„Du wirst immer bei mir sein“ – singt Monika Schöllack in einer der bewegendsten Szenen der Serie Ku’damm 63. Es ist ein Lied über eine verlorene Liebe, aber es könnte ebenso gut als Motto der gesamten Geschichte der Familie Schöllack stehen. Die Vergangenheit geht in der Welt von Ku’damm nämlich niemals fort. Sie bleibt gegenwärtig in Familienerinnerungen, Verdrängungen, Traumata und Träumen der nachfolgenden Generationen.
Die Serie Ku’damm – bestehend aus vier Teilen: Ku’damm 56 (2016), Ku’damm 59 (2018), Ku’damm 63 (2021) und Ku’damm 77 (2025) – gehört zu den ambitioniertesten historischen Projekten des deutschen Fernsehens der letzten Jahrzehnte. Der für das ZDF entstandene Zyklus hat sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik Anerkennung gefunden. Bereits Ku’damm 56 wurde für den Grimme-Preis (2017) nominiert, was den außergewöhnlichen Wert des gesamten Unternehmens im Rahmen des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens belegte.
Sozialgeschichte
Die Stärke der Serie liegt nicht allein in der attraktiven Familienhandlung. Die Geschichte der Tanzschule „Galant“ am Kurfürstendamm 56 und ihrer Besitzer bildet den erzählerischen Rahmen, um die Geschichte Westdeutschlands von der Mitte der fünfziger Jahre bis zum Jahr 1977 zu erzählen – durch das Prisma des Alltags, familiärer Konflikte, Liebe, Ehrgeiz und gesellschaftlicher Umbrüche. Die Zuschauer erleben keine Rekonstruktion großpolitischer Ereignisse – sie beobachten das Nachkriegsdeutschland aus der Perspektive einer Wohnung über einer Tanzschule.
Im Mittelpunkt der Erzählung stehen Frauen. Ihre Lebenswege machen eine der wichtigsten Dimensionen der gesellschaftlichen Transformation der Bundesrepublik sichtbar. Zugleich lenken die Macher den Blick auf eine Epoche, die lange im Schatten der Erzählungen über den Nationalsozialismus und das Wendejahr 1968 stand – auf die fünfziger und sechziger Jahre, in denen die Grundlagen des modernen Deutschlands gelegt wurden, genauer gesagt: seines westlichen Teils.
Die Serie Ku’damm – bestehend aus vier Teilen: Ku’damm 56 (2016), Ku’damm 59 (2018), Ku’damm 63 (2021) und Ku’damm 77 (2025) – zählt zu den ambitioniertesten historischen Fernsehprojekten der letzten Jahrzehnte im deutschen Fernsehen.
Dieser Ansatz steht der modernen Sozialgeschichtsschreibung nahe. Die Nachkriegsmodernisierung vollzog sich in Familien, Betrieben und der Populärkultur. Das Symbol dieses Wandels in der Serie ist der Tanz: Die konservative Schule versucht, alte bürgerliche Normen zu pflegen, doch dann hält Rock’n’Roll, Blues und lateinamerikanische Rhythmen Einzug – und mit ihm neue Muster in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern sowie neue Vorstellungen von Freiheit.
Nachkriegszeit bedeutet nicht das Ende des Nationalsozialismus. Einer der größten Vorzüge der Serie ist die Darstellung verschiedener Erscheinungsformen der Kontinuität zwischen dem Dritten Reich und der Bundesrepublik. In vielen populären Erzählungen markiert das Jahr 1945 eine radikale Zäsur. In Ku’damm kehrt die Vergangenheit immer wieder zurück: Der Zuschauer entdeckt die Geschichte der Übernahme einer ehemals jüdischen Tanzschule, verfolgt das Schicksal des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Freddy, der sich seinem eigenen Trauma stellen und gegen seine Peiniger aussagen muss, und beobachtet Erscheinungsformen des Antisemitismus in den sechziger Jahren.
Die Serie zeigt diesen Prozess ohne aufdringlichen Didaktizismus, und die einzelnen Teile spiegeln den Wandel der deutschen Erinnerungskultur wider. Kein Zufall, dass das Motiv der Erinnerung auch in Monikas Lied wiederkehrt. Seine Worte erinnern daran, dass die Erfahrungen der Vergangenheit nicht mit dem Abgang der Zeitzeugen verschwinden. Sie bleiben im Leben der Kinder und Enkel gegenwärtig und beeinflussen deren Entscheidungen, Beziehungen und das Verständnis der eigenen Geschichte.
