6. Sonntag im Jahreskreis – A
Lesung: Sir 15,15–20 (16–21)
Lesung: 1 Kor 2,6–10
Evangelium: Mt 5,17–37
In den Evangelien zum Lesejahr A in der katholischen Kirche begegnen uns die Worte Jesu aus seiner sogenannten Bergpredigt. Der Apostel Matthäus hält in seinem Evangelium diese Rede Jesu fest. Sie ist umfangreich. In unserer Betrachtung widmen wir uns heute vier Sätzen aus der Bergpredigt.
1. Mt 5,13 – „Ihr seid das Salz der Erde“
Mit dem Bild vom Salz beschreibt Christus die Sendung seiner Jünger in der Welt: Sie sollen bewahren, reinigen und Geschmack geben. Salz wirkt unscheinbar, aber ohne es verdirbt die Speise – so würde nach dem Verständnis der Kirchenväter die Welt ohne das Zeugnis der Christen in moralische Fäulnis geraten. So ruft das Wort Jesu zur Treue zur eigenen Sendung auf: durch ein Leben in Heiligkeit, durch klares Bekenntnis und durch die Liebe, die die Welt verwandelt.
Der heilige Hilarius von Poitiers (315–367) deutet das Salz als die Weisheit der göttlichen Lehre, die die Herzen vor der Verderbnis der Sünde schützt. Wer das Evangelium empfangen hat, darf es nicht für sich behalten, sondern soll es weitergeben, damit die Welt gewürzt wird.
Papst Gregor der Große (540–604) sieht in den Lehrern der Kirche und in allen Gläubigen, die nach dem Evangelium leben, dieses Salz: Durch ihr Wort und ihr Beispiel bewahren sie andere vor dem Abfall. Wenn aber das Salz „seinen Geschmack verliert“, also der Christ seine Berufung vernachlässigt, verliert sein Zeugnis seine Kraft.
2. Mt 5,21–22 – „Du sollst nicht töten“
Jesus vertieft das fünfte Gebot und zeigt, dass die Wurzel der Gewalt im Herzen liegt. Zorn, Hass und Verachtung zerstören die Gemeinschaft und widersprechen der Liebe, zu der der Christ berufen ist. Nach christlichem Verständnis gehört daher auch die Pflege der inneren Haltung zur Bewahrung des Lebens. Versöhnung ist nicht optional, sondern Voraussetzung für die wahre Gottesverehrung. Wer zum Altar tritt, soll – soweit es an ihm liegt – in Frieden mit dem Bruder sein. Jesus führt das fünfte Gebot zur Wurzel zurück: Nicht nur die Tat, sondern schon der Zorn im Herzen widerspricht dem Gebot der Liebe.
Der heilige Augustinus (354–430) betont, dass der Zorn den Menschen innerlich tötet, bevor er äußerlich Gewalt hervorbringt. Für ihn ist die Verachtung des Bruders eine Verletzung der Einheit des Leibes Christi.
Der heilige Johannes Chrysostomus (350–407) sieht in der Aufforderung zur Versöhnung eine dringende Priorität: Noch bevor der Mensch opfert, soll er den Frieden suchen, denn Gott nimmt kein Opfer an, das aus einem unversöhnten Herzen kommt. So wird deutlich, dass die Liebe zum Nächsten untrennbar mit der Gottesliebe verbunden ist.
3. Mt 5,27–28 – „Du sollst nicht die Ehe brechen“
Auch hier führt Jesus vom äußeren Verhalten zur inneren Gesinnung. Ehebruch beginnt nicht erst mit der Tat, sondern mit dem begehrlichen Blick, der den anderen zum Objekt macht. Die katholische Lehre sieht in der Reinheit des Herzens eine Voraussetzung für die wahre Liebe und für die Treue im Sakrament der Ehe. Keuschheit bedeutet nicht bloß Verzicht, sondern die geordnete Fähigkeit zu lieben – entsprechend dem eigenen Lebensstand und in Achtung der Würde des anderen.
Die Kirchenväter sehen in diesen Worten Jesu einen Ruf zur Reinheit des Herzens. Augustinus erklärt, dass die ungeordnete Begierde den Blick trübt und die wahre Liebe unmöglich macht, weil sie den anderen nicht um seiner selbst willen sucht. Reinheit bedeutet für ihn die rechte Ordnung der Liebe („ordo amoris“).
Chrysostomus hebt hervor, dass Christus nicht die Ehe verengt, sondern sie schützt: Indem er den begehrlichen Blick verurteilt, bewahrt er die Würde der Frau und die Heiligkeit des ehelichen Bundes. Keuschheit ist daher nicht nur eine persönliche Tugend, sondern ein Dienst an der Kirche und an der Gesellschaft.
4. Mt 5,37: Eure Rede sei: Ja – ja, nein – nein
Jesus ruft zur Wahrhaftigkeit und inneren Lauterkeit. Der Christ soll so leben, dass sein Wort verlässlich ist und keine zusätzlichen Schwüre braucht. Nach katholischem Verständnis wurzelt die Wahrhaftigkeit in Gott selbst, der die Wahrheit ist. Jede Form von Lüge, Täuschung oder doppelter Rede widerspricht dieser Berufung. Das klare „Ja“ und „Nein“ ist Ausdruck eines Gewissens, das sich an Christus orientiert und im Alltag glaubwürdig Zeugnis gibt.
Die Väter sehen in diesem Wort Jesu einen Aufruf zur Wahrhaftigkeit des Herzens. Augustinus lehrt, dass der Mensch so leben soll, dass sein Wort glaubwürdig ist, weil es aus der Wahrheit kommt, die Gott selbst ist. Wer ständig schwören muss, zeigt damit, dass seine Worte allein nicht vertrauenswürdig erscheinen.
Der heilige Basilius der Große (330–379) betont, dass die Einfachheit der Rede Ausdruck eines lauteren Gewissens ist. Das klare „Ja“ und „Nein“ ist Zeichen eines Lebens in der Wahrheit und schützt vor Täuschung, Heuchelei und doppeltem Spiel.
So wird die christliche Wahrhaftigkeit zu einem Zeugnis für Christus, der selbst sagt: „Ich bin der Weg.“
Bischofsvikar Peter Tarlinski