Vergessenes Erbe: Das Beuthener Schützenhaus

22 März 2026 Geschichte

Schießsporttraditionen und Kulturzentrum

Wer am Karin-Stanek-Platz in Beuthen vorbeikommt, wird das Beuthener Kulturzentrum für einen typischen Zweckbau aus der Volksrepublik halten. Doch der Schein trügt. Der Kern des Gebäudes stammt aus dem Jahr 1861 und diente als Sitz der Schützengilde, deren Wurzeln bis ins Mittelalter reichen.

Zum Schutze der Stadt

Was für uns heute der Sportverein ist, war im Mittelalter für viele Stadtbewohner die Schützengilde. In vielen Städten Europas förderten die Machthaber diese, damit im Fall einer Belagerung zusätzliche ausgebildete Soldaten die Stadt verteidigen konnten. Mit Bogen, Armbrust und später Pulverbüchsen vertrieben sich die Städter ihre Freizeit bei Schießübungen und Wettbewerben. Dieses Phänomen ging auch an Oberschlesien nicht vorbei. In Beuthen gab es wahrscheinlich schon im 15. Jahrhundert einen Schützenverein, wobei die Tradition für viele Jahre unterbrochen wurde. Erst im Jahr 1728 finanzierte Carl Joseph Henckel von Donnersmarck, der Besitzer der Stadt, einen jährlichen Schützenwettbewerb samt Preis. Der Einsatz der Gilde zum Schutze der Stadt wurde auch von höchster Stelle anerkannt. Im Jahr 1848 verlieh König Wilhelm IV. der Schützengilde für ihre Verdienste um den Schutz Beuthens den Ehrenorden des Hauses Hohenzollern und die Korporationsrechte. Letzteres war besonders hilfreich beim Erwerb von Grundstücken und beim Sammeln von Spenden.

Im 19. Jahrhundert wuchs die Beuthener Schützengilde so stark, dass ein eigenes Schützenhaus nötig wurde. Die Adels- und Industriellenfamilie Henckel von Donnersmarck unterstützte die Gilde bei diesem Vorhaben, indem sie ein Grundstück im Norden Beuthens spendete und den Bau finanzierte. 1861 wurde das einstöckige Schützenhaus eingeweiht. Dieses diente nicht nur als Ort von Schießwettbewerben, sondern auch als Vereinsheim für Feste und gesellige Treffen. In der aufstrebenden Industriestadt Beuthen wurde das Schützenhaus schnell zum Zentrum des bürgerlichen Kulturlebens.

Altes Schützenhaus. Foto: Oberschlesien im Bild, 1928, Nr. 22

Ausbau zur späten Kaiserzeit

Die Beliebtheit der Beuthener Schützen führte zur Jahrhundertwende dazu, dass die Räume nicht mehr ausreichten. Zwischen 1911 und 1912 entstand unter der Leitung des Architekten Eugen Walter ein imposantes, zweigeschossiges Bauwerk mit hohem Satteldach, Arkaden und einem markanten zylindrischen Turm mit Kegeldach. Diese neoklassizistische Struktur verlieh dem Haus Eleganz und Funktionalität: Schwere Proportionen wirkten durch filigrane Elemente leicht und einladend.

Im Ersten Weltkrieg diente das Schützenhaus als Lazarett. In der Zwischenkriegszeit kehrten die kulturellen Funktionen in das Schützenhaus zurück. Die Beuthener Schützenwettbewerbe veränderten sich ebenfalls und hatten in den 1920er-Jahren bereits Volksfestcharakter. Mit dem nächsten Weltkrieg übernahm wieder das Militär das Gebäude, diesmal zum Zwecke der Uniformproduktion.

Kultureller Mittelpunkt ohne Schützen

1945 wurde Beuthen polnisch, und dies war gleichbedeutend mit dem Ende der Schützentraditionen der Stadt. Die neuen kommunistischen Machthaber sahen für diese keinen Platz in der Volksrepublik, obwohl in Beuthen Mitglieder des Schützenvereins verblieben und aus Lemberg Mitglieder der dortigen Schützengilde hierher vertrieben wurden. Das Schützenhaus wurde nun zum städtischen Kulturhaus, und nach 1945 veränderte sich schrittweise das direkte Umfeld. Auf einem Teil des Gartens entstand ein Kindergarten, während die Schießhalle abgerissen wurde und dort eine Grundschule gebaut wurde.

Was sich im ehemaligen Schützenhaus nicht änderte, waren die Kulturveranstaltungen. Ein Puppentheater, Mal- und Fotokreise, Philatelisten- und Modellbauer-Treffen sowie Modeschauen machten es zu einem kulturellen Hotspot. 1968 jedoch platzte der Rahmen – zu viele Aktivitäten erforderten eine Modernisierung.

