Eine bekannte deutsche Schriftstellerin sagte einmal, sie halte sich – wie jede vernünftige Frau – für eine Feministin. Von diesem Moment an habe ich aufgehört, ihre Bücher zu lesen. Nicht etwa, weil mir der Feminismus unwichtig wäre – im Gegenteil. Gerade deshalb empfinde ich solche Parolen als schlicht diskriminierend. Denn wer Feminismus mit einer aufgeklärten, vernünftigen Haltung gleichsetzt und auf der Gegenseite die „unvernünftigen“ Frauen verortet, verschafft der Idee des Feminismus eher neue Gegner als Anhänger.
Allerdings war dies nicht das erste Mal, dass ich mit einer derartigen Irritation konfrontiert wurde. Noch befremdlicher wirkte auf mich die scheinbar harmlose Bemerkung eines hochverdienten Professors, dessen wissenschaftliches Renommee weit über Polen hinausreicht. Mit unverhohlenem Erstaunen ließ er erkennen, dass er sich mich kaum als Feministin vorstellen könne. Für mich war dieser Gelehrte stets ein Sinnbild von Toleranz, Offenheit und intellektueller Vielschichtigkeit gewesen. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass auch er Frauen in Feministinnen und Nichtfeministinnen einteilt.
Heute ist mir das letztlich gleichgültig; selbstverständlich steht es ihm frei, mich so wahrzunehmen, wie er möchte. Warum erwähne ich diese Episoden dennoch? Weil sie zeigen, dass ein scheinbar allgemein verständlicher Begriff wie „Feminismus“ nach wie vor starke Emotionen hervorruft und erhebliche Missverständnisse produziert. Wer solchen Missverständnissen entgehen will, muss deshalb zunächst klären, wovon überhaupt die Rede ist.
Nicht ein Feminismus, sondern viele Feminismen
Zunächst einmal: Den einen Feminismus gibt es nicht, vielmehr existieren unterschiedliche Feminismen. Es handelt sich um gesellschaftliche Phänomene, Emanzipationsbewegungen und ideelle Strömungen, die sich in Polen anders entwickelt haben als in Deutschland, in den Vereinigten Staaten oder anderswo auf der Welt.
Feminismus ist darüber hinaus eine Methode geisteswissenschaftlicher Forschung und eine bestimmte Art der literarischen Lektüre – wiederum mit unterschiedlichen Ausprägungen in Polen, Deutschland oder den USA, trotz gemeinsamer Grundlagen. Schließlich ist Feminismus auch eine Lebenshaltung, und diesem Verständnis fühle ich mich persönlich am nächsten.
Eine Feministin ist für mich eine Frau mit Bewusstsein: Bewusstsein ihrer selbst ebenso wie der Erwartungen, die Familie, Umfeld, Freunde oder die Gesellschaft an Frauen richten. Eine Feministin ist in meinem Verständnis eine innerlich freie Frau, die ihren eigenen Lebensweg bewusst wählt – sei es als Hausfrau, Mutter und Ehefrau, als alleinstehende Frau mit beruflicher Erfüllung oder in ganz anderen Lebensformen. Vielleicht verbindet sie all diese Rollen, vielleicht entscheidet sie sich für keine von ihnen. Entscheidend ist allein, dass es ihre eigene Rolle bleibt, ihre eigene Wahl im Einklang mit ihrem Selbstverständnis.
Selbstverständlich kann auch ein Mann Feminist sein – und zwar genau in diesem Sinn. Feministinnen und Feministen können Menschen überall und jederzeit sein, sofern sie Feminismus als Freiheit zur selbstbestimmten Lebensgestaltung verstehen: als Recht, in erster Linie als Mensch wahrgenommen zu werden, dieselben Rechte zu besitzen und unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft oder Hautfarbe gleich behandelt zu werden.
Wer wäre dann ein Antifeminist? Eben jemand, dessen Haltung darauf beruht, andere Menschen auszugrenzen, abzuwerten oder lächerlich zu machen, nur weil sie nicht seiner eigenen Gruppe, seinem Geschlecht oder seinem Milieu angehören.
