1. Lesung: Jer 20,7–9
2. Lesung: Röm 12,1–2
Evangelium: Mt 16,21–27
Alles, aber nur nicht der Tod. Alles, aber nur kein Lebensende. Alles, aber nur keine Ewigkeit und schon gar nicht eine endgültige Rechenschaft vor einer höheren Macht. Das Leben soll leben und das bis zur Erschöpfung. Das Leben auszunutzen bis zur letzten Möglichkeit. Gewinnen, Auskosten, Haben, Besitzen, Prahlen, Angeben, sich hochmütig über andere erheben, den Lebenswert aus dem Erwirtschafteten, sich erfüllt zu sehen anhand des Vermögens – das wird zunehmend ersehnt. Ist das alles tatsächlich erstrebenswert? Hören wir in die Lesungen des 22. Sonntags im Jahreskreis, die in den katholischen Kirchen während der Eucharistiefeier betrachtet werden.
Jesus müsse nach Jerusalem gehen und dort getötet werden
In der Nähe von Cäsarea Philippi hat Jesus den Aufbau seiner Ecclesia, seiner Gemeinschaft der Einberufenen, seiner Gemeinde der an IHN Glaubenden, angekündigt. In der katholischen Tradition wird diese Versammlung Kirche genannt. Der Apostel Petrus wurde zum ersten Vorsteher dieser Gemeinschaft ernannt. Diesen Abschnitt aus dem Matthäusevangelium hatten wir am vergangenen Sonntag. Die Fortsetzung dieses Ereignisses bringt uns die Worte Jesu, der sagt: „Er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten vieles erleiden, getötet und am dritten Tag auferweckt werden.“ Petrus, der frisch ernannte erste Diener der entstehenden Kirche, sieht, menschlich gedacht, das Ende dieser Gemeinschaft. Nur nicht der Tod. Jesus darf nicht sterben. Mit seinem Tod bricht alles zusammen. Diese Vorstellung bewegte Petrus dazu, auf Jesus einzureden: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“ Zwei Sichtweisen standen sich plötzlich gegenüber.
Der Gegensatz zwischen dem Willen Gottes und dem Streben der Menschen
Geläufig ist der Spruch: „Der Mensch denkt, Gott lenkt.“ Bekannt sind auch seine sinngemäßen Varianten: „Gottes Wege sind nicht immer unsere Wege“; „Was der Mensch will, ist nicht immer das, was Gott will“; „Der Mensch sucht seinen Weg – Gott zeigt den Weg“; „Der Mensch plant die Zukunft, Gott kennt sie“. Diese Weisheiten entspringen der Bibel, besonders dem Buch der Sprichwörter (16,9): „Des Menschen Herz plant seinen Weg, doch der HERR lenkt seinen Schritt.“ Das konnte der Apostel Petrus direkt erfahren. Er wollte Jesus, den Messias und Sohn Gottes, umstimmen.
Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.
Die Antwort Jesu war deutlich, entschlossen und zurechtweisend. Jesus sagte zu Petrus: „Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Diese Klarstellung mag überheblich klingen – ist sie aber nicht. Petrus wollte etwas verändern, was notwendig war, um die Menschen zu erlösen: das Leiden, den Tod und die Auferstehung danach. Unwissend und nicht absichtlich schlug Petrus etwas vor, was sich gegen die Mission Jesu, gegen sein Werk der Erlösung und seinen Sieg über das Böse, den Satan, richtete. Die Reihenfolge ist daher richtig: zuerst Jesus, zuerst Gott – und dann wir als diejenigen, die ihm folgen und sich von ihm leiten und führen lassen. Das verleiht uns Sicherheit und bewahrt uns vor Fehlentscheidungen.
Im Denken erneuert werden
Das Gespräch zwischen Jesus und dem Apostel Petrus hat im gewissen Sinne seine Fortsetzung in den Worten des Hl. Paulus, der an die Römer schreibt: „Und gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene!“ Daraus wird deutlich, wie wichtig es ist, Gottes Weisheit wahrzunehmen, sie zu verstehen und ihr im eigenen Denken den Vorrang zu geben.
Für die Entscheidungen und die Wahlmöglichkeiten des Menschen, für seine Fähigkeit zu erkennen, was im Leben wirklich wichtig ist, haben die Worte Jesu aus dem heutigen Evangelium eine große Bedeutung. Sie sind eine Warnung für den Menschen, der nur auf das Irdische und Materielle ausgerichtet ist, der habgierig lebt und das Vergängliche hochschätzt. Jesus sagt: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“
Auf die Taten achten
Diese Worte Jesu sind ein Anstoß dazu, sein Leben erneut sorgfältig zu betrachten und zu prüfen, was im eigenen Denken den Vorrang hat. Wichtig ist es, sich zu fragen, ob in unserem Denken Raum für Gottes Weisheit bleibt. Aus unserem Inneren entstehen Entscheidungen, und aus ihnen wachsen unsere Taten. Sie prägen uns und unser Leben – für die Gegenwart und weit darüber hinaus.
Mögen uns auch in Bezug auf unsere Werke die Worte Jesu beraten. Er sagte zu seinen Jüngern: „Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommen, und dann wird er jedem nach seinen Taten vergelten.“ Aus christlicher Sicht sind die vollbrachten Werke nicht im Sinne von Leistungen zu verstehen, durch die sich der Mensch das ewige Heil verdienen bzw. erkaufen kann. Die Taten sind vielmehr Ausdruck und Frucht des Glaubens, der Liebe und der angenommenen Gnade Gottes. Am Ende zeigt sich also auch an unserem Handeln, ob wir uns für Gott, für die Liebe und für das Gute geöffnet haben. Die Worte Jesu sind deshalb zugleich Warnung und Hoffnung: Unser Leben und unsere Entscheidungen haben bleibende Bedeutung. Gott aber wird jeden Menschen gerecht und in Wahrheit richten und jedem nach der Beschaffenheit seiner Werke vergelten.