„Heute würde man einen solchen Vertrag anders formulieren“

4 Mai 2026, 17:00 Politik 1

Interview mit Prof. Dr. Peter Oliver Loew

35 Jahre nach dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag stehen die Beziehungen vor neuen Herausforderungen – und sind zugleich enger denn je. Peter Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts, erklärt, warum der Eindruck einer Krise täuschen kann und weshalb sich beide Länder erst an eine neue Art der Partnerschaft gewöhnen müssen. Im Interview mit Mauro Oliveira spricht er außerdem über die sicherheitspolitische Zusammenarbeit und die Frage, ob symbolische Gesten neue Impulse geben können.

Neues Wochenblatt.pl: Herr Professor Loew, vor 35 Jahren wurde der Vertrag zwischen Deutschland und Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit unterzeichnet. Seit 1991 hat sich viel verändert. Dennoch heißt es zuletzt häufiger, die Beziehungen seien schlechter geworden. Steckt der Nachbarschaftsvertrag in einer Midlife-Crisis?

Peter Oliver Loew: Die deutsch-polnischen Beziehungen sind so gut wie nie zuvor. Betrachtet man alle Ebenen, dann haben die Beziehungen eine Intensität und eine Verflechtung erreicht, die es in der tausendjährigen Beziehungsgeschichte zwischen Deutschland und Polen so noch nicht gegeben hat.

Die Neuaufstellung der Beziehungen um 1989 hat in einem besonderen Moment begonnen – als sich Polen geopolitisch und wirtschaftlich neu orientierte und sich auch Europa neu ordnete. Heute befinden wir uns wieder in einer Phase des Wandels, allerdings unter anderen Vorzeichen: Polen hat einen enormen wirtschaftlichen und politischen Aufstieg erlebt und ist ein selbstbewusster Akteur auf europäischer Ebene.

Es geht also darum, diese Nachbarschaft neu auszubalancieren?

Es braucht vor allem Eingewöhnungszeit an eine Situation, in der Deutschland und Polen gleichberechtigte, auf Augenhöhe agierende Nachbarn sind. Das hat es über viele Jahrhunderte nicht gegeben. Lange Zeit waren die Beziehungen von Ungleichgewichten geprägt – politisch, wirtschaftlich oder strukturell.
Heute ist Polen stark, Polen hat sich stark entwickelt. Und das anzuerkennen, zu respektieren und auch von deutscher Seite immer wieder zu bedenken, dass Polen nicht mehr der Bittsteller ist, das braucht seine Zeit.

Wird das in aktuellen Kommentaren unterschätzt?

Das kommt immer auf die historische Zeitspanne an, auf die wir zurückblicken, um etwas zu vergleichen. Ich bin Historiker und schaue immer weiter zurück und versuche die Dinge etwas in der langen Dauer zu sehen. Wenn man das als Politikanalyst und politischer Kommentator macht, dann hat man in der Regel einen Erfahrungshintergrund von wenigen Jahren, auf die man zurückschaut. Und wenn man die Beziehungen heute etwa mit dem Jahr 2000 oder 2010 vergleicht, da mag es natürlich schon so scheinen, dass die Beziehungen jetzt viel schlechter sind.

„Heute ist Polen stark, Polen hat sich stark entwickelt. Und das anzuerkennen, zu respektieren und auch von deutscher Seite immer wieder zu bedenken, dass Polen nicht mehr der Bittsteller ist, das braucht seine Zeit.“
Peter Oliver Loew

Das war tatsächlich eine Zeit, in der Polen immer noch ein großes Interesse daran hatte, gute nachbarschaftliche, auch symbolisch gute Beziehungen mit Deutschland zu pflegen, weil man auch etwas erreichen wollte in Europa. Man wollte in die Europäische Union aufgenommen werden, man wollte als gleichberechtigtes Mitglied in die westliche Welt aufgenommen werden und anerkannt werden. Auch hatte Deutschland damals noch den Nimbus des wirtschaftlichen Wunderlandes und gleichzeitig auch eine etwas paternalistische Art und Weise mit Polen und mit dem östlichen Europa umzugehen. Das hat sich mittlerweile grundlegend verändert.

Welchen Beitrag hat der Nachbarschaftsvertrag zu dieser Entwicklung geleistet? Kann man das irgendwie benennen oder war das nur ein Element unter vielen?

