Die wilde Landschaft und der tapfere Römer
Es war einmal, vor langer, langer Zeit, hinter sieben Bergen und sieben Wäldern, mitten in der wildesten aller Wildnisse, ein Land, das man Oberschlesien nannte. Dort wimmelte es von wilden Tieren und wilden Pflanzen – und, wie sollte es anders sein, auch von wilden Menschen. So jedenfalls stellte sich das Land ein Römer namens Valerius vor, der in die Gegend des heutigen Murcki (dt. Emanuelssegen) – eines Stadtteils von Katowice (Kattowitz) – gelangte. Valerius war ein tapferer und edler Ritter des Römischen Reiches, das sich zum Ziel gesetzt hatte, das „Licht der Zivilisation“ in die finsteren Winkel der „barbarischen“ Welt zu tragen – zu jener Welt also, zu der man damals auch das heutige Schlesien zählte. Doch die Einheimischen wollten dieses Licht nicht annehmen; sie leisteten den Eindringlingen sogar offenen Widerstand. Für Valerius endete dies in einer unangenehmen Überraschung: Der tapfere Römer geriet in Gefangenschaft.
So beginnt die Handlung der 1825 veröffentlichten Erzählung „Der schwarze Brunnen“ aus der Feder des in Breslau geborenen Theologen Carl Wunster. Dass Wunster Oberschlesien zum Schauplatz wählt, ist kein Zufall. Bevor er ins Großherzogtum Posen gelangte, wirkte er als Prediger in verschiedenen oberschlesischen Orten und kannte die Region aus eigener Erfahrung.
Zwischen Wirklichkeit und Fantasie
Die Handlung spielt im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Auf dem römischen Thron sitzen zunächst Mark Aurel und später sein Sohn Commodus; an den Grenzen des Reiches wachsen die Spannungen, und neue Kriege mit germanischen Stämmen zeichnen sich ab. Nachdem es Valerius in das Land zwischen Weichsel und Oder verschlagen hat, sieht er sich gezwungen, sich mit Germanen und ihren Verbündeten auseinanderzusetzen – so zumindest stellt Wunster sich die Vergangenheit dieser Gegend vor. Doch dieser historische Rahmen dient dem Autor vor allem als Vorwand: Ihn interessiert die Begegnung zweier Welten – der Zivilisation und der vermeintlichen Barbarei – und die Folgen dieses Zusammenpralls.
Das weitere Schicksal des Valerius entfaltet sich auf zwei Ebenen: der Wirklichkeit und der Fantasie. Zwar gelingt ihm die Flucht aus den Händen germanischer Anführer, doch während er allein durch die Wälder irrt, schwindet seine Hoffnung auf Heimkehr, und die Angst um sein Leben wächst. Als er schließlich, erschöpft von Furcht und langer Wanderung, einen Ort erreicht, den man den Schwarzen Brunnen nennt, verfällt er in einen seltsamen Zustand zwischen Schlaf und Wachsein, in dem ihm Wundersames widerfährt. Aus einer nahen Höhle tritt ein anmutiges Mädchen hervor, bewacht von zwei Bären, und fordert Valerius auf, ihr zu folgen. Der junge Römer gelangt in eine geheimnisvolle Unterwelt voller rätselhafter Gestalten, seltsamer Inschriften und flackernder Lichter. Bald zeigt sich, dass er gegen den schrecklichen Herrscher dieses Reiches und dessen furchterregende Diener kämpfen muss. Das feurige Ungeheuer schreckt und verführt ihn abwechselnd, doch schließlich unterliegt es dem unbeugsamen Willen des Ritters. Denn Valerius besiegt das flammende Monster nicht mit der Waffe, sondern mit Schweigen. Angesichts des Unfassbaren schweigt er, wie es die Inschrift an der Pforte zur Unterwelt gebietet. Es ist einer der faszinierendsten und zugleich bedeutendsten Momente der Erzählung.
