Lesung: Ex 22, 20–26
Lesung: 1 Thess 1, 5c–10
Evangelium: Mt 22, 34–40
Wenden wir uns heute kurzen Kommentaren zu den einzelnen Lesungen des 30. Sonntags im Jahreskreis zu. So wird deutlich, dass Gott und der Mensch untrennbar zueinander gehören.
Gott steht an der Seite der Witwen, der Waisen, der Fremden und der Armen
Der Abschnitt aus dem Buch Exodus enthält Rechtsvorschriften, die das Zusammenleben des Volkes Israel ordnen sollen. Im Mittelpunkt steht der Schutz jener Menschen, die besonders gefährdet sind: Fremde, Witwen, Waisen und Arme. Sie verfügen oft weder über ausreichende wirtschaftliche Mittel noch über gesellschaftlichen Einfluss, um ihre Rechte selbst zu verteidigen.
„Wer Gott liebt, kann den Menschen nicht aus seiner Liebe ausschließen.“
Die Begründung für den Schutz der Fremden ist bemerkenswert: Israel soll sich daran erinnern, dass es selbst in Ägypten als fremdes und unterdrücktes Volk gelebt hat. Die eigene Erfahrung der Unfreiheit soll zur Achtung der Freiheit und Würde anderer Menschen führen. Gottes Befreiungshandeln wird so zur Grundlage menschlicher Verantwortung.
Besonders eindringlich ist die Zusage Gottes, den Klageschrei der Witwen und Waisen zu hören. Sie erinnert ebenso an die Befreiung Israels aus Ägypten (Ex 3,7). Gott nimmt das Leiden der Schutzlosen wahr. Sein Zorn über ihre Unterdrückung bringt zum Ausdruck, dass die Verletzung ihrer Rechte schweres Unrecht ist.
Auch die Bestimmungen über Geldverleih und Pfand dienen dem Schutz der Armen. Wirtschaftliche Ansprüche dürfen nicht dazu führen, dass einem Menschen die notwendigen Mittel zum Leben genommen werden. Deshalb muss selbst ein verpfändeter Mantel vor Sonnenuntergang zurückgegeben werden.
Der Abschnitt endet mit einer grundlegenden Aussage Gottes: „Denn ich bin gnädig.“ Das hebräische Wort ḥannûn bedeutet „gnädig“ oder „barmherzig“. Gottes Gerechtigkeit und sein Erbarmen gehören untrennbar zusammen. Gott steht an der Seite der Schwachen, weil ihre Würde gerade dort besonderen Schutz braucht, wo menschliche Achtung und gesellschaftliche Sicherheiten fehlen. Daran soll sich auch die Gerechtigkeit der menschlichen Gemeinschaft messen lassen.
Lob für die Thessalonicher
Der erste Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher gehört zu den ältesten Schriften des Neuen Testaments. Schon zu Beginn spricht Paulus der jungen christlichen Gemeinde ein bemerkenswertes Lob aus. Sie ist für andere Christen zum Vorbild geworden. Nicht wegen ihrer Größe oder ihres gesellschaftlichen Ansehens, sondern wegen der Art, wie sie den Glauben angenommen und gelebt hat.
Worin besteht ihre Vorbildlichkeit? Zunächst darin, dass die Thessalonicher das Evangelium trotz großer Bedrängnis angenommen haben. Sie orientierten sich am Beispiel des Apostels Paulus und seiner Mitarbeiter, vor allem aber an Jesus Christus. Ihre Treue zum Glauben war mit persönlichen Schwierigkeiten und gesellschaftlicher Ablehnung verbunden. Dennoch bewahrten sie jene Freude, die Paulus ausdrücklich als Gabe des Heiligen Geistes bezeichnet. Diese Freude erwächst nicht aus günstigen Lebensumständen, sondern aus der lebendigen Beziehung zu Gott.
Bemerkenswert ist auch die Ausstrahlung ihres Glaubens. Paulus berichtet, dass die Nachricht von ihrer Bekehrung weit über Thessalonich hinaus bekannt geworden ist. In Mazedonien und Achaia spricht man von ihnen. Die Gemeinde verkündet das Evangelium somit nicht nur durch Worte, sondern auch durch ihre Lebensweise.
Besonders deutlich beschreibt Paulus die Bekehrung der Thessalonicher: Sie haben sich von den Götzen abgewandt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen. Diese Umkehr bedeutet mehr als einen Wechsel religiöser Vorstellungen. Sie ist eine grundlegende Neuorientierung des Lebens.
Zwei Haltungen kennzeichnen diese neue Existenz: Gott dienen und Jesus Christus erwarten. Der Glaube verbindet die Verantwortung in der Gegenwart mit der Hoffnung auf die Zukunft. Die Auferweckung Jesu ist dabei das Fundament dieser Hoffnung. Durch ihn erwartet die Gemeinde Rettung im kommenden Gericht Gottes.
Die Thessalonicher sind also Vorbilder, weil ihr Glaube auch unter schwierigen Bedingungen Bestand hat, ihr Leben verändert und auf andere Menschen ausstrahlt. Für den hl. Paulus zeigt sich darin die wirksame Kraft des Evangeliums und des Heiligen Geistes.
Das Gebot der vollkommenen Liebe
Ein Gesetzeslehrer fragt Jesus nach dem wichtigsten Gebot. Hinter dieser Frage steht eine grundlegende Sorge des jüdischen Glaubens: Was ist der eigentliche Mittelpunkt des göttlichen Gesetzes? Was gibt den zahlreichen Geboten ihren inneren Zusammenhang und ihren Sinn?
Jesus antwortet mit zwei Aussagen aus dem Alten Testament. Die erste stammt aus dem Buch Deuteronomium (Dtn 6,5): Gott lieben mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Denken. Die zweite findet sich im Buch Levitikus (Lev 19,18): Den Nächsten lieben wie sich selbst. Jesus führt also keine neuen Gebote ein. Das Besondere seiner Antwort besteht darin, dass er beide Gebote untrennbar miteinander verbindet und ihnen die gleiche grundlegende Bedeutung zuschreibt.
Was bedeutet vollständige Liebe? Die dreifache Formulierung „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken“ bezeichnet den Menschen in seiner Gesamtheit. Die Liebe zu Gott beschränkt sich nicht auf religiöse Gefühle oder einzelne fromme Handlungen. Sie umfasst das Denken, die Entscheidungen, die Lebensgestaltung und das gesamte menschliche Handeln.
Ebenso umfassend ist das Gebot der Nächstenliebe. Den anderen zu lieben wie sich selbst bedeutet, seine Würde, seine Bedürfnisse und sein Wohlergehen ebenso ernst zu nehmen wie die eigenen. Im Matthäusevangelium reicht diese Liebe sogar bis zu den Feinden (Mt 5,44). Sie überschreitet damit die Grenzen persönlicher Sympathie und gesellschaftlicher Zugehörigkeit.
Jesus erklärt schließlich, dass an diesen beiden Geboten das ganze Gesetz und die Propheten hängen. Damit werden die übrigen Gebote nicht aufgehoben. Vielmehr erhalten sie ihren entscheidenden Maßstab und ihren tiefsten Sinn.
Die vollständige Liebe verbindet die Beziehung zu Gott mit der Verantwortung für den Menschen. Beide gehören zusammen. Wer Gott liebt, kann den Menschen nicht aus seiner Liebe ausschließen. Darin liegt nach Jesus die Mitte des biblischen Glaubens.