Das ist sicherlich nur ein Element, weil die Beziehungen zwischen zwei Staaten sich auch ohne Verträge entwickeln. Es gibt kulturellen Austausch und Wirtschaftsaustausch, aber Verträge erleichtern das natürlich ungemein und schaffen einen Rahmen, in dem sich Beziehungen entwickeln.

Peter Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts.
Foto: DPI

Bis heute ist der Vertrag eminent wichtig für den kulturellen Austausch, für die Unterstützung der deutschen Minderheit in Polen und der polnischen Gruppe in Deutschland, für das Deutsch-Polnische Jugendwerk und für viele andere Dinge, die dort geregelt, teilweise auch erst mal erfunden wurden.

Er ist außerdem bis heute das Grundlagendokument für die bilateralen Beziehungen, auch wenn der Vertrag in einigen seiner Aspekte überholt worden ist von den Entwicklungen. Heute würde man einen solchen Vertrag anders formulieren und ihn nicht mehr als Basis für eine Art Entwicklungspartnerschaft Deutschlands betrachten, sondern als ein Vertragsdokument, das die Dinge auf Augenhöhe regelt.

Es gäbe also Bedarf für Veränderungen und eventuell käme da auch ein neuer Vertrag in Betracht. Welche Bereiche sind denn überholt?

Wir haben verschiedentlich darüber diskutiert, ob ein neuer Vertrag sinnvoll und realistisch wäre. Sinnvoll wäre ein neuer Vertrag, aber derzeit ist der Gedanke nicht realistisch, weil die Interessengegensätze zwischen der polnischen und der deutschen Regierung und – vielleicht noch wichtiger – der polnischen und der deutschen Öffentlichkeit relativ groß sind. Es wäre schwierig, einen Konsens für einen neuen Vertragstext zu erreichen.

Stattdessen gibt es Bemühungen, den bestehenden Vertrag zu ergänzen. Am 17. Juni soll ein deutsch-polnisches Verteidigungsabkommen geschlossen werden, das einen Teil des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags erweitert, um neue Aspekte, die damals noch nicht so mitgedacht wurden.

Oder man könnte auch die Frage der grenzüberschreitenden Beziehungen im Grenzraum anders und neu beschreiben und ordnen, um das bilaterale Miteinander auf eine neue Grundlage zu stellen.
Vielleicht ist das zu einem noch runderen Geburtstag des Vertrags, zum 40. oder zum 50., dann möglich.

Ist die Verteidigungszusammenarbeit der kleinste gemeinsame Nenner, den man gefunden hat, oder ist das auch einfach das wichtigste Thema gerade?

Ich glaube, beide Aspekte spielen da eine Rolle. Für die polnische Regierung ist es das mit Abstand wichtigste Thema derzeit. Und es ist natürlich etwas, was die deutsche Politik auch beschäftigt. Sie weiß auch, dass Polen hier ein größeres Sicherheitsbedürfnis hat. Insofern war es relativ einfach, hier zusammenzukommen, wobei ich gespannt bin, wie der Wortlaut dieses Sicherheitsabkommens dann lauten wird. Aber es ist gut, dass ein solches Zeichen – wenigstens ein solches Zeichen – ausgesandt wird, weil es in der polnischen und auch in der deutschen Öffentlichkeit voraussichtlich gut ankommen wird.

In ihrer neuen Verteidigungsstrategie spricht die deutsche Bundesregierung davon, die Bundeswehr zur „stärksten konventionellen Armee Europas“ auszubauen. Könnten solche Formulierungen für neue Spannungen sorgen?

Auch Polen hatte, nach Russlands Überfall auf die Ukraine und dem Beginn des vollumfänglichen Krieges, und im Zusammenhang mit der Stärkung der Polnischen Streitkräfte, den Slogan geprägt, dass Polens Armee die größte konventionelle Armee auf dem europäischen Kontinent westlich von Russland oder westlich der Ukraine sein werde. In diesem Bereich gibt es also eine gewisse symbolische Konkurrenz zwischen Polen und Deutschland.

In Polen klingt es natürlich immer bedrohlich, wenn Deutschland eine große und starke Armee haben möchte. Andererseits kann es auch als Unterstützung verstanden werden, wenn Polen sich nicht alleingelassen fühlt mit seinen militärischen Anstrengungen.

