Gedrungene Gestalt, Zwicker, Gehrock und darin unzählige Skizzenbücher und Bleistifte. Der in Breslau geborene Adolph Menzel (1815–1905) zählt zu den bedeutendsten deutschen Malern und Zeichnern. Mit seinen vielfach reproduzierten Werken prägte er die deutsche Wahrnehmung zweier historischer Umbrüche.
Der erste ist die friderizianische Epoche, der er zahlreiche Werke widmete: von Zeichnungen der Soldaten und ihres Königs in populären Alben bis zu großformatigen Gemälden wie dem „Flötenkonzert in Sanssouci“. Der zweite ist der Wandel Deutschlands durch die industrielle Revolution. Das Gemälde „Eisenwalzwerk“, das eine Anlage in Königshütte (dem heutigen Chorzów) zeigt, ist noch immer eine beliebte Illustration in Büchern über das neunzehnte Jahrhundert. Diese beiden ikonischen Werke werden wir auf der Warschauer Ausstellung „Adolph Menzel. Der unermüdliche Beobachter“ im Nationalmuseum nicht sehen. Wir können jedoch verfolgen, wie sich die Interessen des Künstlers entwickelten und sein handwerkliches Können reifte, damit diese Gemälde überhaupt entstehen konnten. Bei dieser Gelegenheit lohnt es sich auch, über die verschlungenen und gefährlichen Wege nachzudenken, die Kunstwerke zurücklegten, besonders in den 1940er Jahren.

Rudolf Schulte im Hofe, „Portrait von Adolph Menzla”, 1899
Quelle: Nationalmuseum in Warschau
Der Künstler verließ Schlesien zwar früh, kehrte in seinem Schaffen aber immer wieder dorthin zurück. Die in Warschau gezeigten Werke liefern dafür reichlich Belege, auch wenn ein Teil davon nur sehr aufmerksamen Besuchern auffallen dürfte – in den begleitenden Beschriftungen wird dies nämlich nicht hervorgehoben. Nehmen wir nur die Lithografie aus dem bekannten Album „Denkwürdigkeiten aus Brandenburg und Preußen“. Sie gehört natürlich zum Zyklus über die Befreiungskriege (wie es dort heißt, die napoleonischen Kriege). Vielleicht wäre es aber der Ergänzung wert, dass wir hier den Auszug der Freiwilligen im Jahr 1813 vom Breslauer Ring sehen – und dass diese Stadt in diesem Moment das Zentrum der patriotischen Erhebung in Preußen war? An anderer Stelle stoßen wir auf kleine Skizzenbuchseiten mit Studien von Frauenköpfen in Tüchern und Hauben. Der Künstler notierte am Rand, dass es sich um Schlesierinnen aus Neisse handle – was leider nicht in die Beschriftungen übernommen wurde …
„Der Künstler verließ Schlesien zwar früh, kehrte in seinem Schaffen aber immer wieder dorthin zurück.“
Es gibt auch Polonica. Ein interessantes Beispiel für die Interessen des Künstlers wie auch für die unterschiedlichen Aufträge, die in seinem Atelier eingingen, ist eine Illustration zu Gedichten Adam Mickiewiczs in deutscher Sprache, auf der um einen Leierspieler herum die von seinem Lied heraufbeschworenen Gestalten erscheinen, darunter Konrad Wallenrod. So griff also dieser Bewunderer des Alten Fritz, der den König in unzähligen Darstellungen und Situationen zeigte, in seinem Werk auch solche Motive auf … Nota bene: Würde eine solche Häufung von Darstellungen des Teilers Polens auf einer Ausstellung in Breslau nicht vielleicht heiligen Zorn in den sogenannten Internetdebatten wecken?
Ein besonders beachtenswerter Abschnitt der Ausstellung ist das Schicksal der Menzel-Werke aus den Sammlungen des Schlesischen Museums der Bildenden Künste in Breslau. Die Kuratoren zeigen an diesem Beispiel nicht nur, welche Folgen der letzte Krieg für das Museumswesen hatte, sondern auch, was Provenienzforschung eigentlich bedeutet. Erinnert wird an die Umstände der Übernahme der Sammlungen der aufgelösten Breslauer Institution. Sie wurden nicht nur Eigentum des polnischen Staates (wie das gesamte Vermögen in den angegliederten Gebieten), sondern zu einem großen Teil auch aus Breslau abtransportiert – zusammen mit Hunderten anderer, nicht selten bedeutender Werke. Dies führte zur Zersprengung historischer Sammlungen ebenso wie zur Verarmung der Kulturlandschaft der schlesischen Hauptstadt (Ich erinnere mich hier an die vor vielen Jahren von der Breslauer Redaktion der „Gazeta Wyborcza“ gestartete Kampagne unter dem Titel „Gebt zurück, was uns gehört“, die damals bei manchen … in Warschau … als empörend empfunden wurde).

Die Ausstellung ist noch bis Mitte Dezember zu sehen.
Foto: Nationalmuseum In Warschau/Bartosz Bajerski
Nach dem Besuch der Menzel-Ausstellung (geöffnet bis Mitte Dezember) lohnt sich also auch ein Blick in die Galerie mittelalterlicher Kunst im Erdgeschoss. Dort erwartet uns die ewig sanft lächelnde gotische Schöne Madonna, die bis 1945 in Breslau zu sehen war.