Nachbarschaft verpflichtet

Die Grenzen der Rekonstruktion

19 Oktober 2026, 05:00 Geschichte , Kommentar

Historische Inszenierungen können Vergangenheit anschaulich vermitteln – doch was passiert, wenn Wehrmachtsuniformen und militärische Ausrüstung ohne ausreichenden historischen Kontext präsentiert werden? Krzysztof Ruchniewicz hinterfragt den Bildungswert solcher Reenactments und zeigt am Beispiel einer Fahrradrallye sowie anhand persönlicher Schicksale, warum historische Genauigkeit allein noch keine verantwortungsvolle Erinnerungskultur ausmacht.

Auf einem Internetportal erschien ein Bericht mit Fotos von einer Fahrradrallye, die Anfang September dieses Jahres stattfand. Die sechzig Kilometer lange Strecke führte entlang der Vorkriegsgrenze zwischen Polen und Deutschland. Die Berichterstatter versicherten, es sei eine „großartige Gelegenheit gewesen, gemeinsam Zeit zu verbringen, die Geschichte dieser Gegend kennenzulernen und etwas Besonderes auf etwas andere Weise zu erleben“. Man könnte denken: Na ja, eine von vielen solchen Touren. Anfang September, das Ende der Urlaubssaison, das Wetter spielt noch mit. Da muss man zugreifen. Der erste Eindruck kann allerdings trügen.

Ein genauerer Blick auf die Fotos konnte nämlich verblüffen, manch einen wohl sogar schockieren. Fast in jedem Ort hatten Gedenkfeiern zum Kriegsausbruch stattgefunden. Die Blumengebinde an den Denkmälern waren noch nicht ganz verwelkt. Man sprach viel von der Brutalität der Wehrmacht, vom Martyrium der überfallenen Zivilbevölkerung. Einige Politiker ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, wieder einmal an die unermesslichen polnischen Leiden zu erinnern. Und siehe da: Auf den Fotos von der Rallye waren junge Leute in Wehrmachtsuniformen zu sehen, bestens ausgerüstet, stolz auf ihre Originalausrüstung, und das auch noch auf Fahrrädern aus jener Zeit. Zufrieden, denn der „Test unserer 80 Jahre alten Fahrzeuge“ sei geglückt. Man kam also durch diese Gegend ebenso gut voran wie die deutschen Radfahrer im Jahr 1939? Das Material, auf das ich mich hier beziehe, stammt von einer der polnischen Reenactment-Gruppen. An solchen herrscht bei uns, wie ich erfuhr, kein Mangel: Sie stellen mit Eifer verschiedene deutsche Einheiten aus dem Zweiten Weltkrieg nach, darunter Infanterie, Aufklärer oder den Volkssturm. Alles, so versichert man, diene der historischen Bildung, ganz ohne politische oder ideologische Konnotationen. Es gehe lediglich um die Bewunderung für den Schnitt der Uniformen und die Qualität der Feldflaschen. Die Gewehre sehen ja auch ganz schick aus. Wozu solche in dieser Gegend einst dienten? Warum so ein Thema überhaupt anschneiden…

Historische Reenactments werfen die Frage auf, wie sich die Darstellung militärischer Vergangenheit mit dem Gedenken an die Opfer verbinden lässt. Symbolbild.
Foto: Jean Marc Bonnel/Pexels

Nach der Durchsicht der Fotos schaute ich mir auch die Internetseite der Gruppe an. Sehr interessant und zum Nachdenken anregend. Ich kam nämlich nicht umhin, mich zu fragen, welchen Sinn solche Reenactments haben. An historische Inszenierungen aller Art haben wir uns natürlich längst gewöhnt. Sie gelten als willkommene Unterhaltung, als für viele reizvolle Form, die Vergangenheit „zum Leben zu erwecken“, am liebsten die im Zeichen von Schwert und Bajonett. Reenactment-Gruppen stellen Schlachten und Scharmützel nach, wirken als Statisten in Filmen, Reportagen oder Werbespots mit. Die Rekonstruktion ist zu einer Weise geworden, über die Vergangenheit zu erzählen. Die Frage ist, welchen Bezug sie tatsächlich zur historischen Bildung hat, zumal zum Thema des letzten Krieges und seines verbrecherischen Charakters.

Mir ist einer dieser Spots mit niederschlesischen Reenactment-Darstellern im Gedächtnis geblieben. Er wurde schon vor gut einigen Jahren produziert und sollte für die Universität Wrocław werben. Aus damals unklaren und wohl auch heute noch unklaren Gründen setzte man darin Darsteller in Wehrmachtsuniformen ein. Sie spielten eine Szene, in der sie wild das Hauptgebäude unserer Hochschule stürmten. Mit gezückten Pistolen, die Münder zum Schrei aufgerissen, rannten sie auf zwei meiner Historikerkollegen zu, die zur Unterstreichung ihrer Stellung weiße Kittel trugen.