Es ist ja auch klar, dass Deutschlands militärische Ertüchtigung sich nicht gegen Polen oder gegen andere Mitglieder der Europäischen Union richten kann, sondern einzig und allein der Sicherheit Europas zu dienen hat. Wobei das im populistischen Diskurs in Polen manchmal bewusst falsch verstanden wird. Das hilft uns natürlich nicht, aber das sind leider die populistischen Mechanismen der Gegenwart. Und da müssen wir immer wieder tief durchatmen und einfach weitermachen.

Das Deutsche Polen-Institut gibt auch das Deutsch-Polnische Barometer heraus. Das Barometer befragt Menschen in Polen und Deutschland auch nach der Wahrnehmung der deutsch-polnischen Beziehungen. Letztes Jahr war auffällig, dass auch die Bevölkerung die Beziehungen schlechter bewertete als im Vorjahr. 2024 waren es in beiden Ländern etwa 65 Prozent der Befragten, die die Beziehungen als gut wahrgenommen haben. Und 2025 waren es nur noch etwa 50 Prozent. Im Barometer werden etwa fehlende Initiativen als mögliche Ursachen für diese Verschiebung genannt. Was könnten das für Initiativen sein?

Nach dem Amtsantritt der Regierung Tusk gab es verschiedene Anläufe, die Beziehungen politisch neu in Gang zu bringen, etwa durch Regierungskonsultationen. Ein klarer Moment, in dem beide Seiten sichtbar gemeinsame Ziele formulieren und vermitteln konnten, ist bislang aber ausgeblieben.

„Für den Wandel der öffentlichen Wahrnehmung braucht es gelegentlich symbolische Zeichensetzungen. Es war schon sehr gut, dass sich vor wenigen Wochen die beiden Außenminister in Kreisau getroffen haben, in der Jugendbegegnungsstätte, einem Symbol der deutsch-polnischen Beziehungen.“
Peter Oliver Loew

Es gab immer etwas, was dazwischenstand, sei es die Migrationsfrage, die Frage der Grenzkontrollen oder die Frage polnischer Ansprüche oder auch Wahrnehmungen gegenüber Deutschland. Im Hintergrund stand vielleicht auch nach wie vor die Reparationsfrage, die in der polnischen Öffentlichkeit noch eine gewisse Rolle spielt.

Für den Wandel der öffentlichen Wahrnehmung braucht es gelegentlich symbolische Zeichensetzungen. Es war schon sehr gut, dass sich vor wenigen Wochen die beiden Außenminister in Kreisau getroffen haben, in der Jugendbegegnungsstätte, einem Symbol der deutsch-polnischen Beziehungen. Manchmal sind solche nicht alltäglichen Bilder notwendig, die an anderen Orten als in Büroräumen in Warschau und in Berlin aufgenommen werden. Ich hoffe, dass es am 17. Juni, wenn sich die wichtigen Vertreter beider Staaten in Berlin ihr Stelldichein geben, dann zu eben solchen neuen Momenten kommen könnte.

Es werden auch noch andere Vorschläge diskutiert, die die deutsch-polnischen Beziehungen verbessern könnten, die sogenannte humanitäre Geste zum Beispiel. Also die Idee, dass den überlebenden polnischen Opfern der nationalsozialistischen Herrschaft und Besatzung eine Art Entschädigung gezahlt wird. Im letzten Arbeitspapier der Kopernikus-Gruppe, der Sie auch angehören, wird etwa gefordert, dass die humanitäre Geste „jetzt“ realisiert werden soll. Welche Bedeutung könnte dieser Geste zukommen?

Die humanitäre Geste, der Gedenkort für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges und der deutschen Besatzungsherrschaft (Polendenkmal) in Berlin und vielleicht ein Aspekt militärischer Zusammenarbeit waren vor zwei, drei Jahren, unter der Regierung Olaf Scholz, das Angebotspaket an die polnische Seite. Damit versuchte man Polen etwas anzubieten, um die vielen, gerade zur PiS-Zeit entstandenen, Differenzen und Streitigkeiten in den bilateralen Beziehungen zu verbessern.

Der Prozess für das Polendenkmal läuft. Wir haben nicht nur ein provisorisches Polendenkmal in Berlin errichtet, sondern der Wettbewerbsprozess für ein finales, im Bundestag beschlossenes Polendenkmal ist im Gange. Die militärische Zusammenarbeit wird mit dem Sicherheitsabkommen angesprochen werden.

