Mohrungen

Schicksale der Bewohner Ostpreußens: Das unbekannte Leben des Marian

19 Mai 2026, 17:00 Geschichte

Fast jeder in Mohrungen kannte Marian Balcewicz. Doch obwohl er in der Stadt sehr bekannt war, kannten nur wenige seine wahre Geschichte. Erst kurz vor seinem Tod erzählte er sie einem Freund. Danach verschwand diese Erzählung für viele Jahre. Vor Kurzem kam sie jedoch wieder ans Licht.

Ein geheimnisvolles Manuskript

Anfang März informierte Pfarrer Dariusz Piórowski aus der Pfarrgemeinde Mohrungen Renata Ciszewska von der örtlichen Gesellschaft der Deutschen Minderheit „Herder“, dass eine Gemeindemitglied beim Aufräumen des Büros ihres verstorbenen Vaters ein Manuskript gefunden habe, das die Kindheit eines gewissen Marian beschreibe. Da aus dem Text hervorging, dass es sich um einen Deutschen handelte, war er der Meinung, das Dokument könnte den Verein interessieren, und beschloss, es weiterzugeben.

„Ich habe dieses Manuskript gelesen. Es hat mich sehr bewegt, denn die darin beschriebene Geschichte war tragisch, wenn auch typisch für unsere Gegend. Sie handelte vom Einmarsch der Roten Armee in Ostpreußen im Winter 1945 und von dem, was danach geschah“, erzählt Renata Ciszewska.

Gemeinsam mit ihrer Freundin Maryla Moskalonek, der langjährigen Direktorin der Grundschule Nr. 2 in Mohrungen, überlegte sie, wen das Manuskript betreffen und wer es geschrieben haben könnte. Maryla beschloss schließlich, Jerzy Konopka anzurufen – einen pensionierten Lehrer und ehemaligen Pädagogen des Kinderheims in Simnau, der sich als Heimatforscher engagiert.

Jerzy Konopka und Renata Ciszewska betrachten das wiederentdeckte Manuskript.
Foto: Lech Kryszałowicz

Als Jerzy Konopka die Geschichte hörte, antwortete er nur kurz: „Das habe ich geschrieben.“

Am 16. März erschien er persönlich in der Geschäftsstelle der Gesellschaft „Herder“. Er sah sich das Manuskript an und bestätigte: „Das ist meine Handschrift. Ich habe die Geschichte meines Freundes Marian Balcewicz aufgeschrieben. Er erzählte sie mir kurz vor seinem plötzlichen Tod. Er vertraute sie mir an, weil er – genau wie ich – im Kinderheim in Simnau aufgewachsen war, auch wenn er früher dorthin gekommen war als ich. Diese Geschichte hat mich so erschüttert, dass ich zu Hause alles niederschrieb, um es nicht zu vergessen. So entstand dieses Manuskript“, erinnert sich Jerzy Konopka.

Die Geschichte des kleinen Marian

Jerzy Konopka dachte, die Geschichte könnte die Leser einer deutschen Zeitschrift oder eines Heimatbriefs interessieren, deshalb gab er das Manuskript einige Zeit später zur Übersetzung weiter. Der Übersetzer verlor es jedoch. Es war das einzige Exemplar, da der Autor keine Kopie angefertigt hatte. Wie das Dokument Jahre später in der Schublade eines Schreibtischs eines Bewohners von Mohrungen landete, weiß heute niemand.

Als die ersten Emotionen abgeklungen waren, erzählte Jerzy Konopka den Mitgliedern der „Herder“-Gesellschaft die Geschichte von Marian.

Die Geschichte von Marian zeigt, wie viele unerzählte Kriegsschicksale sich noch immer im Gedächtnis der Bewohner des einstigen Ostpreußens verbergen.

Marian war gerade ein Jahr alt, als er im Januar 1945 zusammen mit seiner Mutter und seinem vermutlich vierjährigen Bruder mit dem letzten Militärtransport Mohrungen verließ. Der Zug transportierte verwundete Soldaten. Marians Mutter war Krankenschwester, deshalb durfte sie mitfahren und ihre Kinder mitnehmen.

Der Zug entgleiste in Grünhagen. Die Frau suchte mit ihren Kindern für die Nacht bei Bewohnern des nahegelegenen Kahlau Unterschlupf. Am nächsten Tag marschierten sowjetische Soldaten in das Dorf ein. Sie erschossen Marians Mutter und seinen älteren Bruder. Im Fallen schützte die Frau mit ihrem Körper ihren jüngsten Sohn und rettete ihm so das Leben.

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Wie Marian später ins Kinderheim in Simnau kam, weiß man nicht. Als er etwas älter war, ging er täglich auf die Straße vor dem Gebäude und wartete auf seine Mutter. Das fiel dem Ehepaar Balcewicz aus Mohrungen auf. Sie holten den Jungen aus dem Kinderheim und adoptierten ihn.

Marian erinnerte sich nicht an seine leibliche Mutter. Als die Balcewicz’ ihn aus dem Kinderheim holten, war er überzeugt, dass seine Mutter nun zurückgekehrt sei, um ihn abzuholen. Mit der Zeit erzählten ihm seine Adoptiveltern die Wahrheit. Er erfuhr auch, dass sein Vater deutscher Soldat gewesen und an der Front in Russland gefallen war.

Jerzy Konopka erzählt die Geschichte von Marian, die er im Manuskript festgehalten hat.
Foto: Lech Kryszałowicz

Ein Mann, bekannt in ganz Mohrungen

Als Marian bereits erwachsen war und eine Familie gegründet hatte, fanden ihn Verwandte aus Deutschland. Er besuchte sie und erhielt das Angebot, in Deutschland zu leben, entschied sich jedoch, bei seinen Adoptiveltern zu bleiben.

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Er hatte zwei Söhne, die später nach Deutschland auswanderten. Seine Frau lebt noch heute. In Mohrungen war Marian Balcewicz eine bekannte und beliebte Persönlichkeit. Er engagierte sich ehrenamtlich, war Fahrlehrer und aktiver Sportfunktionär. Im Alter von nur 56 Jahren starb er plötzlich an einem Herzinfarkt.

„Ich weiß nicht einmal, wie er wirklich hieß. In all dem vergaß ich, ihn danach zu fragen, und später war es zu spät“, beendet Jerzy Konopka seine Erzählung.

Doch das ist noch nicht das Ende von Marians Geschichte. Die Gesellschaft „Herder“ möchte das wiederentdeckte Manuskript veröffentlichen. Denn nachdem diese Geschichte nach Jahren wieder ans Licht gekommen ist, sollte sie nicht erneut in Vergessenheit geraten.

Lech Kryszałowicz

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