Besonders interessant ist die Darstellung der Perspektive der Enkelgeneration im letzten Teil des Zyklus. Dadurch hört die Geschichte des Nationalsozialismus und des Wiederaufbaus auf, ausschließlich die Erfahrung von Zeitzeugen zu sein, und wird zum Element eines verarbeiteten Familiengedächtnisses, das an nachfolgende Generationen weitergegeben wird. Die Serie zeigt den Wandel, der sich auch in der deutschen Erinnerungskultur vollzogen hat: vom Schweigen der ersten Generation über die Fragen der Kinder bis hin zu den Versuchen der Enkel, die Vergangenheit zu verstehen.
Zwei deutsche Staaten in einer Familie
Dies ist wohl das originellste Element des gesamten Zyklus. Die deutsche Teilung wird nicht nur als Konflikt politischer Systeme dargestellt. Der Familienvater Gerd Schöllack findet seinen Lebenssinn in der DDR und identifiziert sich mit dem Projekt des antifaschistischen sozialistischen Staates. Die übrigen Figuren bleiben mit West-Berlin verbunden.
In den folgenden Teilen tauchen Liebesbeziehungen zwischen Bewohnern beider Stadthälften und die Tätigkeit des DDR-Sicherheitsapparats – der Stasi – auf. Die Serie erinnert daran, dass beide deutschen Staaten über viele Jahre durch familiäre, emotionale und kulturelle Bande verbunden waren, die heute im kollektiven Gedächtnis bisweilen schwächer präsent sind.
Der Handlungsstrang um Wolfgang eröffnet ein Thema, das lange am Rande populärer Erzählungen über die BRD und die DDR stand. Seine Beziehung zu einem anderen Mann erinnert daran, dass die Geschichte des Nachkriegsdeutschlands auch eine Geschichte der schrittweisen Emanzipation homosexueller Menschen war. Die Serie zeigt den Preis, den man für die Notwendigkeit zahlte, die eigene Identität zu verbergen, aber auch den sich wandelnden gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität. Sie erzählt von den Sittenveränderungen, die sich auf beiden Seiten der Mauer vollzogen.
Emanzipation der Frauen als Geschichte des Nachkriegsdeutschlands
Mutter und drei Töchter sind nicht nur Hauptfiguren eines Melodramas. Caterina verkörpert Vorkriegswerte und patriarchalische Erwartungen. Monika wird zum Symbol des Individualismus und der Selbstbestimmung – ihr Weg führt von der Erfahrung einer Vergewaltigung über den Kampf um das Sorgerecht für ihr Kind bis hin zur Musikkarriere und der schmerzhaften Einsamkeit einer Witwe. Helga versucht um jeden Preis, das traditionelle Familienmodell aufrechtzuerhalten, Eva kämpft um Unabhängigkeit in einer Zeit, in der Recht und Sitte auf der Seite des Täters stehen.

Die Serie „Ku’damm“ zeigt, wie Vergangenheit in Familien weiterlebt und Entscheidungen über Generationen hinweg prägt.
Die Erlebnisse der Frauen werden zur Geschichte der Transformation der gesamten westdeutschen Gesellschaft – die ihren Umgang mit Ehe, Sexualität, Scheidung, Beruf und Mutterschaft grundlegend verändert.
Ebenso wichtig erweist sich in der Serie die Geschichte der Männer. Die männlichen Figuren finden sich häufig nicht zurecht in einer Welt sich rasch wandelnder gesellschaftlicher Normen. Das traditionelle Modell des Vaters, Ehemanns und Ernährers verliert schrittweise an Bedeutung. Ehekrisen, berufliche Probleme und Generationenkonflikte zeigen, dass der gesellschaftliche Wandel eine Erfahrung beider Geschlechter war. In dieser Hinsicht lässt sich Ku’damm auch als Erzählung über die Krise der traditionellen Männlichkeit lesen.
Berlin als Labor der Moderne
Die berühmte Berliner Straße – der Kurfürstendamm – ist in der Serie mehr als eine Adresse. West-Berlin erscheint als besonderer Raum eines kulturellen Experiments – hier kommen amerikanische Einflüsse, Jugendmusik und neue Lebensstile am schnellsten an. Ost-Berlin wird als alternatives Moderneprojekt gezeigt, das auf anderen Werten und Bestrebungen beruht. Die Stadt erfüllt die Funktion einer nahezu gleichwertigen Hauptfigur der Serie.