Bei der humanitären Geste bin ich mir jetzt gar nicht mehr sicher, ob das noch etwas ist, was unsere Beziehungen voranbringen wird.
Ich weiß aktuell auch nicht, ob es dazu kommen wird. Es war gedacht als eine symbolische Geste, eine aber durchaus auch materiell spürbare Zahlung an die letzten polnischen überlebenden Kriegsopfer. Das hätte sicherlich auch noch mal einen positiven Impuls bewirkt. Vor gut zehn Jahren, als die Idee erstmals diskutiert wurde, hätte sie sicherlich noch eine andere Wirkung gehabt als heute.

Zur Person

Prof. Dr. Peter Oliver Loew ist Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Er lehrt seit 2009 an der TU Darmstadt, wo er seit 2020 eine Honorarprofessur innehat. Bereits seit 2002 ist er am Deutschen Polen-Institut tätig, dessen Leitung er 2019 übernahm. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Geschichte Polens, Deutschlands und der deutsch-polnischen Beziehungen in der Neuzeit. Zudem beschäftigt er sich mit der Geschichte der Polen in Deutschland sowie mit Danzig und der Region Pommern. Loew übersetzt außerdem Literatur aus dem Polnischen und Englischen ins Deutsche.

Zur Person Foto: Grzegorz Litynski

Der VdG, also der Verband der deutschen sozialkulturellen Gesellschaften in Polen, forderte vor einem Jahr in einer Resolution die Wiederaufnahme der Gespräche im Format des deutsch-polnischen Runden Tischs. In dem mit Blick auf das 35-jährige Jubiläum veröffentlichten Papier fordert der VdG aber auch Gespräche der polnischen und deutschen Regierung mit Vertretern der deutschen Minderheit in einem Format zu führen, „das nicht auf dem völkerrechtlich verbotenen Grundsatz der so genannten Reziprozität aufgebaut ist“. Braucht es da eine Neuausrichtung oder eventuell neue Formate?

Das Grundproblem beim Runden Tisch besteht darin, dass zwei Bevölkerungsgruppen, die nicht unmittelbar vergleichbar sind, am selben Tisch sitzen – eine historische Minderheit, die deutsche in Polen, und eine aus Migration und Zuwanderung entstandene Bevölkerungsgruppe in Deutschland. Deren Rechte und Pflichten gegenüber dem jeweiligen Staat, in dem sie sich befinden, sind aufgrund dieser unterschiedlichen Geschichte ebenso unterschiedlich wie die Rechte und Pflichten des Staates gegenüber diesen Gruppen.
Das hat Gespräche in der Vergangenheit erschwert. Deswegen stehe ich der Idee positiv gegenüber, auch mal nur mit der einen oder mit der anderen Gruppe zu sprechen.

Im Grunde hat uns aber der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag diese Reziprozität ins Nest gelegt. Und da dieser Vertrag nun einmal die Grundlage unserer Beziehungen ist und wir uns irgendwie an ihn gebunden fühlen, werden wir wahrscheinlich nicht darum herumkommen, die Dinge auch in Zukunft gemeinsam zu diskutieren. Aber das heißt ja nicht, dass man nicht auch in anderen Konstellationen miteinander redet.

Das Deutsche Polen-Institut, das Sie leiten, gestaltet die deutsch-polnischen Beziehungen auch mit, etwa durch wissenschaftliche Veröffentlichungen oder auch durch Bildungsprojekte. Gibt es bestimmte Schwerpunkte, die Sie in den nächsten Jahren verfolgen?

Wir sind als Institut in der komfortablen Lage, dass wir rasch reagieren können auf die deutsch-polnischen Beziehungen oder auf die Forschungs- oder Projektinteressen einzelner Mitarbeitender.

Daneben gibt es einzelne Schwerpunkte, etwa eine Ausstellung zur polnischen Romantik, die wir nächstes Jahr in Frankfurt am Main gemeinsam mit dem Ossolineum, dem Nationalinstitut in Breslau organisieren. Denn die polnische Romantik ist aus unserer Sicht eine Schlüsselepoche, um auch das gegenwärtige Polen zu verstehen.
Auch Danzig wird nächstes Jahr im Fokus stehen, im Zusammenhang mit dem 100. Geburtstag von Günter Grass, der für die deutsch-polnischen Beziehungen von eminenter Bedeutung ist.

Überdies organisieren wir dieses Jahr in Berlin zahlreiche Projekte aus Anlass des 35-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft zwischen Warschau und Berlin. Dort wird es etwa Open-Air-Chopin-Konzerte in Berlin geben, nach dem Vorbild aus dem Łazienki-Park in Warschau.

Vielen Dank für das Gespräch.

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