Denkmal der Geschichte des Oppelner Bildungswesens

Vergessenes Erbe: Eine Schule, die ein Jahrhundert überdauert hat

26 Juli 2026, 16:30 Geschichte

Geht man heute die ul. Kościuszki in Opole entlang, kann man leicht das Gebäude des Elektrotechnik-Schulkomplexes (Zespół Szkół Elektrycznych) übersehen, ohne zu ahnen, dass man eines der interessantesten Beispiele der Zwischenkriegsarchitektur der Stadt und einen Zeugen von fast hundert Jahren Regionalgeschichte passiert. Und diese Geschichte beginnt noch zu einer Zeit, als die Straße Moltkestraße hieß und die Stadt Oppeln.

Der Beschluss zum Bau eines neuen Schulgebäudes wurde von der Oppelner Stadtverwaltung im Jahr 1927 gefasst. Die Bauarbeiten begannen fast sofort und dauerten bis 1929. Es entstand ein Gebäude an der Moltkestraße 39/41 – der heutigen ul. Tadeusza Kościuszki –, entworfen im Geiste des deutschen Funktionalismus: klare, schmucklose Kubatur, horizontale Fensterbänder und ein durchdachtes, funktionales Raumkonzept. Genau diese Merkmale machen das Objekt bis heute, fast hundert Jahre später, nicht weniger modern.

Autor des Entwurfs war Johann Traugott Schmidt, ein Architekt und Maler, geboren 1893 in Carlsruhe O.S. (heute Pokój). Seine Ausbildung erhielt er an der Kunstgewerbeschule in München unter der Leitung des angesehenen Architekten Theodor Fischer. Nach dem Studium ließ er sich in Oppeln nieder und arbeitete im städtischen Hochbauamt sowie bei der Oberschlesischen Wohnungsfürsorgegesellschaft, die sich mit dem Wohnungsbau in Oberschlesien befasste. In den Jahren 1924–1927 arbeitete er im Magistrat von Hindenburg, kehrte dann nach Oppeln zurück und übernahm das Amt des Stadtbaurats, das er auch in der Zeit des Dritten Reiches innehatte. Schmidt war zudem an der Umgestaltung des Oppelner Rathauses beteiligt; neben der Architektur widmete er sich auch der Malerei – drei seiner Aquarelle befinden sich heute in der Sammlung des Museums in Augsburg. Sein weiteres Schicksal bleibt rätselhaft – weder das Datum noch der Ort seines Todes sind bekannt.

Das Gebäude wurde im Geiste des deutschen Funktionalismus entworfen. Der Funktionalismus zeichnet sich durch eine klare, schmucklose Kubatur ohne überflüssigen Zierrat aus.
Quelle: polska-org.pl

Erwähnenswert ist, dass im selben Stadtteil, auf historischen Fotos als Kulisse der neu entstehenden Schule zu sehen, auch der Bau der ehemaligen Landwirtschaftskammer stand – heute den Oppelnern als „Ekonomik“ bekannt. Entworfen wurde er von einem anderen Architekten jener Zeit, Oskar Goltz, dem Autor unter anderem des Sitzes der Handwerkskammer in der heutigen ul. Katowicka sowie des Gebäudes in der ul. Damrota, in dem später der Sitz der PKO untergebracht war. Das Oppeln der Zwischenkriegszeit entwickelte sich also architektonisch an vielen Fronten gleichzeitig, und die neue Schule an der Moltkestraße war eine seiner gelungensten Realisierungen.

Die Fassade am Eingang des Gebäudes wurde mit Skulpturen von Thomas Myrtek geschmückt – ein interessantes Zeugnis der für jene Epoche typischen Zusammenarbeit zwischen Architekten und Künstlern.

Feierliche Eröffnung und erste Schüler

Am 25. Juni 1929 wurde das Gebäude feierlich seiner Bestimmung übergeben. Gleich zwei Einrichtungen fanden darin ihren Sitz: die Städtische Handwerkerschule und die Städtische Handelsschule, zu der zusätzlich die Kaufmännische Berufsschule und die Verwaltungsschule gehörten.

Fünfzehn Jahre lang pulsierte das Gebäude vor Schulleben – bis der Krieg ein dunkleres Kapitel in seine Geschichte schrieb.

Die am Haupteingang angebrachten Flachreliefs beziehen sich auf Handwerk und Handel. Sie spiegeln die ursprüngliche Bestimmung des Objekts wider, in dem 1929 die Städtische Handwerkerschule und die Städtische Handelsschule eröffnet wurden.
Quelle: polska-org.pl

Der Krieg verändert die Nutzung des Gebäudes

Im Herbst 1944 wurde aufgrund der sich verschärfenden Kampfhandlungen der Unterricht eingestellt. Das Gebäude wurde von den deutschen Militärbehörden übernommen und zum Lazarett umfunktioniert – zunächst als Einrichtung der Wehrmacht, nach dem Einmarsch der Roten Armee 1945 als Militärhospital, diesmal unter sowjetischer Verwaltung. Die Mauern, die noch vor Kurzem vom fröhlichen Treiben der Schüler widerhallten, dienten eine Zeit lang der Versorgung verwundeter Soldaten.

