Interview mit Leander Steinkopf

Literarische Brücken zwischen Polen und Deutschland

16 Mai 2026, 05:00 Kultur

35 Jahre ist es her, dass Deutschland und Polen den Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit unterzeichnet haben. Ein großes Jubiläum, das uns heute die Frage stellt: Wie lebendig ist diese Freundschaft eigentlich im Alltag? Wir blicken auf verschiedene Facetten dieser Nachbarschaft.

Unser Reporter, Justus Niebling, hat mit Dr. Leander Steinkopf über sein neues Buch „Café Amatorska“ gesprochen. Doch dabei blieb es nicht: Es ging auch um deutsch-polnische Beziehungen und darum, wie man sich am besten begegnet.

Woher kommt denn überhaupt Ihr Interesse an Polen?

Schon in meiner Schulzeit gehörte ich zu den wenigen, die Interesse an einem Schüleraustausch mit Polen hatten. Das war damals ein sehr starkes Erlebnis – auch weil wir so unbedarft und frei von gegenseitigen Vorurteilen waren: einfach irgendwelche 16-Jährigen, die zusammen Party machen. Vielleicht habe ich daher auch diese positive Assoziation mit Wohnblöcken und mit einer slawischen Sprache. Und so bin ich dann immer wieder nach Polen gefahren.

Welche Idee von Polen hatten Sie vor Ihrem ersten Besuch?

Wir sind vollkommen unvoreingenommen hingefahren. Natürlich haben wir dort auch Auschwitz besucht. Aber während der persönlichen Begegnung mit den Polen haben wir keinen Moment an Schuld und Scham gedacht. Wir sind damals ganz naiv an diese Begegnung herangegangen.

Sollten Deutsche und Polen so naiv aufeinandertreffen?

Ich glaube, das ist eine gute Grundlage für frühe Begegnungen. Erst später wurde mir richtig bewusst, welche Verbrechen die Deutschen in Polen begangen haben. Erst später habe ich ein entsprechendes Empfinden entwickelt. Aber dadurch, dass ich bereits authentische Freundschaften zu polnischen Menschen aufgebaut hatte, empfand ich Empathie – und konnte echtes Mitgefühl entwickeln.
Umgekehrt glaube ich, dass es schwierig ist, solche zwischenmenschlichen Beziehungen aufzubauen, wenn man schon mit Schuldgefühlen nach Polen reist. Deshalb denke ich, dass Schüleraustausche in jeder Hinsicht wichtig sind – und dass diese Naivität eine wichtige Ressource darstellt.

Wieso dieses Buch?

Mit meinem Buch möchte ich eine Lücke füllen. Ich nehme selbst wahr, wie allgegenwärtig zum Beispiel der Nachbar Frankreich ist, während Polen kaum wahrgenommen wird. Gleichzeitig steckt in dem Konzept Mitteleuropa, das in Deutschland wenig präsent ist, viel Wahrheit. Zu Polen besteht eine große kulturelle Nähe.
Eine Polin wollte mir einmal den „typischen Polen“ zeigen. Sie zeigte mir das Bild eines Mannes Mitte 50, mit Bauch, kurzärmligem, in die Hose gestecktem Hemd und Tennissocken in Sandalen. Und ich sagte: Entschuldigung, das ist doch unser Klischee!

Sprechen wir über Ihr Buch selbst. Gibt es das namensgebende Café Amatorska wirklich?

Dieses Café gibt es tatsächlich in Warschau – seit den 1950er-Jahren, glaube ich. Auf den ersten Blick wirkt es unscheinbar, vielleicht sogar wie eine etwas dubiose Spelunke. Aber wenn man dort ist, ist es einfach faszinierend – wegen der Menschen, die dort verkehren. Es war schon immer ein Künstlercafé, in der Vergangenheit auch ein Treffpunkt der queeren Szene. Selbst Foucault hat das Café während seiner Zeit in Warschau regelmäßig besucht. Das ist wohl gut dokumentiert, weil ihm immer drei Spione folgten. Es ist also ein bemerkenswerter Ort, an dem bemerkenswerte Menschen zusammenkommen.

Dr. Leander Steinkopf.
Foto: Dr. Leander Steinkopf

Und der Protagonist in dem Buch besucht dieses Café – warum?