Kontroverser Umbau

Für 12 Millionen damalige Złoty wurde ein sechs Jahre dauernder Umbau realisiert, der bis heute umstritten ist. Die Modernisierung des Schützenhauses ging nämlich mit einer deutlichen Veränderung seines Erscheinungsbildes einher. Die malerische Fassade verschwand zugunsten funktionaler Beton- und Stahlkonstruktionen; der Charme der Arkaden und des Turms geriet unter modernen Anstrich. Kritiker sprechen von einem Verlust oberschlesischen Erbes, da originale Elemente wie das Satteldach geopfert wurden. Andererseits konnte das ehemalige Schützenhaus seinen kulturellen Funktionen, inklusive eines Veranstaltungsraumes mit 600 Sitzplätzen, nun besser dienen.

Nach dem Umbau ging das rege Kulturleben im Beuthener Kulturhaus weiter. Theaterauftritte, Operetten, Ausstellungen und Kulturvereinigungen aller Art hatten hier ihr Zuhause. Besonders die Jugend konnte hier ihre Talente ausprobieren und profitierte auch von Rock- und Blueskonzerten.

Schützenhaus im Umbau. Foto: Martin Wycisk

Das Beuthener Kulturzentrum heute

Die politische Wende von 1989 brachte auch Veränderungen für das Kulturhaus. Die Finanzierung durch die Kohlegruben entfiel, und die Kommune übernahm in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Verantwortung. 1992 beendete das Städtische Kulturhaus seine Tätigkeit; dafür fand hier das neugegründete Schlesische Tanztheater seinen Sitz. Nach mehreren Satzungsänderungen funktioniert hier nun seit über 25 Jahren das kommunale Beuthener Kulturzentrum (Bytomskie Centrum Kultury, BeCeK). Seit 2007 gibt es hier ein kleines Studio, das ein ambitioniertes Repertoire anbietet und im Sommer jährlich Filmvorführungen im Freien veranstaltet.

Eine besondere Initiative ist das Aglo Festival, das erstmals 2024 stattfand. Während der drei Tage drehte sich alles um die oberschlesische Kultur, Literatur und Geschichte. Zu den Wurzeln des Hauses bekennt sich die Institution und informiert darüber auf ihrer Internetpräsenz.

Dieses Jahr ist das Kulturzentrum wieder wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. So werden u. a. neue Belüftungsanlagen installiert, ein weiterer Veranstaltungssaal im zweiten Stockwerk für 190 Personen gebaut und die bestehenden Säle modernisiert. Die Investitionen im Wert von ca. 17,5 Millionen PLN sind auch dank Fördergeldern der Europäischen Union in Höhe von 12,5 Millionen PLN möglich. Trotz Umbau wird das BeCeK dieses Jahr weiterhin seine Tätigkeit fortsetzen, inklusive des Aglo Festivals.

Wiedergründung des Schützenvereins

Obwohl sich in der Volksrepublik viel in Beuthen veränderte, lebte die Erinnerung an den Schützenverein in der Stadt weiter. Dies inspirierte 1986 zur Neugründung des Schützenvereins. Besonders in der Anfangsphase blieb die Aktivität wegen der Rechtslage in der Volksrepublik Polen begrenzt. Die Gründer verbanden hierbei die Beuthener und Lemberger Schützentraditionen, wobei die letzteren eine größere Rolle spielen.

Zur Besonderheit gehört, dass Beuthen nach Krakau erst die zweite polnische Stadt war, die ihren Schützenverein reaktivieren konnte. Die Gilde ist auch heute noch aktiv und bereichert u. a. die jährlichen Stadtfeste. Dabei sind die Beuthener Schützen auch offen für Neues. So wählten sie 2022 erstmals in Polen eine Frau zur Schützenkönigin.

Im Stadtbild erinnert heute ein Denkmal hinter dem BeCeK an die lange Geschichte der Gilde. Das Original entstand schon 1922 und gedachte dreier Mitglieder, die im Weltkrieg gefallen waren. Das 1945 zerstörte Denkmal wurde 2014 wiederhergestellt, wenn auch nur in polnischer Sprache. Der feierlichen Einweihung wohnten neben den Schützen auch der damalige Stadtpräsident bei. Darüber hinaus trägt heute die Grundschule Nr. 46 den Namen der Beuthener Schützengilde.

Schützendenkmal in Beuthen. Foto: Martin Wycisk

Abschluss

Die Modernisierung des Beuthener Schützenhauses wirft die universelle Frage auf, wie weit Anpassungen der Gebäudefunktion ihr Erscheinungsbild verändern dürfen. Diese Frage stellt sich nicht nur in Oberschlesien, sondern weltweit bei kleinen Renovierungen im Privaten wie auch bei großen öffentlichen Bauten. Die Antworten sind je nach Fall unterschiedlich und auch von den sich stets verändernden Moden abhängig. Das Beuthener Schützenhaus fasziniert aber gerade dadurch, dass es trotz all der Veränderungen um sich herum über 160 Jahre Mittelpunkt des kulturellen Lebens der Stadt geblieben ist.

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