konflikt um das historische Gedächtnis bleiben sollte, ist ein objektiverer Blick auf die Geschichte dieses Teils Europas. Durch die Offenlegung weniger bekannter Fakten werden die Ursprünge jenes Konflikts besser verständlich – nicht um Verbrechen zu rechtfertigen, sondern um die Wahrheit zu festigen, dass die schwarz-weiße Betrachtung der Geschichte eine Illusion ist, dass jede Nation ihre Opfer und ihre Verbrecher hat und dass Schuld und Heldentum keine Eigenschaften einer Gemeinschaft sind. Und nur dann kann man ihrer gedenken.

Teilen:
Vielfalt, die man hören kann
vorheriger Artikel

Vielfalt, die man hören kann

Sechs Tage voller Gespräche, Wanderungen und neuer Bekanntschaften
nächster Artikel

Sechs Tage voller Gespräche, Wanderungen und neuer Bekanntschaften

Werbung

Ansichtssache

Neues Wochenblatt - Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.