Feminismus als Methode der Literaturlektüre
Als akademische Feministin lese ich literarische Texte gern aus genau dieser Perspektive. Dafür braucht es weder große Theorien noch komplizierte Analyseinstrumente. Es genügt, sich zu fragen, wie ein Autor oder eine Autorin, ein Erzähler oder eine Erzählerin auf die Frage des Geschlechts blickt – auf das eigene oder das des Anderen – und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.
Ebenso wichtig ist allerdings die Frage, ob dieser Aspekt überhaupt eine Rolle spielt. Vielleicht tut er das gar nicht. Auch das ist legitim. Feminismus ist schließlich nur eine von vielen wissenschaftlichen Methoden: Die einen finden sie überzeugend, die anderen nicht.
Eichendorff und die Schriftstellerinnen
Wie produktiv eine feministische Lesart bis heute sein kann, zeigt etwa der Fall Joseph von Eichendorffs. Gewöhnlich betrachtet man ihn als vorbildlichen Katholiken, genialen Dichter und insgesamt rechtschaffenen Menschen. Weniger präsent ist hingegen, dass er auch Literaturhistoriker und Verfasser literaturkritischer Abhandlungen war, darunter Über die ethische und religiöse Bedeutung der neueren romantischen Poesie in Deutschland (1847).

Bettina von Arnim, um 1890.
Bild: unbekannter Künstler
Eines der zentralen Kriterien, an denen Eichendorff die Werke seiner Zeitgenossen misst, ist deren Verhältnis zur Religion. Dies bildet den offen ausgesprochenen Bezugsrahmen seiner Analysen. Ein zweiter Aspekt ist weniger offensichtlich, aber nicht minder aufschlussreich: Eichendorff interessiert sich vor allem für Schriftsteller – nicht für Schriftstellerinnen. Novalis, Brentano, Arnim, Heine: In seinen Augen verkörpern sie das Wesen der romantischen Literatur.
Und die Autorinnen? Sie erscheinen allenfalls am Rand – als Ehefrauen, Schwestern oder Freundinnen. Dass sie selbst einen bedeutenden Beitrag zur Romantik geleistet haben, vermag Eichendorff entweder nicht zu erkennen oder nicht erkennen zu wollen.
Frauen und Salons
Der Dichter aus Lubowitz verfasste noch eine weitere Abhandlung – und diesmal tauchen Frauen bereits im Titel auf: Die deutsche Salon-Poesie der Frauen (1847). Doch handelt es sich wirklich um eine positive Überraschung?
Die Salons waren in der Romantik bedeutende kulturelle Zentren gesellschaftlichen Austauschs, der Bildung und der Kunstpflege. Meist wurden sie von Frauen geleitet, die oft selbst schriftstellerisch oder künstlerisch tätig waren. Sie waren jedoch keineswegs bloß Gastgeberinnen, und ihre Werke erschöpften sich keineswegs im „Salonhaften“.
Ein prägnantes Beispiel dafür ist Bettina von Arnim – zweifellos eine der markantesten Persönlichkeiten ihrer Zeit, vielleicht die temperamentvollste unter den Schriftstellerinnen der Romantik. Zudem gehörte sie zu den wenigen Figuren des damaligen Kulturlebens, die sich politisch für Polen engagierten.
Eichendorff allerdings konnte sie nicht ausstehen. Politik – ebenso wie Religion – betrachtete er als männliche Domäne, in die sich Bettina von Arnim seiner Meinung nach unnötig und dilettantisch einmischte. Und wenn sie poetisch schrieb, dann galt ihm dies lediglich als Ausdruck weiblicher Gefühle – implizit: als nichts weiter.
Auch andere Schriftstellerinnen bekommen ihr Fett weg. So prophezeit Eichendorff etwa Sophie von La Roche mit gravitätischer Gewissheit, ihre Briefromane würden künftig nur noch von Literaturhistorikern gelesen werden – von sonst niemandem.
Man könnte nun einwenden, Eichendorffs Urteil sei einseitig und zudem dürfe man moderne Kategorien nicht auf ältere Texte übertragen. Schließlich habe man damals eben so über Frauen gedacht; es sei die Denkweise der Epoche gewesen, der historische Kontext, und Eichendorff sei keineswegs der einzige Antifeminist seiner Zeit.
Gewiss – er war nicht der einzige. Und dennoch galt er als ein durch und durch anständiger Mensch.