Fürstliche Speisekarte
Im Leben geschieht wohl nichts zufällig – jedes Ereignis hat seine Ursache. So führte uns unser Weg vor Kurzem nach Oppeln, wo wir gegen Mittag in einem Café Platz nahmen und uns einer samtigen heißen Schokolade und aromatischem Kaffee hingaben. Gestärkt beschlossen wir, das Museum des Oppelner Schlesiens zu besuchen. Wir wählten unseren eigenen Rundgang und begannen in den oberen Ausstellungsräumen.
In der ethnografischen Abteilung verweilte ich lange vor alten hölzernen Lebkuchenformen. Ihre ornamentalen Vertiefungen erzählten stumm von Festtagen und süßen Traditionen vergangener Jahrhunderte. Leider blieb ihre museale Beschreibung knapp und geheimnisvoll – fast so, als wollten die Formen ihre Geschichten nur jenen preisgeben, die bereit sind, genauer hinzusehen.
Den stärksten Eindruck jedoch hinterließ die Sonderausstellung über die schlesische Linie des Hauses Württemberg, deren Sommerresidenz sich in Carlsruhe befand – dem heutigen Pokój. Noch bis Ende Mai 2026 kann man hier in die Atmosphäre eines Ortes eintauchen, der einst zu den kulturellen Juwelen Schlesiens zählte.

Postkarte Bad Carlsruhe, 1928.
Quelle: ODB
Der Gründer von Carlsruhe, Herzog Carl Christian Erdmann von Württemberg, soll sich während einer Jagd in den umliegenden Wäldern verirrt haben. Der Ort, den er dabei entdeckte, berührte ihn so sehr, dass er beschloss, hier seine Residenz zu errichten. Der Name „Carlsruhe“ wird oft als Ausdruck jenes inneren Friedens gedeutet, den der Herzog hier gefunden haben soll – ein Gedanke, der mich auch heute noch berührt.
Ein kulturelles Zentrum im Wald
Zuerst entstand ein Wildpark, dann ein Jagdschloss, und in den folgenden Jahren entwickelte sich rund um die Residenz ein lebendiges kulturelles Zentrum. Gäste, die durch die Wälder anreisten, trafen auf ein überraschend pulsierendes Leben: ein Theater, einen Konzertsaal, eine reiche Bibliothek und ein Schloss, dessen Räume mit ebenso viel Fantasie wie praktischem Sinn für Besucher gestaltet waren.
Vielleicht servierte man den Gästen zum Jagdfrühstück geschmortes Rindfleisch oder eine feine Geflügel-Galantine – Gerichte.
Besondere Aufmerksamkeit galt auch der Ausstattung der fürstlichen Tafel. Bei feierlichen Mahlzeiten speiste man von silbernen Servicen mit dem württembergischen Wappen, gefertigt von Breslauer Meistern wie Christian Beyl (CB), Carl Gottlieb Haase (CGH), Johann Gottlieb Schmidt (IGS) und Michael Alex (MA). Auf Reisen begleitete den Herzog ein vergoldetes Mundzeug, geschaffen vom Hofgoldschmied Eduard Foehr. Mit dem Aufschwung der Porzellanmanufakturen bezogen die schlesischen Württemberger ihre Servicen zunehmend aus regionalen Manufakturen – ein Ausdruck jener Verbindung von lokalem Handwerk und höfischer Eleganz, die auch die Küche prägte. Viele dieser Exponate sind in der erwähnten Ausstellung zu sehen.
Die Kunst des Feierns
In der Ecksteins Buchdruckerei, die im Anzeiger für Bad Carlsruhe auch die Beilage Carlsruher Zeitung herausgab, erschienen drei Hefte der Reihe „Aus unserer Heimat“. Der Oberschlesier (1924) veröffentlichte diese historischen Quellen, in denen Friedrich Stumpe über das rege gesellschaftliche Leben schrieb:
Feste feiern ist eine Kunst. Manch Lebenskünstler gestaltet sich jeden Tag zum Feste. Bei Festen lernt man die Menschen kennen, ihr Herz und ihre Seele; denn in den Festen spiegelt sich – wie im Spiel der Kinder – das Herz der Menschen und der Geist der Zeit. So bietet die Beschreibung früherer Feste einen Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte vergangener Zeiten. Carlsruhe war ein festfroher Boden.

