Vor über 750 Jahren wurde der Marienkult in Wartha erstmals urkundlich erwähnt. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Tradition, zur Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung zu pilgern. Viele Menschen nahmen weite Wege auf sich, um diesen besonderen Ort zu besuchen. Der Grund dafür ist die über 1000 Jahre alte Marienfigur, der zahlreiche Wunder zugeschrieben werden. Auch heute zieht Wartha jedes Jahr zahlreiche Pilger an.
Eine dieser Wallfahrten ist die Wallfahrt der deutschen Minderheit, die traditionell am zweiten Sonntag im Juli stattfindet. In diesem Jahr versammelten sich die Gläubigen am 12. Juli in Wartha. Deutsch, Polnisch und Schlesisch waren gleichermaßen zu hören und spiegelten die sprachliche Vielfalt der Teilnehmer wider.
Die Heilige Messe wurde von zwei Priestern zelebriert und feierlich vom Blasorchester aus Krappitz sowie vom Chor aus Paulsdorf musikalisch eröffnet. Anschließend begrüßte der Seelsorger der deutschen Minderheit in der Erzdiözese Breslau, Pater Marian Bernard Arndt, alle Pilger. An der Orgel spielte Hubert Prochota.

Foto: Die Orgel, die im 18. Jahrhundert von Joseph Eberhard aus Breslau erbaut wurde.
Foto: Lea Herbst
Während seiner zweisprachigen Predigt zitierte Pfarrer Andrzej Anderwald, Seelsorger der deutschen Minderheit in der Diözese Oppeln, den jüdischen Philosophen Martin Buber mit den Worten: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“ Er bezog dieses Zitat auf die Begegnung Marias mit Elisabeth aus dem Lukasevangelium. Gleichzeitig erinnerte er daran, dass jeder Mensch solche prägenden Begegnungen erlebt – sei es die erste Liebe, eine Freundschaft oder andere wichtige Momente im Leben. Auch diese Wallfahrt sei eine solche Begegnung, die Menschen im Glauben und in ihrer Gemeinschaft verbinde.
Kleine Figur, große Bedeutung – die Marienfigur von Wartha
Die nur 43 Zentimeter große Marienfigur mag auf den ersten Blick unscheinbar wirken, doch sie gehört zu den ältesten ihrer Art. Untersuchungen zufolge ist sie mehr als 1000 Jahre alt. Woher dieses romanische Kunstwerk ursprünglich stammt, ist bis heute nicht geklärt. Sicher ist jedoch, dass sich die Figur bereits um das Jahr 1110 in Wartha befand.

Die Marienfigur, die während der Wallfahrt der deutschen Minderheit zur Verehrung ausgestellt wurde.
Foto: Lea Herbst
Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie immer wieder vor Gefahren in Sicherheit gebracht – unter anderem während der Hussitenkriege, in der Zeit der Reformation sowie während der schwedischen Kriege. Sie überstand außerdem den verheerenden Brand der Kirche und großer Teile der Stadt im 18. Jahrhundert.
„Musik, Sprache und Glaube verbinden Menschen über Generationen hinweg. Diese Wallfahrt zeigt, dass unsere Traditionen auch heute noch lebendig sind.“
Am 3. Juli 1966 wurde die Marienfigur von Erzbischof Bolesław Kominek feierlich gekrönt. Rund 150.000 Pilger nahmen damals an den Feierlichkeiten teil. Am 3. Juli 2026 beging die Pfarrgemeinde das 60. Jubiläum dieser Krönung. Aus diesem Anlass wurden zusätzlich Reliquien aus dem Loretohaus sowie der heiligen Alfons, Klemens und Gerhard im Sockel der Figur eingesetzt. Die besondere Bedeutung der Kirche wurde bereits 2008 unterstrichen, als Papst Benedikt XVI. sie zur Basilica minor erhob.
Pilger teilen ihre Erfahrungen
Pater Marian Bernard Arndt, der seit mehr als 50 Jahren als Priester tätig ist, erzählte im Gespräch mit Neues Wochenblatt.pl nach der Messe, wie er Wartha kennenlernte:
„Auf meine Priesterweihe habe ich mich in Glatz vorbereitet. Damals lernte ich Wartha kennen und nahm an den Wallfahrten teil. Es waren noch keine deutschen Wallfahrten. Für mich war damals alles neu, aber die Basilika und die Marienfigur haben mich sofort fasziniert. Dass es auch Wallfahrten der deutschen Minderheit gibt, habe ich erst später erfahren.“

