Erster Fußball-Verein der deutschen Minderheit in Polen
Seit einigen Wochen berichten wir über Vereinsfußballgeschichten aus Oberschlesien. Wir begannen mit GKS Szombierki Beuthen – dem sensationellen polnischen Meister von 1980. Darauf folgte die Geschichte des SV 03 Ratibor, des ältesten Fußballvereins in Oberschlesien, der von Deutschen gegründet wurde. Anschließend stellten wir den stärksten Verein aus Gleiwitz vor dem Zweiten Weltkrieg vor – Vorwärts-Rasensport Gleiwitz, ebenfalls von Deutschen gegründet.
Heute entführen wir unsere Leser nach Kattowitz, um eine faszinierende Geschichte zu erzählen.
Preußen 05 Kattowitz, später bekannt als 1. FC Kattowitz, war von 1922 bis 1939 die Mannschaft der deutschen Minderheit in Polen. Der 1. FC Kattowitz wurde 1945 aufgelöst, konnte aber erfreulicherweise 2007 wiedergegründet werden. Um die Geschichte des 1. FC Kattowitz zu erzählen, müssen wir zum 5. Februar 1905 zurückgehen, als die fußballbegeisterten Brüder Emil und Rudolf Fonfara beschlossen, den FC Preußen 05 Kattowitz zu gründen, der fortan schnell an Bedeutung gewann.
Meister von Oberschlesien
Dies wird dadurch belegt, dass der Verein nur ein Jahr nach seiner Gründung Gründungsmitglied des Kattowitzer Ballspiel-Verbandes wurde. Im selben Jahr trat er dem Südostdeutschen Fußball-Verband und in der Folge auch dem Deutschen Fußball-Bund bei. Die professionelle Führung des FC Preußen 05 Kattowitz zeigte sich darin, dass er zwischen 1907 und 1922 fünfmal die Meisterschaft der starken Region Oberschlesien gewann, und zwar in den Jahren 1907, 1908, 1909, 1913 und 1922.
Nach dem Plebiszit in Oberschlesien im Jahr 1922 beendete der FC Preußen 05 Kattowitz seine Teilnahme an deutschen Wettbewerben und spielte über anderthalb Jahrzehnte in polnischen Ligen. Diese Situation währte bis 1939, als Kattowitz Teil des Dritten Reiches wurde. Damals benannte sich der Verein in 1. FC Kattowitz um und wurde schnell zum Liebling der Stadtbevölkerung. Infolgedessen wurde er von Kleinunternehmern unterstützt, die sich der deutschen Minderheit zugehörig fühlten, und die Mannschaft des 1. FC Kattowitz bestand ausschließlich aus Schlesiern.
Die turbulenten 1920er Jahre
Um die Entwicklung und wachsende Stärke des 1. FC Kattowitz angemessen zu veranschaulichen, müssen wir in die 1920er Jahre zurückblicken, denn in dieser Zeit wuchs der Verein am schnellsten. Hervorzuheben ist auch, dass im damaligen Ligasystem die Mannschaften zunächst um die Meisterschaft ihres Bezirks – im Falle des 1. FC Kattowitz um den Titel des besten Vereins in Oberschlesien – und anschließend um die Meisterschaft von Südostdeutschland kämpften. Der beste Verein qualifizierte sich für den K.-o.-Wettbewerb um die deutsche Meisterschaft, an dem 16 Mannschaften teilnahmen.

Am 5. Februar 1905 wurde in diesem Gebäude der Fußballverein FC Preußen 05 Kattowitz gegründet, später besser bekannt als 1. FC Kattowitz.
Foto: Schlesinger/Wikipedia
Dort schlugen sich die Oberschlesier zunächst recht gut, denn in der Saison 1922 belegte der 1. FC Kattowitz den dritten Platz in der südostdeutschen Liga. Noch im selben Jahr wurde der Verein jedoch auf Druck der polnischen Behörden in I. Klub Piłkarski (I. Fußballverein) umbenannt und später, nach einem gewonnenen Gerichtsverfahren, in Erster Fußball-Club Kattowitz, also 1. FC Kattowitz.
