Minderheiten im Dialog

Impulse einer Studienreise zwischen Tradition und Zukunft

14 Juli 2026, 17:00 Kultur

Von Sankelmark bis Sonderburg: Eine Delegation aus Oppeln und Schlesien suchte im deutsch-dänischen Grenzgebiet nach neuen Wegen für die Minderheitenarbeit. Das Ergebnis ist ein intensiver Dialog über Bildung, Geschichte und das mutige Bekenntnis zur eigenen Identität.

„Diese Reise war kein Zufall, sondern die logische Fortsetzung unserer Arbeit“, erklärt Dr. Marek Mazurkiewicz vom Schlesischen Institut und der Universität Oppeln. Nach dem Minderheitenkongress im September 2025 war der Wunsch groß, die Kontakte zum Europäischen Zentrum für Minderheitenfragen (ECMI) und dem Minderheiten-Kompetenz-Netzwerk (MKN) zu vertiefen. „Wir wollten nicht nur Institutionen sehen, sondern mit den Menschen ins Gespräch kommen.“

Ein „Miteinander“ als gelebtes Modell

Die Gruppe war bewusst heterogen zusammengestellt. „Wir brauchten Forscher, NGO-Vertreter und Praktiker aus den Schulen“, so Mazurkiewicz weiter. Mit dabei waren unter anderem Vertreter des VdG, des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit, lokale Bildungsakteure sowie Doktoranden der Universität Oppeln, die sich mit der Thematik der Minderheiten im Rahmen ihres Studiums auseinandersetzen.

„Diese Reise war kein Zufall, sondern die logische Fortsetzung unserer Arbeit“, erklärt Dr. Marek Mazurkiewicz vom Schlesischen Institut und der Universität Oppeln

Für Sebastian Gerstenberg, Deutschlehrer und Vorsitzender der deutschen Minderheit in der Gemeinde Oberglogau, war die Atmosphäre in Schleswig-Holstein eine Offenbarung: „Ich nehme vor allem das beeindruckende Beispiel mit, wie Deutsche, Dänen, Friesen sowie Sinti und Roma friedlich zusammenleben. Dieses Miteinander zeigt, dass Vielfalt eine Stärke ist, wenn sie von Respekt getragen wird.“

Geschichte: Vom Ballast zur Inspiration

Ein zentraler Punkt des Programms war die Aufarbeitung der Geschichte, insbesondere das Schicksalsjahr 1920, in dem Volksabstimmungen die Grenzen neu zogen. Marek Mazurkiewicz sieht hier klare Parallelen zu Oberschlesien: „In der Geschichte der Grenzregionen gibt es viele Ähnlichkeiten. Aber der Umgang damit unterscheidet sich. Im deutsch-dänischen Grenzland ist die Geschichte kein politischer Zankapfel mehr.“ Er fügt nachdenklich hinzu: „Bei uns kehrt die Geschichte oft zurück, um die Zukunft zu belasten. Dort lernt man aus der Vergangenheit, um die Gegenwart besser zu gestalten.“

Die Delegation vor der dänischen Duborg-Skolen in Flensburg. Hier ist Zweisprachigkeit der Schlüssel zur Zukunft: Wer hier seinen Abschluss macht, kann seinen schulischen und beruflichen Weg sowohl in Deutschland als auch in Dänemark fortsetzen. Zwar müssen die Schüler durch das bilinguale System ein höheres Pensum leisten, profitieren dafür aber von deutlich mehr Möglichkeiten auf dem europäischen Arbeitsmarkt. Foto: Manuela Leibig

Sebastian Gerstenberg ergänzt die emotionale Komponente: „Wir hatten fast 45 Jahre lang eine Zeit, in der die deutsche Sprache verboten war. Viele Menschen tragen noch immer Scham oder Unsicherheit in sich. Die ehrliche Auseinandersetzung, die wir hier im Norden beim Besuch des Deutschen Museums in Sonderburg oder am Knivsberg gesehen haben, führt zu einem neuen Selbstbewusstsein.“

