Die Debatten über Stauffenberg sagen heute oft mehr über unsere Erinnerungskulturen als über den Attentäter des 20. Juli 1944 selbst.
Jedes Jahr am 20. Juli fanden in Deutschland Gedenkveranstaltungen für die Beteiligten des gescheiterten Attentats auf Adolf Hitler von 1944 statt. Für viele Deutsche ist Claus Schenk von Stauffenberg ein Symbol für Mut und staatsbürgerliche Verantwortung. In Polen ruft seine Gestalt seit Jahren deutlich widersprüchlichere Gefühle hervor. Das zeigten eindrücklich die Ereignisse vor zwei Jahren, als eine vom Deutschen Generalkonsulat in Danzig anlässlich des 80. Jahrestags des Attentats organisierte Feier eine hitzige Debatte über Erinnerung, Geschichte und Verantwortung auslöste.
Die Danziger Ereignisse waren jedoch keine einmalige Kontroverse, sondern ein weiteres Kapitel einer Diskussion, die seit über dreißig Jahren andauert. Zunächst drehte sie sich vor allem um Stauffenberg selbst und die Motive seines Handelns. Mit der Zeit rückte etwas anderes stärker in den Vordergrund: wie in Deutschland über die eigene Geschichte gesprochen wird.
Stauffenbergs Biografie passt nicht in das einfache Schema einer Heldengeschichte. Er war Offizier der Wehrmacht, nahm am Feldzug gegen Polen teil und die erhaltenen Briefe aus dem September 1939 enthalten Äußerungen, die auch heute noch erschüttern. Wenige Jahre später wurde er zu einem der führenden Köpfe der Verschwörung gegen Hitler und bezahlte seine Tat mit dem Leben – die anschließende Welle brutaler Repressionen forderte zudem zahlreiche weitere Opfer. Diese beiden Tatsachen lassen sich nicht voneinander trennen.
Bereits in der Zeit der Volksrepublik Polen gab es erste Ansätze zu einem differenzierteren Blick auf den deutschen Widerstand (die Debatte über den Begriff „Widerstand“ selbst sei hier ausgeklammert). Im Hirtenbrief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe von 1965 war von „Kämpfern des Widerstands vom 20. Juli“ die Rede, und wenige Jahre später zeigte Anna Morawska in ihrem Text über Dietrich Bonhoeffer polnischen Lesern, dass es auch in Deutschland Widerstand gegen den Nationalsozialismus gegeben hatte – einen Widerstand, der mit erbarmungsloser Verfolgung beantwortet wurde.
Die Urteile über Stauffenberg bleiben unterschiedlich, weil sie aus verschiedenen historischen Erfahrungen erwachsen.
Die eigentliche Debatte begann jedoch erst nach 1989. Zu einem symbolischen Moment wurde 1992 die Enthüllung einer Gedenktafel für die Attentäter in Gierłoż (Wolfsschanze) – (nota bene: der Ort wurde inzwischen zu einer touristischen Attraktion). Für die einen war dies eine Geste der Erinnerung an den deutschen Widerstand gegen Hitler. Für die anderen ein Versuch der Rehabilitierung von Männern, die zuvor größtenteils treu dem „Dritten Reich“ gedient hatten. Die damals gestellten Fragen kehren bei jedem weiteren Jahrestag zurück.

Geschichtsbilder verändern sich – und mit ihnen der Blick auf historische Persönlichkeiten. Im Bild: Claus Schenk Graf v. Stauffenberg, 1926 in Bamberg.
Foto: unbekannt/Wikimedia Commons
So war es auch 2024 bei den Feierlichkeiten in Danzig. Zweifellos trug auch die zunehmende Abkühlung der offiziellen deutsch-polnischen Beziehungen zur Heftigkeit mancher Reaktionen bei. Die größte Empörung löste jedoch nicht das Gedenken an die Attentäter selbst aus, sondern die Sprache der Feier. Norbert Lammert bezeichnete die Ereignisse des 20. Juli als „Aufstand“.
In Polen hielt ein Teil der Kommentatoren diesen Begriff für gravierend unangemessen und warf ihm vor, die Unterschiede zwischen der Erfahrung von Tätern und Opfern des Krieges zu verwischen. Andere betonten, die heutige deutsche Erinnerungskultur verschweige die dunklen Kapitel in Stauffenbergs Biografie keineswegs, sondern versuche, die Beweggründe derjenigen zu verstehen, die sich gegen Hitler auflehnten.
Eine ähnliche Position hatte bereits 2012 der frühere polnische Botschafter in Deutschland, Janusz Reiter, bei der Gedenkfeier im Berliner Bendlerblock vertreten. Er verschwieg weder Stauffenbergs frühere Rolle im Dienst des Regimes noch dessen antipolnische Ansichten. Er erinnerte jedoch daran, dass die Beteiligten des deutschen Widerstands – wie er sagte – „keine perfekten Helden, ganz gewiss“ gewesen seien: „Oft Menschen voller Widersprüche, so wie ihre Epoche insgesamt voller Widersprüche war.“ In diesem Satz liegt der Kern des Problems.
Die Urteile über Stauffenberg bleiben unterschiedlich, weil sie aus verschiedenen historischen Erfahrungen erwachsen. Für die einen ist er ein Symbol des Widerstands gegen die Diktatur, für die anderen vor allem ein Wehrmachtsoffizier, der sich zu spät vom Regime abwandte. Beide Deutungen beziehen sich auf dieselben Fakten, gewichten und deuten sie jedoch unterschiedlich.
Die historischen Fakten sind seit langem bekannt. Geändert haben sich nicht Stauffenberg oder seine Biografie, sondern die Fragen, die wir heute an sie richten. Die Art und Weise aber, wie über ihn gesprochen wird, verändert sich mit der jeweiligen Zeit und ihrer Stimmung. Und vielleicht ruft seine Gestalt gerade deshalb, mehr als achtzig Jahre nach dem Attentat vom 20. Juli, noch immer Emotionen auf beiden Seiten der Oder hervor. Man sollte sich dennoch die Frage stellen, ob es besser gewesen wäre, wenn er die Bombe nicht gebracht hätte – wenn er und seine Mitstreiter einfach nichts getan hätten.