Die weiteren Geschicke des Vereins blieben turbulent. So gehörte der 1. FC Kattowitz bereits in der Saison 1927 zu den Gründungsmitgliedern der polnischen Liga und besiegte in seinem Ligadebüt Ruch Bismarckhütte/Hajduki Wielkie (heute Ruch Königshütte/Chorzów) mit 7:0. Am Ende wurde der 1. FC Kattowitz in der ersten Saison der polnischen Liga Vizemeister.
Die Väter des Erfolgs
Der Vizemeistertitel wurde als großer Erfolg gewertet. Er wurde der gesamten Mannschaft, dem Trainerstab und der Vereinsführung zugeschrieben, doch den größten Beitrag leistete zweifellos Torwart Emil Görlitz, der später als erster Oberschlesier in die polnische Nationalmannschaft berufen wurde. Auch Otto Heidenreich, der herausragende Verteidiger des 1. FC Kattowitz, der von Fußballexperten seiner Zeit als einer der besten Verteidiger Europas angesehen wurde, trug maßgeblich zum Gewinn der Silbermedaille bei.
Der 1. FC Kattowitz war von 1922 bis 1939 die Mannschaft der deutschen Minderheit in Polen.
Zu den Vätern des Erfolgs des 1. FC Kattowitz im Jahr 1927 zählten zudem die erstklassigen Stürmer Jerzy Görlitz, der in der Saison des Vizemeistertitels 21 Tore erzielte, und Tadeusz Geissler, der nur zwei Treffer weniger verbuchte. Erwähnenswert ist auch, dass Verteidiger Otto Heidenreich für die polnische Nationalmannschaft nominiert wurde, das Angebot jedoch ablehnte. Er begründete seine Entscheidung damit, dass er sich nicht im Entferntesten als Pole fühle. Anzumerken ist zudem, dass der Kattowitzer Verein in der Saison 1928 einen respektablen fünften Platz in der polnischen Ekstraklasa erreichte.
Zeit der Stagnation
Gerade als es schien, als würde der 1. FC Kattowitz eine noch bedeutendere Rolle im Fußball spielen, setzte um die Wende der 1920er und 1930er Jahre eine Phase der Stagnation ein. Der Verein wurde deutlich schwächer, was 1929 zum Abstieg in die Schlesische Bezirksliga führte. 1932 gelang es den Kattowitzern allerdings, den ersten Platz in der Bezirksliga zu erringen, wodurch sie Meister des polnischen Teils von Oberschlesien wurden und sich für die Aufstiegsspiele zur Ekstraklasa qualifizierten.
Der 1. FC Kattowitz bestritt dabei zwei Spiele gegen den Meister der Kielcer Regionalliga, Warta Zawiercie, und gewann beide – das Hinspiel mit 5:2 und das Rückspiel mit 6:2. In der nächsten Phase lieferten sich die Kattowitzer ein Hin- und Rückspiel gegen den Gewinner der Krakauer Regionalliga, Podgórze Krakau, verloren jedoch beide Partien mit 1:2 und 1:3.
Von da an ging es mit dem 1. FC Kattowitz bergab. 1934 wurde der Verein wegen angeblich provokanter, antipolnischer Äußerungen mit einer hohen Geldstrafe belegt und verkaufte sein berühmtes Eigengewächs Ernst Wilimowski an Ruch Bismarckhütte. Apropos große Namen, die mit dem 1. FC Kattowitz verbunden sind: Richard Herrmann, später deutscher Nationalspieler, spielte von 1934 bis 1945 für den Verein und gewann 1954 in der Schweiz die Weltmeisterschaft.
Suspendiert, reaktiviert, aufgelöst
Zurück zur Geschichte des 1. FC Kattowitz: Er wurde 1939, drei Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, von den polnischen Behörden suspendiert. Während des Krieges wurde er von den deutschen Behörden reaktiviert, und der Verein verpflichtete ehemalige Nationalspieler aus Kattowitz, allen voran Ernst Wilimowski, Erwin Nyc und Ewald Dytko.