Bildung und Identität: Mehr als nur Lehrbücher

Ein Schwerpunkt der Reise lag auf der Bildung, vom Besuch der dänischen Duborg Skolen in Flensburg bis zum Kennenlernen der deutschen Schulen in Dänemark (Deutscher Schul- und Sprachverein für Nordschleswig, DSSV). Karolina Kazik, beim VdG für die deutschen Kinderclubs zuständig, suchte gezielt nach praktischen Anregungen: „Im Zentrum standen Fragen wie: Wie setzt sich die Identität eines Minderheitenangehörigen heute zusammen? Schließen sich dänische und deutsche Identität aus? Die Antwort, die wir fanden, war eine sehr offene Haltung.“

Simone Sippel vom Deutschen Schul- und Sprachverein für Nordschleswig (DSSV) im Gespräch mit der Delegation. Sie erläuterte die Strukturen und die Arbeitsweise des deutschen Schulwesens in Dänemark und gab wertvolle Einblicke, wie die Bildungseinrichtungen der Minderheit erfolgreich organisiert sind und gefördert werden.
Foto: Manuela Leibig

Besonders beeindruckt zeigte sich Karolina Kazik vom Nordfriisk Instituut in Bredstedt. „Die Friesen machen keine klassischen Schulbücher, sondern entwickeln flexible Bildungsmaterialien und eine Online-Plattform. Da es viele Dialekte gibt, ist dieser kleinteilige, digitale Ansatz extrem effizient“, erklärt sie. „Das ist ein Vorbild für uns, wenn wir über modernen Unterricht von Deutsch als Minderheitensprache nachdenken.“

Sebastian Gerstenberg sieht das ähnlich: „Als Lehrer nehme ich viele Impulse für die Sprachförderung mit. Es geht darum, die eigene Identität junger Menschen zu stärken. Das Beispiel aus der Grenzregion zeigt, dass die bewusste Pflege der Muttersprache zu neuem Selbstvertrauen führt.“

Ein intensiver Austausch mit Folgen

Das Programm war straff – oft wurde bis spät nach dem Abendessen diskutiert. „Es war ein reger Austausch, weil wir unsere schlesischen Erfahrungen direkt mit den Beispielen vor Ort vergleichen konnten“, erklärt Marek Mazurkiewicz.

Auch wenn man das dänisch-deutsche Modell nicht eins zu eins auf Polen übertragen kann, so bleibt die Inspiration. „Wir können die Vergangenheit nicht ändern“, resümiert Mazurkiewicz, „aber wir können sie als Motivation für bessere gegenwärtige Beziehungen nehmen – nicht nur im deutsch-polnischen, sondern vielleicht sogar im polnisch-ukrainischen Kontext.“

Einblick in die friesische Kultur: Die Teilnehmer der Studienreise besuchen die Ausstellung im Nordfriisk Instituut in Bredstedt. Das Institut beeindruckte die Delegation besonders durch seine innovativen und flexiblen Ansätze bei der Sprachförderung.
Foto: privat

Karolina Kazik fasst ihre Eindrücke zusammen: „Ich nehme eine stärkere Achtung für Diversität in allen Aspekten der Gesellschaft mit. Es war intensiv, spannend und vor allem: sehr praktisch orientiert.“

Die Reise nach Sankelmark war somit mehr als eine Exkursion – sie war eine Ermutigung für die Minderheitenarbeit in Schlesien, Identität nicht als Rückzug, sondern als Brücke zur Mehrheitsgesellschaft zu verstehen.

Infobox: Die Stationen der Reise

  • Akademiezentrum Sankelmark: Basis für den theoretischen Austausch.
  • Apenrade & Sonderburg (DK): Besuch der deutschen Minderheit und des Deutschen Museums.
  • Bredstedt & Risum-Lindholm: Einblick in die friesische Kultur und das Frieseninstitut.
  • Flensburg: Besuch der Duborg Skolen (dänisches Gymnasium).
  • Themen: Minderheitenmodell 1920, Sinti und Roma in Schleswig-Holstein, zweisprachige Bildung, Identitäts-Workshops („Who We Are“).
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