Ein vergessenes Fest
Nur wenige wissen, dass die katholische Kirche am Freitag, dem 17. April 2026, das historische Fest der Heiligen Lanze und der Nägel Christi feiert. Die Geschichte dieses Festes reicht bis ins Mittelalter zurück, als Karl IV. als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation herrschte – jener Karl, den viele mit der Karlsbrücke in Prag verbinden. Hinzugefügt sei, dass in Schlesien Figuren des hl. Johannes Nepomuk an Brücken weit verbreitet sind; dieser Heilige wurde ermordet und von der Karlsbrücke aus in die Moldau geworfen.
Karl IV. richtete eine Bittschrift an den in Frankreich gefangenen Papst Innozenz VI., um die Bestätigung zu erhalten, dass die Reichslanze die einzig wahre Passionslanze sei. Dies geschah, und mit päpstlicher Autorität wurde die Echtheit der damals in Prag aufbewahrten Reliquie anerkannt. Im Jahr 1354 wurde das Fest eingeführt, das am zweiten Freitag nach Ostern gefeiert wird – also an dem, was wir heute den Freitag nach dem Weißen Sonntag nennen würden. In der Erbauungsliteratur finden sich zahlreiche Gebete und Andachten, die für das Festum Lanceae et Clavorum vorgesehen sind, auch auf Polnisch. Diese wurden in Oberschlesien genutzt, so zum Beispiel das Ende des 19. Jahrhunderts im „Wydawnictwo Dzieł Ludowych“ in Nicolai (Mikołów) erschienene, ein Kilogramm schwere und fast 1000 Seiten zählende „Buch zur Erleuchtung und Erbauung der christlich-katholischen Seele“ („Książka do oświecenia i zbudowania duszy chrześcijańsko-katolickiej”) des deutschen Norbertiners Leonard Goffiné (1648–1719).

Heilige Lanze.
Foto: Rene Hanke/Wikipedia
Es stellt sich die Frage, was es mit dieser Lanze auf sich hat und ob sie bis heute erhalten geblieben ist. Ich wage zu behaupten, dass fast jeder in Polen – in Deutschland und Österreich dagegen nur noch eine Handvoll – diese Lanze aus der Schule und von den zahlreichen Reproduktionen in Lehrbüchern kennt, die den ersten polnischen Herrscher Mieszko und König Bolesław den Tapferen (Chrobry) darstellen. Wir sehen sie auf dem von Jan Matejko gemalten Porträt Bolesławs des Tapferen sowie auf seinem Gemälde „Die Krönung des ersten Königs“, ebenso wie auf der vor vier Monaten von der Polnischen Nationalbank herausgegebenen 20-Złoty-Sammlermünze anlässlich des tausendsten Jahrestages der Krönung Bolesławs des Tapferen.
Es stellt sich die Frage, was es mit dieser Lanze auf sich hat und ob sie bis heute erhalten geblieben ist. Ich wage zu behaupten, dass fast jeder in Polen – in Deutschland und Österreich dagegen nur noch eine Handvoll – diese Lanze aus der Schule und von den zahlreichen Reproduktionen in Lehrbüchern kennt
Im Geschichtsunterricht wird heute nicht mehr gelehrt, dass die Lanze des heiligen Mauritius ein deutsches Geschenk ist, das das Bündnis der polnischen Herrscher mit den deutschen Herrschern besiegelte. Gallus Anonymus berichtete, dass der deutsche König und Kaiser Otto III. während des Gnesener Treffens Bolesław dem Tapferen einen Nagel vom Kreuz des Herrn zusammen mit der Lanze des heiligen Mauritius als Zeichen des Bündnisses und der Freundschaft schenkte. Dies muss ein bedeutendes Ereignis gewesen sein, beruft sich doch der Chronist, der über hundert Jahre später im Auftrag von König Bolesław Schiefmund schrieb, auf die symbolischen Verbindungen der ersten polnischen Herrscher mit Otto III.

Bolesław I. der Tapfere.
Foto: Jan Matejko/ Nationalbibliothek/Wikipedia
Der polnische Herrscher erhielt im Jahr 1000 tatsächlich eine getreue Kopie der heiligen Lanze, die auch Heilige und kreuztragende Kaiserlanze genannt wird und die 1000 Jahre lang ein Attribut der Macht der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation sowie eines der Reichskleinodien war.
Die Heilige Lanze besitzt in ihrer Tülle einen Nagel vom Kreuz Jesu Christi. Überlieferungen zufolge wurde sie im 3. Jahrhundert n. Chr. von der heiligen Helena gefunden, soll dem heiligen Mauritius gehört haben und später Konstantin dem Großen und Karl dem Großen. Die Lanze des heiligen Mauritius wurde vom ersten deutschen König Heinrich I., dem Vogler, vom Burgunderkönig Rudolf II. erworben und befand sich ab 926 im Besitz der Reichsherrscher. Otto III. beabsichtigte, ein universalistisches Reich zu schaffen, das alle Herrscher des christlichen Europas vereinen würde, und übergab Chrobry nach deutschem Brauch (more germanico) als Zeichen der Oberhoheit und Macht eine Kopie der Lanze des heiligen Mauritius. Diese ist nicht nur eine Reliquie, sondern vor allem ein Machtsymbol und eines der Krönungsinsignien der polnischen Könige.
Heute können wir beide Machtsymbole bewundern. Das Original befindet sich in der Kaiserlichen Schatzkammer in Wien, seine getreue Kopie wird in der Schatzkammer der Wawel-Kathedrale in Krakau streng gehütet.
Waldemar Gielzok

