Goethe in Tarnowitz
Am 4. September 1790 besuchte Johann Wolfgang Goethe – einer der bedeutendsten Schriftsteller der europäischen Literatur, Autor des „Faust“, aber auch Staatsbeamter, Naturforscher und Bergbau-Enthusiast – Tarnowitz. Seine Reise nach Oberschlesien hatte keinen literarischen Charakter. Er kam hierher, um die modernen technischen Lösungen kennenzulernen, die in der lokalen Bergbauindustrie eingesetzt wurden.
Ende des 18. Jahrhunderts gehörte Tarnowitz zu den wichtigsten Bergbauzentren des Königreichs Preußen. Hier wurden Silber- und Bleierze abgebaut, und die örtlichen Gruben galten als eine der modernsten in Europa. Besondere Aufmerksamkeit erregte die 1788 in Betrieb genommene Dampfmaschine zur Entwässerung der Grube – die erste Anlage dieser Art auf dem europäischen Kontinent. Goethe reiste zusammen mit Fürst Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach, seinem Freund und Vorgesetzten. Obwohl er heute vor allem als Dichter in Erinnerung ist, bekleidete er in Weimar viele wichtige staatliche Ämter. Er war Mitglied des Geheimen Rates, beaufsichtigte die Finanzen, Straßen, Forstwirtschaft und den Bergbau. Besonders interessierten ihn die Bergwerke in Ilmenau, daher wollte er sich persönlich mit den Leistungen der schlesischen Bergleute vertraut machen.

Goethes Landhaus in Tarnowitz – an der heutigen Górnicza-Straße 7.
fot. Wikipedia
Nachhaltige Spur
Goethes Interessen gingen weit über die Literatur hinaus. Er beschäftigte sich mit Mineralogie, Geologie, Botanik, Anatomie und Meteorologie. Im Laufe der Jahre trug er eine riesige Mineraliensammlung zusammen, sammelte auf Reisen Gesteinsproben und führte geologische Beobachtungen durch. In Schlesien besuchte er auch Breslau, Beuthen, Reichenstein, Bad Landeck, die Große Heuscheuer und die Schneekoppe. Er reiste sogar weiter – nach Groß Salze (Wieliczka).
Goethes Aufenthalt hinterließ eine nachhaltige Spur in der Stadtgeschichte. In das Goldene Buch der Grube „Friedrich“ schrieb er einen Vierzeiler:
Fern von gebildeten Menschen, am Ende des Reiches, wer hilft euch,
Schätze finden und sie glücklich ans Licht zu bringen?
Nur Verstand und Redlichkeit helfen, es führen die beiden
Schlüssel zu jeglichem Schatz, den die Erde verwahrt.
Goethes Interessen gingen weit über die Literatur hinaus. Er beschäftigte sich mit Mineralogie, Geologie, Botanik, Anatomie und Meteorologie.
Nicht nur Dichter
Der Vers unterstreicht die Bedeutung von Wissen, Erfahrung und Ehrlichkeit in der Arbeit der Bergleute. Nicht alle Zeitgenossen nahmen ihn jedoch wohlwollend auf. Die Worte von der „Ferne von gebildeten Menschen“ empfanden einige Bewohner als Stichelei gegen die Stadt, obwohl Goethe damit höchstwahrscheinlich nur die Lage Tarnowitz’ an der Peripherie des Staates betonen wollte.
Der Besuch des Autors des „Faust“ erinnert daran, dass er nicht nur ein großer Dichter war, sondern auch ein Mann der Wissenschaft und der Verwaltung. Nach Tarnowitz zog ihn die Faszination für Technik, Bergbau und die in der Erde verborgenen Reichtümer – Interessen, die ihn sein ganzes Leben lang begleiteten. Die Anwesenheit Goethes in Tarnowitz ist eine der am besten dokumentierten Episoden, die die Geschichte der Stadt mit der Geschichte der europäischen Kultur und Wissenschaft verbinden.