Ein Gruppenbild mit einem Teil der Teilnehmer der Wallfahrt.
Foto: Lea Herbst
Seit rund zwanzig Jahren organisiert Pater Arndt die Wallfahrt der deutschen Minderheit. Anfangs sei die Gruppe noch klein gewesen. Umso mehr freue er sich darüber, wie sich die Wallfahrt im Laufe der Jahre entwickelt habe.
Auf die Frage nach der Situation nach dem Zweiten Weltkrieg erklärte er:
„Die deutsche Sprache und die deutsche Seelsorge waren in Oberschlesien verboten. In der Erzdiözese Breslau wurden sie jedoch geduldet.“
In den 1970er Jahren seien viele Gläubige aus Niederschlesien und vereinzelt auch aus Oberschlesien nach Wartha gekommen. Der zweite Sonntag im Juli sei bewusst gewählt worden, weil an diesem Tag früher das Fest Mariä Heimsuchung gefeiert wurde. Schon vor der politischen Wende habe sich dieser Termin etabliert.
Ein anderer Seelsorger habe ihm erzählt, dass die Kirche in den 1970er Jahren bei den deutschen Wallfahrten bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen sei. Damals sei die Kirche für viele Menschen ein Ort der Freiheit gewesen.

Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung in Wartha
Foto: Lea Herbst
Auf die Frage nach der Zukunft der Wallfahrt antwortete Pater Arndt:
„Damals gab es noch viele deutsche Familien. Viele von ihnen sind inzwischen verstorben oder nach Deutschland ausgewandert. Außerdem hat sich die Bedeutung der Religion in den vergangenen Jahrzehnten leider verändert. Dafür gibt es viele Gründe.“
Heute seien die Pilgergruppen zwar kleiner als früher, dennoch nähmen die Gläubigen mit großer Freude und großer Treue Jahr für Jahr an der Wallfahrt teil.
Die 91-jährige Doris Stempowska aus Waldenburg erzählte, dass sie „schon immer“ an der Wallfahrt teilnehme. Mit einem Lächeln fügte sie hinzu: „Nur laufen kann ich nicht mehr.“ Gemeinsam mit ihrem Sohn Leopold nahm sie jedoch an der gesamten Messe sowie an der anschließenden Verehrung der Marienfigur teil. Trotz ihres hohen Alters beeindruckte sie mit ihrem Humor und ihrem ausgezeichneten Gedächtnis. Sicher hätte sie noch viele spannende Geschichten erzählen können – doch dafür reichte die Zeit leider nicht.
Ein leckeres Souvenir zum Mitbringen
Nach einer langen Wallfahrt freuen sich viele Pilger auf eine kleine Stärkung. Eine besondere Tradition in Wartha ist dabei der Kauf von Lebkuchen. Das Gebäck eignet sich dafür besonders gut: Es ist lange haltbar und entwickelt mit der Zeit sogar ein noch intensiveres Aroma.

Das 2014 von Liebhabern angebrachte Schild.
Foto: Lea Herbst
So entstand im Laufe der Jahre die Tradition, nach der Wallfahrt eine süße Erinnerung mit nach Hause zu nehmen. Kein Wunder also, dass Joseph Gerlich bereits 1842 in Wartha ein entsprechendes Unternehmen gründete. Aus einer kleinen Verkaufsbude entwickelte sich der Betrieb bis 1914 zu einem Geschäft in einem vierstöckigen Mietshaus.
Mit dem Zweiten Weltkrieg endete diese Tradition jedoch vorerst. Die Besitzer der Lebkuchenbetriebe, die davon ihren Lebensunterhalt bestritten, wurden nach Deutschland vertrieben. Die Rezepte wurden über viele Jahre hinweg streng gehütet, sodass die Herstellung der traditionellen Lebkuchen zunächst in Vergessenheit geriet.

Die Lebkuchen im Geschäft, sorgfältig verpackt.
Foto: Lea Herbst
Erst als Johanna Prause, eine Nachfahrin der Familie Gerlich, die alten Rezepte im Jahr 2015 für die Herstellung der kleinen Lebkuchen weitergab, konnte diese Tradition wiederbelebt werden. Heute wird die Geschichte der Warthaer Lebkuchen in dem Geschäft Bardzkie Pierniki am Marktplatz fortgeführt.
Wie es endete … und wie es weitergeht
Zum Abschluss der Wallfahrt versammelten sich die Teilnehmer noch einmal vor der Kirche, um gemeinsam zu musizieren und zu singen. Anschließend entstand ein Gruppenfoto – auch wenn darauf leider nicht alle Teilnehmer der Feierlichkeiten zu sehen sind.
Die Pilger verabschiedeten sich mit der Vorfreude auf die nächste gemeinsame Wallfahrt nach Albendorf.
Eines wurde an diesem Tag deutlich: Die Wallfahrt der deutschen Minderheit nach Wartha ist nicht nur ein Ausdruck des Glaubens, sondern auch ein Ort der Begegnung, des Erinnerns und der Pflege gemeinsamer Traditionen. Sie verbindet Menschen verschiedener Generationen und zeigt, dass Sprache, Kultur und Glaube auch nach vielen Jahrzehnten weiterhin lebendig bleiben.