Wie man über deutsch-polnische Beziehungen schreibt und spricht

28 April 2026, 05:00 Politik 125

Seit längerer Zeit ist ein Mangel an Sprache spürbar, mit der sich deutsch-polnische Beziehungen beschreiben ließen, ohne auf abgenutzte Formeln zurückzugreifen: dass „die Beziehungen gut sind“, dass „es Krisen gibt“, aber „wie in jeder Familie – kein Grund zur Sorge besteht“. Doch diese Erzählung reicht zunehmend nicht mehr aus.

Das Problem liegt nicht nur in der Sprache, sondern auch im Fehlen einer politischen Entscheidung, diese Beziehungen neu zu benennen und ihnen eine Richtung zu geben. Es ist deutlich sichtbar, dass derzeit keine der beiden Seiten ein besonderes Interesse daran hat, sie zu vertiefen, und dass Angelegenheiten der „großen Welt“ teilweise die Stagnation in den nachbarschaftlichen Beziehungen überdecken. Viele Fragen bleiben in der Schwebe.

Am stärksten spüren dies die Bewohner der Grenzregion – Menschen, die täglich auf dem Weg zur Arbeit die Grenze überschreiten. Für sie sind deutsch-polnische Beziehungen keine Abstraktion, sondern gelebte Alltagspraxis, die zunehmend belastend wird. Ein Blick auf die Situation an der Grenze genügt: Die Warteschlangen sind nicht verschwunden – im Gegenteil, sie sind länger geworden. Pkw stehen gemeinsam mit Lastwagen, es fehlen getrennte Zufahrtsspuren, Chaos und Frustration nehmen zu. Trotz der vergangenen Monate seit der Wiedereinführung der Kontrollen wurden keine Lösungen erarbeitet, die den Verkehr erleichtern würden.

Grenzkontrolle.
Foto: Ki-generiert

Was haben diese Kontrollen gebracht? Sind sie über die Sphäre innenpolitischer Botschaften und Machtdemonstrationen hinaus überhaupt von Nutzen? Dies ist ein konkretes Beispiel dafür, wie das Fehlen politischer Vereinbarungen sich auf den Alltag der Bürger auswirkt. Sind diese Staus ein Beleg für tatsächliche staatliche Handlungsfähigkeit?

„Die deutsch-polnischen Beziehungen leiden weniger an fehlenden Themen als an einem Mangel an politischem Willen, ihnen eine klare Richtung zu geben.“

Währenddessen bleiben seit Jahren viele wichtige Fragen ungelöst oder werden auf ein angeblich günstigeres „Später“ verschoben. Es fehlt eine ernsthafte Debatte über die Zukunft des deutsch-polnischen Vertrags und über Herausforderungen, die durch unsere Passivität keineswegs verschwinden. Historische Fragen werden ohne größere Diskussion und ohne Begeisterung behandelt, obwohl sie in unseren Gesellschaften – insbesondere in der polnischen – stark nachhallen. Zwar wurde endlich ein Wettbewerb für ein Denkmal für die ermordeten Polen im Zentrum Berlins ausgeschrieben, doch die Frage der Entschädigung für die noch lebenden Opfer des Dritten Reiches in Polen bleibt weiterhin offen.

Es ist daran zu erinnern, dass noch vor den ersten nach den Wahlen 2023 abgehaltenen Regierungskonsultationen – die im Juli 2024 in Warschau stattfanden – Außenminister Radosław Sikorski Deutschland zu mehr Kreativität in den bilateralen Beziehungen aufrief. Nach weiteren Konsultationen – im Dezember 2025 – ist es heute jedoch schwer, eine klare Handlungsrichtung in diesem Bereich zu erkennen. Ähnlich verhält es sich mit den Gesprächen am „Runden Tisch“, die von Monat zu Monat verschoben werden, oft ohne klare Kommunikation der Gründe.

Die zu regelnden Fragen betreffen unmittelbar das Leben von Millionen Menschen auf beiden Seiten der Grenze, die Lebensrealität von Wählerinnen und Wählern, deren Interessen keineswegs mit den Programmen extremer Gruppen übereinstimmen müssen, die an der Grenze politische Aktionen inszenieren. Der Mangel an entschlossenem Handeln treibt sie jedoch gerade in die Arme jener Gruppierungen, die einfache Lösungen versprechen, keinen Aufwand erfordern und in Wirklichkeit antieuropäisch sind und kein Interesse am deutsch-polnischen Dialog haben.

Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse von Meinungsumfragen besonders aufschlussreich. Die Polen betrachten die Beziehungen zu Deutschland zunehmend gleichgültig und pragmatisch – sie halten sie weder für eindeutig gut noch für schlecht. Gleichzeitig wächst die Skepsis gegenüber dem westlichen Nachbarn. Es lohnt sich zu fragen, wie vergleichbare Umfragen auf deutscher Seite ausfallen würden. Kürzlich erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ein Artikel, in dem der deutsche Korrespondent dieser Zeitung in Polen die Polen „auf die Couch legte“, ohne seine eigenen Landsleute derselben Behandlung zu unterziehen. Schließlich liegen die Probleme nicht nur auf einer Seite, sondern auf beiden.

Die Frage lautet daher, ob sich endlich Politiker finden werden, die anerkennen, dass das weitere Aufschieben deutsch-polnischer Angelegenheiten nicht im Interesse beider Staaten liegt. Polen und Deutschland sind für Europa von zentraler Bedeutung, und von ihrer Zusammenarbeit – politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich – hängt die Zukunft des gesamten europäischen Projekts ab. Es werden dringend konkrete, positive Erfolge benötigt, die die Effektivität der Nachbarschaft sichtbar machen. Sind wir nicht in der Lage, langfristige Programme ins Leben zu rufen, die Polen und Deutsche auf verschiedenen Ebenen miteinander verbinden?

Weiteres Zögern ist kein Luxus, sondern ein Verlust, den sich keine der beiden Seiten leisten sollte. Es bleibt die Frage, was aus dem Appell zur Kreativität geworden ist – und ob beiden Seiten heute bloßer Pragmatismus und das Management laufender Krisen genügen – also letztlich deren mediale Inszenierung.

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.
Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.

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