Nachbarschaft verpflichtet

Warum Stauffenberg bis heute spaltet

1 August 2026, 17:00 Geschichte , Kolumne

Die Debatten über Stauffenberg sagen heute oft mehr über unsere Erinnerungskulturen als über den Attentäter des 20. Juli 1944 selbst.

Jedes Jahr am 20. Juli fanden in Deutschland Gedenkveranstaltungen für die Beteiligten des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler von 1944 statt. Für viele Deutsche ist Claus Schenk von Stauffenberg ein Symbol für Mut und staatsbürgerliche Verantwortung. In Polen ruft seine Gestalt seit Jahren deutlich widersprüchlichere Gefühle hervor. Das zeigten eindrücklich die Ereignisse vor zwei Jahren, als eine vom Deutschen Generalkonsulat in Danzig anlässlich des 80. Jahrestags des Attentats organisierte Feier eine hitzige Debatte über Erinnerung, Geschichte und Verantwortung auslöste.

Die Danziger Ereignisse waren jedoch keine einmalige Kontroverse, sondern ein weiteres Kapitel einer Diskussion, die seit über dreißig Jahren andauert. Zunächst drehte sie sich vor allem um Stauffenberg selbst und die Motive seines Handelns. Mit der Zeit rückte etwas anderes stärker in den Vordergrund: wie in Deutschland über die eigene Geschichte gesprochen wird.

Stauffenbergs Biografie passt nicht in das einfache Schema einer Heldengeschichte. Er war Offizier der Wehrmacht, nahm am Feldzug gegen Polen teil und die erhaltenen Briefe aus dem September 1939 enthalten Äußerungen, die auch heute noch erschüttern. Wenige Jahre später wurde er zu einem der führenden Köpfe der Verschwörung gegen Hitler und bezahlte seine Tat mit dem Leben – die anschließende Welle brutaler Repressionen forderte zudem zahlreiche weitere Opfer. Diese beiden Tatsachen lassen sich nicht voneinander trennen.

Bereits in der Zeit der Volksrepublik Polen gab es erste Ansätze zu einem differenzierteren Blick auf den deutschen Widerstand (die Debatte über den Begriff „Widerstand“ selbst sei hier ausgeklammert). Im Hirtenbrief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe von 1965 war von „Kämpfern des Widerstands vom 20. Juli“ die Rede, und wenige Jahre später zeigte Anna Morawska in ihrem Text über Dietrich Bonhoeffer polnischen Lesern, dass es auch in Deutschland Widerstand gegen den Nationalsozialismus gegeben hatte – einen Widerstand, der mit erbarmungsloser Verfolgung beantwortet wurde.

Die Urteile über Stauffenberg bleiben unterschiedlich, weil sie aus verschiedenen historischen Erfahrungen erwachsen.

Die eigentliche Debatte begann jedoch erst nach 1989. Zu einem symbolischen Moment wurde 1992 die Enthüllung einer Gedenktafel für die Attentäter in Gierłoż (Wolfsschanze) – (nota bene: der Ort wurde inzwischen zu einer touristischen Attraktion). Für die einen war dies eine Geste der Erinnerung an den deutschen Widerstand gegen Hitler. Für die anderen ein Versuch der Rehabilitierung von Männern, die zuvor größtenteils treu dem „Dritten Reich“ gedient hatten. Die damals gestellten Fragen kehren bei jedem weiteren Jahrestag zurück.

Geschichtsbilder verändern sich – und mit ihnen der Blick auf historische Persönlichkeiten. Im Bild: Claus Schenk Graf v. Stauffenberg, 1926 in Bamberg.
Foto: unbekannt/Wikimedia Commons

So war es auch 2024 bei den Feierlichkeiten in Danzig. Zweifellos trug auch die zunehmende Abkühlung der offiziellen deutsch-polnischen Beziehungen zur Heftigkeit mancher Reaktionen bei. Die größte Empörung löste jedoch nicht das Gedenken an die Attentäter selbst aus, sondern die Sprache der Feier. Norbert Lammert bezeichnete die Ereignisse des 20. Juli als „Aufstand“.

In Polen hielt ein Teil der Kommentatoren diesen Begriff für gravierend unangemessen und warf ihm vor, die Unterschiede zwischen der Erfahrung von Tätern und Opfern des Krieges zu verwischen. Andere betonten, die heutige deutsche Erinnerungskultur verschweige die dunklen Kapitel in Stauffenbergs Biografie keineswegs, sondern versuche, die Beweggründe derjenigen zu verstehen, die sich gegen Hitler auflehnten.

Eine ähnliche Position hatte bereits 2012 der frühere polnische Botschafter in Deutschland, Janusz Reiter, bei der Gedenkfeier im Berliner Bendlerblock vertreten. Er verschwieg weder Stauffenbergs frühere Rolle im Dienst des Regimes noch dessen antipolnische Ansichten. Er erinnerte jedoch daran, dass die Beteiligten des deutschen Widerstands – wie er sagte – „keine perfekten Helden, ganz gewiss“ gewesen seien: „Oft Menschen voller Widersprüche, so wie ihre Epoche insgesamt voller Widersprüche war.“ In diesem Satz liegt der Kern des Problems.

Schlesien in der deutschen Erinnerungskultur – Was fehlt in der „Berliner Erklärung“?
Nachbarschaft verpflichtet

Schlesien in der deutschen Erinnerungskultur – Was fehlt in der „Berliner Erklärung“?

Mehr lesen →
Stadt des Dialogs: Warum das Weimarer Dreieck nicht alt werden wollte
Nachbarschaft verpflichtet

Stadt des Dialogs: Warum das Weimarer Dreieck nicht alt werden wollte

Mehr lesen →

Die Urteile über Stauffenberg bleiben unterschiedlich, weil sie aus verschiedenen historischen Erfahrungen erwachsen. Für die einen ist er ein Symbol des Widerstands gegen die Diktatur, für die anderen vor allem ein Wehrmachtsoffizier, der sich zu spät vom Regime abwandte. Beide Deutungen beziehen sich auf dieselben Fakten, gewichten und deuten sie jedoch unterschiedlich.

Die historischen Fakten sind seit langem bekannt. Geändert haben sich nicht Stauffenberg oder seine Biografie, sondern die Fragen, die wir heute an sie richten. Die Art und Weise aber, wie über ihn gesprochen wird, verändert sich mit der jeweiligen Zeit und ihrer Stimmung. Und vielleicht ruft seine Gestalt gerade deshalb, mehr als achtzig Jahre nach dem Attentat vom 20. Juli, noch immer Emotionen auf beiden Seiten der Oder hervor. Man sollte sich dennoch die Frage stellen, ob es besser gewesen wäre, wenn er die Bombe nicht gebracht hätte – wenn er und seine Mitstreiter einfach nichts getan hätten.

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.
Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.

Über den Autor
Teilen:
Warum es für deine Träume nie zu spät ist!
vorheriger Artikel

Warum es für deine Träume nie zu spät ist!

Wort zum Sonntag vom Evangelischem Bischof Wojciech Pracki
nächster Artikel

Wort zum Sonntag vom Evangelischem Bischof Wojciech Pracki

Werbung

Ansichtssache

Neues Wochenblatt - Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.