Mit dem Aufschwung der Porzellanmanufakturen bezogen die schlesischen Württemberger ihre Servicen zunehmend aus regionalen Manufakturen. Ausstellung im Museum des Oppelner Schlesiens.
Foto: Michał Janik
Unsere Reise in die Vergangenheit beginnt im Sommer 1780: Herzogin Marie Sophie empfängt ihre Tochter Friederike Sophie Charlotte Auguste und serviert den Gästen einfache Speisen der Landküche. Bald darauf beginnt ein Erntetanz, voller Leichtigkeit und Lebensfreude.
Aus dieser Begegnung erwuchs eine Idee mit nachhaltiger Wirkung: die Anlage eines Weinbergs nach dem Vorbild von Grünberg. Noch im selben Jahr traf der aus Württemberg geholte Winzer Eberhardt ein und pflanzte die Reben. Die erste Lese erbrachte sechs Eimer Wein – genug, um den Grundstein für eine fürstliche Tradition zu legen. Als Dank für die Mühe wurde ein Weinfest veranstaltet, das fortan jährlich stattfand und Besucher aus nah und fern anzog. Gleichzeitig legte Eberhardt Obstgärten an, die sowohl die Hofküche als auch die Bevölkerung mit frischen Früchten versorgten.
Was auf den Tisch kam
Während es zahlreiche Beschreibungen darüber gibt, wie in Carlsruhe gefeiert wurde und wer an der fürstlichen Tafel der Württemberger Platz nahm, finden sich hingegen nur wenige Überlieferungen darüber, was bei einem Picknick, einer Jagd oder während der zahlreichen Festlichkeiten aufgetragen wurde.
Die Waldumgebung von Carlsruhe bot sowohl Wild und Wildgeflügel als auch Waldfrüchte: Heidelbeeren, Brombeeren oder Preiselbeeren. Eine Delikatesse waren auch die an den Waldrändern gesammelten Haselnüsse. Am Schloss befand sich in der Anfangszeit eine Orangerie – vielleicht lieferte sie exotische Früchte für die fürstliche Tafel?

Vielleicht servierte man den Gästen in Carlsruhe zum Jagdfrühstück geschmortes Rindfleisch oder eine feine Geflügel-Galantine.
Foto: Michał Janik
So lässt sich die Küche von Carlsruhe vor allem durch ihre Nähe zur Landschaft beschreiben: Fleisch aus der Jagd, Fisch aus den Teichen, Früchte aus den Gärten und Wein aus den eigenen Reben. Vielleicht servierte man den Gästen zum Jagdfrühstück geschmortes Rindfleisch oder eine feine Geflügel-Galantine – Gerichte, wie sie später auch in Nelli von Heimburgs Sammlung höfischer Rezepte Perlen der Kochkunst (1910) beschrieben wurden:
Putenfleisch wird angebraten und dann mit so viel heißem Wasser übergossen, dass es vollständig bedeckt ist. In diese Brühe gibt man Zwiebel, Gewürze, Lorbeerblatt und Salz und schmeckt zuletzt mit etwas Weißwein und Zitronensaft (oder Essig) sorgfältig ab. Wenn das Fleisch (in gut verschlossenem Kochtopf) weich gekocht ist, zerlegt man es und legt es in eine Form. Die Brühe wird mit Eierschaum geklärt, die aufgelöste Gelatine hinzugefügt, durch ein Tuch gegossen und über das Putenfleisch in die Form gegossen. Nach dem Erkalten wird die Speise gestürzt angerichtet. Auf ½ Liter Brühe nimmt man 6 Blätter weiße Gelatine.

Rezept für Gedämpftes Rindfleisch.
Quelle: Nelli von Heimburg, Perlen der Kochkunst, Köslin 1910.
Heute ist von dieser Welt vieles vergangen. Doch in den überlieferten Rezepten, im Glanz des Silbers und in den Geschichten von Wein, Wild und fürstlichen Festen der Württemberger lebt sie weiter – wie ein Sommernachtstraum, bewahrt im Geschmack der Erinnerung an das einstige Carlsruhe in Oberschlesien.
Małgorzata Janik
Echte Schlesische Happen: Erbsensuppe aus dem Kaiser-Automaten