Im letzten Teil der Serie müssen auch Migranten ihren Platz in diesem Berliner Labor der Moderne finden. Besonders interessant ist der Handlungsstrang der jungen schwarzen Frau Linda Müller, die sich als Tochter von Caterina Schöllack und eines amerikanischen Soldaten herausstellt. Diese Geschichte blieb jahrzehntelang ein Familiengeheimnis. Das einzige Zeugnis dieser Beziehung war ein im Familienalbum aufbewahrtes Foto ihres Vaters. Erst die nächste Generation unternimmt den Versuch, diesen verschwiegenen Teil der Familiengeschichte zurückzugewinnen. Auf diese Weise zeigt die Serie, dass das Nachkriegsdeutschland weitaus vielfältiger war, als die verfestigten Vorstellungen von der Gesellschaft der fünfziger Jahre vermuten lassen.
Das Drehbuch führt auch die Figur Sharif Feens ein, eines libanesischen Musikers und Flüchtlings, der neue Migrationserfahrungen repräsentiert. Durch ihn kehrt Monika auf die Bühne zurück und entdeckt ihre Leidenschaft für die Musik neu. Dieser Handlungsstrang zeigt, dass Deutschland in den siebziger Jahren nicht mehr nur eine sich nach dem Krieg wiederaufbauende Gesellschaft ist, sondern ein Land, das kulturell und gesellschaftlich immer vielfältiger wird.
Deutschland muss sich neuen Bildern, Begegnungen und Geschmäckern öffnen. Eine kurze Szene bleibt im Gedächtnis, in der Sharif Monika fragt, ob sie nicht Lust hätte, einen Döner zu essen. Sie antwortet mit entwaffnender Offenheit, dass sie ihn noch nie probiert habe. Für den heutigen deutschen Zuschauer ist das kaum vorstellbar, aber genau in solchen kleinen Details erinnert die Serie daran, wie sehr sich Deutschland in wenigen Jahrzehnten verändert hat. Der Döner, heute als eines der charakteristischsten Gerichte des deutschen Alltags anerkannt, erscheint hier als Zeichen einer Welt, die erst noch kommen wird.
Kein Zufall, dass sowohl die Geschichte Lindas als auch das Schicksal Sharifs Personen betreffen, die bislang außerhalb der zentralen Familien- und Gesellschaftserzählung standen. Ähnlich wie zuvor Frauen, Homosexuelle oder Angehörige der jüngeren Generation gewinnen auch sie schrittweise eine eigene Stimme und werden zu vollwertigen Figuren der Serie. Die Fernsehgeschichte der Familie Schöllack wird zur Erzählung einer unaufhörlichen Erweiterung der Grenzen gesellschaftlicher Akzeptanz und Zugehörigkeit.
„Ku’damm“ und die polnische historische Vorstellungskraft
Die Serie wirft eine Frage auf, die in Polen ohne gute Antwort bleibt: Warum entstand bei uns kein ähnliches Projekt, das den Zuschauer durch die Schicksale einer Familie durch die Jahrzehnte der Geschichte der Volksrepublik Polen und der Dritten Republik führen würde? Die nächsten Entsprechungen bleiben die Fernsehserie Dom von Jan Łomnicki sowie, in gewisser anderer Hinsicht, die Filmtrilogie von Sylwester Chęciński über die Familien Kargul und Pawlak.
Beide Projekte zeigten die große Geschichte durch das Prisma des Alltags und der Erfahrungen gewöhnlicher Menschen. Sie entstanden jedoch unter anderen politischen und kulturellen Bedingungen, und ihr Ehrgeiz war nicht die Schaffung eines mehrgenerationalen Panoramas gesellschaftlicher Veränderungen nach dem Vorbild von Ku’damm.
Ku’damm ist mehr als eine Fernsehserie. Es ist eine Erzählung darüber, wie Geschichte im Leben von Menschen gegenwärtig bleibt, lange nachdem Kriege enden, Grenzen sich verschieben und ihre Zeugen gehen. Die Vergangenheit wird nicht in Schulbüchern verschlossen – sie geht in Familienerinnerungen über, prägt die Entscheidungen nachfolgender Generationen und trägt zu deren Identität bei.
Deshalb lassen sich die Worte von Monikas Lied – „Du wirst immer bei mir sein“ – als Kommentar zur gesamten Serie lesen. Sie beziehen sich nicht nur auf eine geliebte Person. Sie sprechen auch von der Geschichte, die niemals vollständig vergeht. Wie Mad Men erzählt auch Ku’damm gesellschaftliche Umbrüche durch Alltag, Familienleben und Populärkultur. Gerade darin liegt der außergewöhnliche Wert dieser Serie.