Wort zum Sonntag von Bischofsvikar Dr. Peter Tarlinski

19 April 2026, 05:00 Kirche 13

3. Sonntag der Osterzeit

1. Lesung: Apg 2, 14.22b–33
2. Lesung: 1 Petr 1, 17–21
Evangelium: Lk 24, 13–35

In den aufeinanderfolgenden Sonntagen der Osterzeit werden wir zu Zeugen der Begegnungen des auferstandenen Christus mit seinen Jüngern. Vor kurzem lauschten wir dem Gespräch Jesu mit dem suchenden und hinterfragenden Apostel Thomas. In dieser Woche – dank der Aufzeichnung des Evangelisten Lukas – werden wir Zeugen der Begegnung des auferstandenen Jesus mit den Jüngern, die nach Emmaus unterwegs sind. Nach der Kreuzigung des Messias wurden die zahlreichen Hoffnungen, die mit seinen Verheißungen vom Reich Gottes verbunden waren, gedämpft. Aus Furcht vor Verfolgung verließen die Jünger Jerusalem und begaben sich in die umliegenden Ortschaften. Ihre Herzen vermochten das Geheimnis, das die Sendung Jesu umhüllte, weder zu tragen noch zu begreifen.
Schließen wir uns also den Wandernden an.

Die Enttäuschung — der Versuch, der Wirklichkeit zu entfliehen

„Wir aber hatten gehofft…“ Dieser Satz klingt nicht wie eine Erinnerung. Er klingt wie ein Seufzer, der noch keinen Abschluss gefunden hat — wie ein Echo einer Hoffnung, die an der Wirklichkeit zerbrach und nun weniger gewiss zurückkehrt. Die Jünger gehen nicht nur einen Weg. Sie tragen in sich das Gewicht eines unerfüllten Gottesbildes. Ihr Messias sollte ein Licht ohne Schatten sein, ein Sieg ohne Wunde, eine Antwort ohne Fragen. Doch die Wirklichkeit erwies sich als komplexer — und gerade deshalb weniger durchsichtig.
Wir kennen diesen Zustand aus eigener Erfahrung. Wir bauen unsere „Jerusalems“: Karrieren, Beziehungen, Selbstbilder, eine sorgfältig entworfene Zukunft. Und dann kommt der Moment, in dem etwas zerbricht — leise, ohne dramatische Zeichen — und plötzlich muss alles von Neuem begonnen werden. Wir erleben Enttäuschung. Sie ist nicht nur ein Gefühl. Mit Augen und Herzen, die von ihr erfüllt sind, beginnen wir, die Welt zu lesen und zu betrachten. Alles filtern wir durch den Verlust. Selbst die Gegenwart Gottes erscheint dann wie Abwesenheit — nicht weil er verschwunden wäre, sondern weil er nicht unserem Bild entspricht, demnach er handeln sollte.
Und doch — gerade dann, in jener Spalte zwischen dem, was war, und dem, was sich noch nicht gebären will — nähert sich jemand. Er geht neben ihnen. Er unterbricht nicht. Er korrigiert nicht sofort. Er lässt sie sprechen. Als wüsste er, dass der Mensch zuerst seine Enttäuschung aussprechen muss, bevor er fähig wird, die Wahrheit zu hören. Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus sprechen — und der auferstandene Jesus hört zu.

Das Wort — ein Feuer, das erwärmt

Die Jünger erkennen den auferstandenen Christus nicht. Und das ist vielleicht das Erschütterndste: Gott ist gegenwärtig, und doch bleibt er unerkannt. Er geht mit ihnen, hört ihnen zu, antwortet — und dennoch bleiben ihre Augen gleichsam von einem kaum wahrnehmbaren Schleier umhüllt, der das Sehen nicht nimmt, sondern das Erkennen verzögert. Der auferstandene Jesus beginnt zu erklären. Er tut dies geduldig, wie einer, der nichts aufzwingen will, sondern zum Verständnis der vergangenen Ereignisse hinführen möchte. Er ist ein Lehrer, der keine fertigen Antworten gibt, sondern lehrt, die Wahrheit und den Sinn zu erkennen. Die Worte des auferstandenen Jesus sind wie ein Feuer, das die Herzen der Zuhörenden erwärmt. Nach einiger Zeit werden die Jünger dieses Erleben benennen:

Der Weg nach Emmaus ist kein Weg des Endes, sondern ein Weg des Übergangs – von der Enttäuschung zum Sinn und von der Einsamkeit zur Gemeinschaft.

„Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete?“ Das Herz — es ist der Ort, an dem die Wahrheit früher entflammt als im Denken. Es ist der Raum, in dem der Sinn noch ohne Worte geboren wird, wie eine Ahnung, die keine Ruhe lässt. In einer Welt, die nach sofortigen Antworten verlangt, erscheint eine solche Erfahrung beinahe fremd. Wir haben uns an Verkürzungen gewöhnt, an vereinfachte Darstellungen, an Sinngehalte, die in Form von Schlagzeilen dargeboten werden. Gott jedoch spricht die Sprache des Weges, die Sprache der Verwandlung, der inneren Reifung und der Unterscheidung. Auf diese Weise befähigt er den Menschen, Entscheidungen zu treffen.

Das Brot — das vereint und stärkt

In Emmaus senkt sich der Abend langsam herab. Das Licht schwindet, und damit wächst das Bedürfnis nach Nähe. „Bleibe bei uns“, sagen die Jünger, „denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt.“ Dieser Satz ist Einladung und Ruf zugleich: Wir wollen nicht in die Einsamkeit zurückkehren. Setze dich mit uns an den Tisch. Während der Mahlzeit beginnt der auferstandene Jesus, das Brot zu brechen. Eine einfache, alltägliche Geste — und doch für die Jünger erkennbar und verständlich. Da öffnen sich ihre Augen. In dem, was zerbrechlich, alltäglich und vertraut ist, erkennen sie ihren Meister und Herrn. Gott wird dort erkannt, wo man tiefer zu schauen vermag.
Und dann verschwindet Jesus. Es ist kein Fortgehen, sondern eine andere Weise der Gegenwart. Man kann ihn nicht mehr unmittelbar sehen, aber man kann ihn erkennen. Man kann ihn nicht festhalten, aber man kann mit ihm leben. Der Auferstandene entzieht sich den Augen, um im Herzen zu bleiben, in der Erinnerung, der Geste des Brechens und Teilens des Brotes, die von nun an in jeder Eucharistie wiederholt wird. Es ist die erfüllte Verheißung Jesu — das Zeichen seiner Gegenwart und seines Mit-Seins am Tisch mit dem Menschen. Ein Zeichen der Einheit und der Stärkung der Jünger durch seinen Leib — das Brot für das irdische und ewige Leben.

Die Flucht wird zur Rückkehr

Für die Jünger, die in Emmaus das Brechen des Brotes erfahren haben, kehrt sich der Weg plötzlich um. Was Flucht war, wird zur Rückkehr. Die Nacht ist kein Hindernis mehr. Die Müdigkeit verliert ihre Bedeutung. Wenn der Mensch dem Leben wirklich begegnet, hört er auf zu fliehen — vor sich selbst, vor den anderen, vor der Wirklichkeit, selbst vor der schwierigsten. Die Jünger kehren nach Jerusalem zurück — nicht weil sie müssen, sondern weil sie nicht anders können. Denn die Begegnung mit dem, der lebt, drängt immer zum Handeln. Sie erlaubt kein Verharren. Sie verschließt sich nicht in ein privates Erleben.
Der Weg nach Emmaus ist daher kein Weg des Endes, sondern ein Weg des Übergangs — vom Enttäuscht-Sein zum Sinn, von der Verschlossenheit zur Öffnung, von der Einsamkeit zur Gemeinschaft. Und der auferstandene Jesus geht weiterhin neben den Menschen her — neben jenen, die auf Bildschirme starren, die Sensationen aufnehmen, die in ihre eigenen Geschichten verstrickt sind, die sich nicht ordnen wollen. Er geht neben denen, die sagen: „Ich hatte mir mehr erhofft.“ Jesus ist da — und wartet, bis jemand, vielleicht zögernd, vielleicht leise, die Worte ausspricht, die immer den Raum der Begegnung und eines neuen Anfangs öffnen: Herr, bleibe bei uns!

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