Nein, erschossen wurden sie nicht, wie ich befürchtet hatte. Die Forscher stoppten den Ansturm der Barbaren mit einer Handbewegung. Nun ja, eine Idee war das schon, irgendwo steckte der nützliche Gedanke, zum Studium gerade bei uns zu ermuntern. Ich dachte jedoch an die Professoren, die nach 1945 nach Wrocław kamen, um unsere Universität in Gang zu setzen. Sie hatten den Tod ihrer im Krieg ermordeten Kollegen frisch im Gedächtnis. Wäre ihnen eine solche Form der Werbung verständlich gewesen, oder hätten sie sie eher mit Befremden betrachtet? Ja, ich weiß: Die heutige, mit Computerspielen aufgewachsene Jugend muss man in einer Sprache ansprechen, die sie versteht. Aber ist das nun wirklich die richtige? Für mich nicht, doch einige Kollegen versuchten mich mit verschiedenen Argumenten zu überzeugen, die man durchaus als sachlich gelten lassen kann. Schließlich war der Clip ein Loblied auf die Macht der Wissenschaft und nicht auf die Stärke der Soldaten.

Historische Genauigkeit allein ist noch keine Bildung.

Ein anderes Mal wurde ich Zeuge von Dreharbeiten in der Nähe unseres barocken Hauptgebäudes. Die Handlung spielte in der Zeit des Dritten Reiches. An den Universitätsgebäuden wehten riesige Hakenkreuzfahnen, auf dem Platz wuselten Wehrmachtssoldaten umher. Am Rand standen neugierige Gaffer. Es war ein merkwürdiges Gefühl, aber klar war, dass es sich um eine Kulisse handelte, die gleich wieder verschwinden würde. Alle wussten, dass ein Film entstand und dass die historische Szenerie Teil der erzählten Geschichte war.

Die Rallye einer Reenactment-Gruppe in Wehrmachtsuniformen entlang der ehemaligen polnisch-deutschen Grenzregion und die aus dem Internetbericht sprechende ziemlich gedankenlose Zufriedenheit darüber, dass die Schläuche nicht geplatzt waren und die soliden Stiefel nach Wehrmachtsvorbild keine Fersen wund gescheuert hatten, haben jedoch eine Grenze überschritten, und zwar nicht nur die meiner persönlichen Sensibilität und Toleranz, sondern, so fürchte ich, schlicht die des Anstands und des Respekts vor den Opfern jener Kämpfe. Ich frage mich, wie die Bewohner der Ortschaften reagierten, durch die die Route verlief. Wie mögen sich Menschen gefühlt haben, die zufällig einer Gruppe in den Uniformen der einmarschierten deutschen Armee begegneten? Sahen sie darin nur einen netten Spaß? Wenn ja, dann sollten wir uns nicht länger einreden, dass uns die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und seine Millionen Opfer so wichtig und heilig sei.

Die Geschichte von Edmund Tyborski verdeutlicht, wie unterschiedlich die Lebenswege von Menschen waren, die während des Zweiten Weltkriegs Wehrmachtsuniformen tragen mussten. Symbolbild.
Foto: Robin1960/Pixabay

Worin bestand der Bildungswert dieses Unternehmens? Abgesehen von der rein „technischen“ Präsentation von Uniformen, Ausrüstung und alten Fahrrädern fällt es mir schwer, einen zu erkennen. Historische Genauigkeit allein ist noch keine Bildung. Reenactment kann eine wertvolle Weise sein, über die Vergangenheit zu erzählen, doch sie braucht einen Kontext. Ohne ihn wird Geschichte leicht auf ein Kostüm reduziert. Und der Kontext für diese Minimanöver sind die Erkenntnisse der Historiker über die Verbrechen, die die Wehrmacht seit den ersten Kriegsstunden auf polnischem Boden verübte. Ich füge hinzu: Verbrechen, die auch von deutschen Forschern untersucht und beschrieben wurden.

Ich fühle mich mit meiner Wahrnehmung nicht ganz allein. Unter dem Bericht erschien die Frage eines Internetnutzers: „Habt ihr eigentlich daran gedacht, wie sich ältere Menschen fühlen, die den Krieg erlebt haben, oder solche, deren Angehörige ermordet wurden, wenn sie euch in den Uniformen der Mörder sehen?“ Die Organisatoren antworteten, ihre Gruppe stelle die Gestalten von Wehrmachtssoldaten „zu Bildungs- und historischen Zwecken“ dar und verherrliche weder den Nationalsozialismus noch unterstütze sie seine Ideologie. Ha! Die Kleider trägt man gern, die Schneider aber lobt man nicht. Sie betonten außerdem, ihr Ziel sei die getreue Darstellung der historischen Realität, der Uniformierung, der Ausrüstung und des Lebens der Soldaten sowie die Achtung vor dem Andenken der Opfer des Zweiten Weltkriegs. Auf welche Weise haben sie es geachtet?