Eigentlich ist er in Krakau, um dort ein Buch zu schreiben. Obwohl es August ist, ist es sehr kalt und regnet die ganze Zeit. Er ist isoliert, weil er nur an seinem Manuskript arbeitet. Als er fertig ist, fährt er nach Warschau und hat völlig vergessen, wie sich soziales Leben anfühlt – dass man mit Menschen sprechen kann. In dieser Stimmung geht er ins Café Amatorska und merkt, wie groß sein Bedürfnis ist, endlich wieder mit Menschen zu interagieren. Genau das tut er dort – sehr intensiv. Mein Buch handelt vor allem von diesem Abend und den darauffolgenden Tagen.

Nur von diesem Abend?

Die Handlung beschränkt sich nicht nur auf diesen Abend. Vieles wird erinnert, frühere Geschichten werden erzählt. Der Text lebt weniger von einer stringenten Handlung als von Assoziationen. Er funktioniert als Gedankenfluss eines deutschen Besuchers, der sich ein Bild von Polen zusammensetzt.
Dieses Bild entsteht sowohl aus aktuellen Erlebnissen als auch aus Erinnerungen an frühere Aufenthalte. Den Stil würde ich als ruhig, poetisch und beobachtend beschreiben.

Gibt es Parallelen zwischen Ihnen und dem Protagonisten?

Ich kann offen sagen, dass viele eigene Erlebnisse eingeflossen sind. Die Bezeichnung „Novelle“ hat mir die Freiheit gegeben, fiktional zu schreiben – aber in weiten Teilen ist es auch ein Memoir. Der Protagonist kommt nach Polen und hat dort schon als Jugendlicher prägende Erfahrungen gemacht, Freundschaften geschlossen und große Gastfreundschaft erlebt.

Was verbindet ihn noch mit Polen?

Er verspürt ein Gefühl des Aufgehobenseins in der Fremde. Endlich weg vom einengenden Heimatort, von der Familie, vom Schulsystem. Polen erscheint ihm als Ort der Freiheit. Natürlich ist das ein Stück weit eine Illusion – würde er dort leben, hätte er dieselben Verpflichtungen.

„Mit meinem Buch möchte ich eine Lücke füllen. Ich nehme selbst wahr, wie allgegenwärtig zum Beispiel der Nachbar Frankreich ist, während Polen kaum wahrgenommen wird.“
Dr. Leander Steinkopf

Aber gerade weil er als Besucher kommt, kann er diese Romantik aufrechterhalten. Seine Erfahrungen bilden ein positives Gegenbild zu negativen Stereotypen über Polen in Deutschland.

Wie erlebt er die deutsch-polnische Beziehung?

Es gibt eine wichtige Szene mit einer polnischen Freundin. Sie sprechen meist über die Gegenwart, nicht über die Geschichte. Doch irgendwann sagt sie: „Fallt bitte nicht wieder in Polen ein.“ Das empfindet er als großen Vertrauensbeweis. Denn in diesem Moment zeigt sich, dass ihre Beziehung stark genug ist, um auch die Last der Geschichte zu tragen.

Gibt es diese Angst vor Deutschland wirklich?

Mein Eindruck ist, dass es nach wie vor einen gewissen Respekt vor Deutschland gibt – als großem Nachbarn. Viele Deutsche verstehen diese Perspektive nicht. Wenn Polen Politiker wie Jarosław Kaczyński wählen, die Deutschland skeptisch sehen, wird das oft nicht nachvollzogen. Aber in persönlichen Gesprächen kann man diese Gefühle besser verstehen.

Wie sehen sich die Polen selbst?

Viele haben Respekt vor Deutschland als wirtschaftlich starkem Land. Gleichzeitig gibt es Stolz auf die eigene Entwicklung: Wirtschaftswachstum, militärische Stärke, attraktive Städte. Polen holt auf – und das wird wahrgenommen. Auch in deutschen Medien erscheinen zunehmend positive Berichte über Polen.

Gilt das für alle?

Meine Erfahrungen beschränken sich auf eher akademische Milieus in Großstädten. Dort herrscht eine kosmopolitische Haltung. Viele reisen heute direkt nach Paris oder New York – Deutschland ist nicht mehr automatisch das zentrale Bezugssystem.

Was können Deutsche von Polen lernen?

Vor allem eine gewisse Haltung zum Leben. In Deutschland herrscht oft eine Mischung aus Sättigung und Resignation. Vieles wirkt blockiert. In Polen dagegen spürt man Aufbruchsstimmung – den Wunsch, etwas aufzubauen. Diese Energie fehlt uns teilweise.
Und eine Tugend ganz sicher: die Gastfreundschaft.

Vielen Dank für das Gespräch.

Justus Niebling

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