Viele Informationen über das Leben der Deutschen im Nachkriegspolen finden sich in der Landsmannschaftspresse. Naturgemäß standen dabei die Heimatregionen der deutschen Vertriebenen im Fokus ihres Interesses.
Greifen wir also zum Beispiel zum „Gleiwitzer und Beuthener Heimatblatt“ aus der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, bereits nach dem Umbruch, dessen eine Folge die erste Familienzusammenführungsaktion sowie die Möglichkeit relativ ungehinderter Besuche in der alten Heimat war.
In jeder Ausgabe füllte die Rubrik „Als Spätaussiedler begrüßen wir“ viele Seiten, in der nach den Namen einzelner Ortschaften lange Listen der Namen der in den letzten Tagen Angekommenen erschienen. Dies war eine Art Informationsbörse, die es ermöglichte, verlorene Kontakte wiederzubeleben.
Aus der Perspektive der Geschichte der deutschen Minderheit sind besonders die Reiseberichte interessant. Herbert Schmidt teilte in seinem im August 1957 veröffentlichten ausführlichen Bericht über seinen Besuch im heimatlichen Gleiwitz – nicht ohne eine gewisse Portion Kritik – seine Eindrücke unter anderem von Begegnungen mit den Einheimischen:
„Immer wieder höre ich die Frage, was soll denn aus unseren Kindern werden? Zu Hause sprechen die Kinder deutsch, auf der Straße und in der Schule aber polnisch. Es machte mir einen Heidenspaß, mit diesen kleinen Dolmetschern, welche zum Teil barfuß herumlaufen, etwas zu plaudern. Alle wollten etwas über Deutschland wissen, wussten aber auch zu berichten, dass Angehörige in Deutschland leben und sie selbst bald auch aussiedeln. (…)
In der Stadt Gleiwitz leben noch circa 48 000 Deutsche! Ich habe keinen einzigen gesprochen, welcher dort bleiben will!
Sogar diejenigen, die mit einem Polen verheiratet sind, wollen heraus. ‚Im Reich leben ja so viele Polen‘, wurde mir zur Antwort gegeben. Natürlich ist mit dem Wunsch ein Optimismus verbunden, der an Naivität grenzt.“
In der Zeitschrift erscheinen auch Briefe – selbstverständlich anonym veröffentlicht – von Heimatverbliebenen. Ein Brief aus Gleiwitz vom 13. Dezember 1956 zeigt die Zerrissenheit der damaligen Oberschlesier:
„Dem neuen Jahr sehen wir etwas betrübt entgegen. Die Ausreisen nach Deutschland werden sehr erleichtert sein. (…) Wenn wir nur daran denken, Wohnung und Heimat zu verlassen, dazu die persönliche Trennung von lieben Menschen, mit denen man glaubte, bis ans Lebensende verbunden zu sein, dann sind wir nur noch ein Nervenbündel! Es gibt Tage, an denen wir an nichts anderes denken, als daran, dass es in Kürze alles so anders sein wird. Man weiß auch nicht, was Wahrheit und was Parole ist, aber einer macht dem anderen den Kopf heiß. Alles liegt in Gottes Hand.“
Solche private Korrespondenz ist eine der wertvollsten – weil authentischsten – Quellen für das Wissen über das Leben unserer Vorfahren. Leider ist dieser Bestand im Archiv des FZDM bislang nur in marginalen Mengen vorhanden. Daher zum Abschluss des heutigen Feuilletons ein Appell an die Leser auf beiden Seiten der Grenze: Sollten Sie in Ihren Hausarchiven Korrespondenz besitzen, die den Alltag der Deutschen in Polen zeigt, bitten wir Sie, die Möglichkeit einer Übergabe der Originale oder Kopien an die Sammlungen des Forschungszentrums der Deutschen Minderheit zu erwägen.
Michał Matheja