Trotz dieser namhaften Transfers konnte der 1. FC Kattowitz die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen. In der schlesischen Liga, der „Gauliga Schlesien“, belegten die Kattowitzer 1941 den vierten, ein Jahr später den siebten, 1943 den achten und 1944 erneut den siebten Platz. Anschließend verließen viele Spieler die Mannschaft. Die größten Stars Erwin Nyc und Ewald Dytko wurden zur Wehrmacht eingezogen, während Ernst Wilimowski ins Innere Deutschlands ging. Es sei jedoch hinzugefügt, dass der 1. FC Kattowitz in der letzten, unvollendeten Saison 1945 auf dem ersten Tabellenplatz lag.
Letztlich löste sich der Verein 1945 auf, und es schien, als sei seine Geschichte für immer beendet. Doch dem war nicht so.
Der Verein wird wiedergeboren
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs flohen deutschstämmige Kattowitzer nach Deutschland oder wurden dorthin vertrieben. Viele von ihnen kamen nach Salzgitter in Niedersachsen, wo der ehemalige Vereinspräsident Georg Joschke 1965 die „Traditionsgemeinschaft 1. FC Kattowitz“ gründete. Ehemalige Spieler des 1. FC Kattowitz wie Ernst Joschke, Emil Görlitz und Otto Heidenreich besuchten ebenfalls diese Treffen.

Das Vereinslogo, das bis 1945 verwendet wurde.
Foto: Schlesinger/Wikipedia
Dies veranlasste die Stadt Salzgitter, die „Gedenkstube für den 1. FC Kattowitz“ zu finanzieren. 1980 veranstaltete die Stadt Salzgitter zudem eine Feier zum 75-jährigen Bestehen des Vereins. Dabei wurden dem Stadtarchiv wertvolle Dokumente übergeben, darunter das Vereinsalbum mit Hunderten von Fotos und Dokumenten, die zuvor als verschollen galten. Es stellte sich jedoch heraus, dass das Album nach dem Krieg in Kattowitz versteckt worden war und Emil Görlitz es von dort nach Ostdeutschland und später nach Salzgitter geschmuggelt hatte.
Die guten Nachrichten rissen nicht ab. Im Dezember 2006, wenige Monate nach der Weltmeisterschaft in Deutschland, fand die erste Gründungsversammlung zur Reaktivierung des Vereins statt. Das Ergebnis: Am 13. April 2007 wurde der 1. FC Katowice gerichtlich registriert und beim Bezirksfußballverband angemeldet. Im Mai 2007 nahm der Schlesische Fußballverband (ŚLZPN) den Verein in seine Reihen auf.
Gleiche Farben, anderes Wappen
Der reaktivierte Verein behielt seine alten Vereinsfarben Schwarz und Weiß, das Vereinswappen wurde jedoch geändert. In der Saison 2007/08 durfte die Herrenmannschaft in der B-Klasse antreten. Gegründet wurden auch eine Frauenmannschaft des 1. FC Katowice sowie eine Fußballakademie für Kinder. Die Herrenmannschaft belegte in der Saison 2007/08 den ersten Platz in der B-Klasse und stieg damit in die A-Klasse auf.
Ein Jahr später, 2009, wurde beschlossen, die Herren- und Damenabteilung des 1. FC Katowice zu trennen. Dies schadete der Frauenmannschaft offensichtlich nicht, denn sie spielte in den Saisons 2010/11, 2011/12 und 2014/15 in der polnischen Ekstraliga. Mehr noch: Am 4. Dezember 2010 gewann sie sogar die polnische Hallenmeisterschaft.
Zum Abschluss der bewegten Geschichte des 1. FC Kattowitz seien die größten Erfolge des Vereins erwähnt:
- 1906: Meister des Kattowitzer Fußballverbands
- 1907, 1908, 1909, 1913, 1922: Oberschlesischer Meister
- 1908, 1909, 1913: Vizemeister Südostdeutschlands
- 1927: Polnischer Vizemeister
- 1932: Meister des polnischen Teils von Oberschlesien
Krzysztof Świerc