Rückkehr zu den Wurzeln – eine polnische Schule

Bereits 1946, im sich von den Kriegszerstörungen erholenden Oppeln, begann das Gebäude erneut seine Bildungsfunktion zu erfüllen – diesmal als polnische Einrichtung. Es entstand das Staatliche Koedukative Handelsgymnasium und Handelslyzeum (Państwowe Koedukacyjne Gimnazjum i Liceum Handlowe im. Tadeusza Kościuszki), das bis 1947 bestand. Die folgenden Jahre brachten eine Welle von Umstrukturierungen, wie sie für die berufliche Bildung der Nachkriegszeit typisch waren: Es entstanden die Staatlichen Handelsbildungsanstalten (Państwowe Zakłady Kształcenia Handlowego, 1947–1951) sowie die Öffentliche Berufliche Fortbildungsschule (Publiczna Szkoła Dokształcająca Zawodowa, 1946–1951). In den Jahren 1951–1957 waren im Gebäude nacheinander das Technikum Handlowe (Handelstechnikum), Technikum Finansowe (Finanztechnikum), Technikum Pocztowe (Posttechnikum) und Technikum Statystyczne (Statistiktechnikum) untergebracht, und in den Jahren 1956–1957 die Zasadnicza Szkoła Handlowa (Berufliche Handelsschule).

Parallel dazu entstand 1950 in der ul. Gosławicka (heute ul. Osmańczyka) das Technikum Mechaniczno-Elektryczne (Mechanisch-Elektrisches Technikum) unter der Leitung von Direktor Jan Matczyński. Diese Einrichtung gilt als unmittelbare Vorgängerin des heutigen „Elektryczniak“ – auch wenn sie sich damals noch an einem anderen Standort befand, so begründete sie doch das elektrische Profil, das später dauerhaft mit dem Gebäude in der ul. Kościuszki verbunden werden sollte.

Der Einzug der Elektrotechnik in das Gebäude

Ende der 1950er Jahre wurden in dem Gebäude in der ul. Kościuszki schließlich die Schulen für metallverarbeitende und elektrotechnische Berufe untergebracht. Das Jahr 1958 erwies sich als Wendepunkt, als das Technikum Elektryczne (Elektrotechnisches Technikum) und die Zasadnicza Szkoła Elektryczna (Berufliche Elektroschule) eröffnet wurden – von diesem Zeitpunkt an begann sich das Profil der Schule in die Richtung zu entwickeln, die wir heute kennen. In den 1960er Jahren entstand der Zespół Szkół Zawodowych Nr. 1 (Berufsschulkomplex Nr. 1), der mehrere Schultypen aus dem Bereich Energie- und Elektrotechnik vereinte.

Heute beherbergen die Mauern in der ul. Kościuszki den Zespół Szkół Elektrycznych im. Tadeusza Kościuszki.
Foto: Michał Florek

Ihre endgültige organisatorische Form und ihren Namen erhielt die Schule im Schuljahr 1974/1975, als gemäß einer Verfügung des Oppelner Kuratoriums für Bildung und Erziehung der Berufsschulkomplex Nr. 1 in den Zespół Szkół Elektrycznych im. Tadeusza Kościuszki (Elektroschulkomplex) umgewandelt wurde und die darin enthaltene Zasadnicza Szkoła Zawodowa (Berufliche Grundschule) in die Zasadnicza Szkoła Elektryczna (Berufliche Elektroschule) überführt wurde. Dieser Name besteht bis heute. Am 1. September 1978 wurde an der Schule zusätzlich das Centrum Kształcenia Ustawicznego (Zentrum für Weiterbildung) eingerichtet, wodurch das Bildungsangebot um die Erwachsenenbildung erweitert wurde.

Neue Zeiten, gleiche Tradition

Am 1. Dezember 1996 fasste der Stadtrat von Oppeln den Beschluss, wonach der „Elektryczniak“ eine öffentliche Schule wurde. Zum Schulkomplex gehörten damals: das Technikum Elektryczne (Elektrotechnisches Technikum), das Liceum Zawodowe (Berufliches Lyzeum), die Zasadnicza Szkoła Elektryczna (Berufliche Elektroschule), das Technikum Elektryczne dla Dorosłych (Elektrotechnisches Technikum für Erwachsene) sowie die Szkoła Policealna (Postsekundarschule). Zur neuen Direktorin wurde Anna Czarnecka ernannt.

Im Jahr 2010 wurde das Gebäude umfassend modernisiert, sodass es trotz seines Alters heute allen Anforderungen an moderne Bildungseinrichtungen genügt. Die schlichte, funktionalistische Kubatur, entworfen von Johann Traugott Schmidt im Jahr 1927, erwies sich als so universell und durchdacht, dass sie nach fast hundert Jahren immer noch hervorragend ihren ursprünglichen Zweck erfüllt.

Heute beherbergen die Mauern in der ul. Kościuszki den Zespół Szkół Elektrycznych im. Tadeusza Kościuszki – die älteste Berufsschule in Oppeln und eine der ältesten in der gesamten Region. Die Kontinuität der beruflichen Bildung, die über acht Jahrzehnte andauert, hat Grenzänderungen, Krieg, zahlreiche Umstrukturierungen und zwei verschiedene politische Systeme überstanden – und ist gerade deshalb, vielleicht aber auch genau deswegen, zu einem Markenzeichen und einem Stolz dieser Einrichtung geworden.

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