Als Valerius aus diesem wunderlichen Traum erwacht, begegnet er einem geheimnisvollen Greis, der ihm im Kampf beigestanden hat und ihm geraten hatte, zu wachen, zu schweigen und zu kämpfen. Dieses Motto wird später noch eine besondere Rolle spielen. Verwirrt folgt Valerius dem Alten auf einen nahegelegenen Hügel, wo sich alle Rätsel lösen sollen. Umso größer ist sein Erstaunen, als sich vor seinen Augen statt endloser Wildnis ein modernes Gehöft erhebt – samt einem Gebäude mit beweglichem Dach, in dem sich ein Observatorium und ein alchemistisches Labor verbergen.

Gefangene Römer und Germanen.
Quelle: Daniel Hock/ Wikipedia
Die Gelehrtenverschwörung und das Vermächtnis
Der Greis stellt sich als Reinhardt vor – ein Germane, ein Einheimischer, vor allem aber ein Schüler des berühmten Philosophen Apollonios von Tyana, jenes legendären Wundertäters, Magiers und Propheten. Den Lehren seines Meisters folgend, widmet sich Reinhardt eingehenden Studien der Natur. Denn er ist überzeugt, dass nicht die Waffengewalt, sondern die Macht der Wissenschaft den „Barbaren“ eines Tages die Herrschaft über die Welt verschaffen werde. Und er arbeitet nicht allein: Die Mitglieder des von Apollonios gegründeten Bundes sind über die ganze Welt verstreut, und auch Oberschlesien bildet ein Glied dieser geheimen Kette.
Als Valerius dieses Geständnis hört, greift er selbstverständlich zur Waffe. Ein solcher Plan erscheint ihm als Bedrohung für die Macht Roms, die er als Ritter zu schützen geschworen hat. Doch die Haltung des Alten und seine Erklärungen verändern seine Sicht der Dinge. Mehr noch: Begeistert von den wunderbaren Erfindungen, die ihm offenbart werden – und nicht minder von der Schönheit von Reinhardts Tochter, jenes anmutigen Mädchens aus der Höhle – schlägt Valerius sich schließlich auf die Seite des Schlesiers. Er erhält die Hand der jungen Frau und kehrt mit ihr nach Rom zurück, wo er sich verpflichtet, den geheimen Bund der Gelehrten weiter auszubauen. Von nun an heißt es für ihn: wachen, kämpfen und schweigen – im Verborgenen wirken, damit die Weisen eines Tages die Welt übernehmen können.
Wunsters Erzählung bricht radikal mit dem im 19. Jahrhundert verbreiteten Stereotyp vom zivilisierten Westen und dem wilden Osten, zu dem damals auch Oberschlesien gezählt wurde. Man könnte sogar sagen: Es handelt sich um eine moderne, wenn auch märchenhaft verkleidete postkoloniale Erzählung, die entschieden mit dem bis heute nachwirkenden Bild Schlesiens als barbarischer, zumindest aber ungebildeter Provinz abrechnet. Der Schwarze Brunnen wird zur Metapher einer verborgenen Welt, unsichtbar für die Umgebung, doch voller kostbarer Schätze. Für Wunster ist dieser Schatz die Wissenschaft – doch nicht nur sie. Denn nachdem Valerius den höllischen Herrscher der Unterwelt besiegt hat, erlischt das unterirdische Feuer allmählich und brennt im Laufe der folgenden Jahrhunderte vollständig aus. Zurück bleiben nur schwarze Steine, die eines Tages an die Oberfläche gelangen und den tapferen Bergleuten Mut und Wohlstand bringen. So liest sich die Erzählung wie ein Gründungsmythos des industriellen Oberschlesiens – und was sie noch pikanter macht, ist die Tatsache, dass ausgerechnet in Emanuelssegen die älteste Steinkohlengrube der Region entstand. Wunster hat keinen Zweifel, dass dieses schwarze Gold ein Segen für das Land sein werde. Und Valerius teilt diese Überzeugung. Die Folgen der Industrialisierung Oberschlesiens sind allerdings eine ganz andere Geschichte. Ob sie tatsächlich ein glückliches Ende hat, muss jede und jeder für sich selbst entscheiden.
Dr. habil. Univ.-Prof. Nina Nowara‑Matusik