Ich habe selbstverständlich keinen Grund, die von ihnen erklärten edlen Absichten anzuzweifeln. Die Sache darf aber nicht bei den Absichten derer enden, die irgendwelche ausgewählten Ereignisse rekonstruieren. Wichtig ist auch, wie das Reenactment von denen wahrgenommen wird, die zu ihren zufälligen Zuschauern werden. Gerade deshalb lohnt es sich, die Wehrmachtsuniform auch außerhalb des Reenactment-Kontexts zu betrachten.

Noch vor Kurzem tobte eine heiße Diskussion (sagen wir: eine Diskussion) über den Dienst von Polen aus Pommerellen in der Wehrmacht. Anlass war die Ausstellung „Nasi chłopcy. Mieszkańcy Pomorza Gdańskiego w armii III Rzeszy“ („Unsere Jungs. Die Bewohner Pommerellens in der Armee des Dritten Reiches“). Das tragische, sachlich und ruhig gezeigte Schicksal, ein Teil der polnischen Erfahrung jener Zeit, löste einen gewaltigen Sturm aus. Manche sparten nicht mit Worten der Empörung und sprachen den Machern der Ausstellung jede Ehre ab. Wer die Ausstellung nicht sehen konnte, dem empfehle ich die Lektüre der Reportage von Stasia Budzisz in der „Gazeta Wyborcza“ vom Dezember 2025 mit dem Titel „Nasi chłopcy. ‚Przebaczta mi Kochani Rodzice, że wam takiego kłopotu narobił‘ – napisał dezerter z Wehrmachtu, zanim kat spuścił gilotynę“ („Unsere Jungs. ‚Verzeiht mir, liebe Eltern, dass ich euch solche Sorgen gemacht habe‘, schrieb der Wehrmachtsdeserteur, bevor der Henker das Fallbeil fallen ließ“). Die Autorin erinnert darin daran, dass sich hinter dem Begriff „Dienst in der Wehrmacht“ sehr unterschiedliche Biografien verbergen: Zwang, Angst, Versuche, Familienmitglieder zu retten, Desertionen, Repressionen und dramatische Entscheidungen.

Reenactment-Teilnehmer in Zweit-Weltkriegs-Uniform in Titusville, Florida. Symbolbild.
Foto: Phyllis Lilienthal/Pexels

Eine dieser Geschichten ist das Schicksal von Edmund Tyborski. 1943 zur Wehrmacht eingezogen, desertierte er und versteckte sich zusammen mit Bronisław Marchlewicz. Beide wurden gefasst. Tyborski wurde vor ein Militärgericht gestellt und zum Tode verurteilt. Am 19. Oktober 1943 schrieb er in Köln seinen Eltern einen letzten Brief mit der Bitte um Verzeihung. Er fügte hinzu, dass sich in dem Umschlag sein Rosenkranz befinde. Kurz darauf wurde er mit der Guillotine hingerichtet.

Einen größeren Kontrast kann man sich kaum denken. Auf der einen Seite die Rekonstruktion von Uniform, Ausrüstung und Fahrrad, im Namen irgendeiner historischen Bildung. Auf der anderen ein wirklicher junger Mensch, der diese Uniform notgedrungen trug, seine Familie, seine Angst und schließlich sein grausamer Tod. Und genau hier beginnt für mich die wahre Geschichte und ihre wahre Vermittlung. Es geht nicht darum, das Reenactment von Wehrmachtseinheiten zu verbieten. Nicht jedes solche Reenactment ist schließlich eine Verherrlichung des Nationalsozialismus.

Man kann den deutschen Soldaten zeigen, seine Uniform, seine Waffen, seine Ausrüstung oder seinen Alltag. Man kann auch Schwieriges und Unrühmliches rekonstruieren. Man sollte jedoch nicht den Eindruck erwecken, aus der Vergangenheit werde nur das ausgewählt, was bequem und hübsch ist und Aufmerksamkeit anzieht, während der Kontext weit im Hintergrund bleibt, abgetan mit der Beteuerung, man propagiere hier nichts Verwerfliches (wie sieht übrigens der rekonstruierte Koppelriemen aus? „Gott mit uns“?). Wozu stellt man diese Fotos von posierenden Rekonstruktions-Wehrmachtlern im Wald, im Schützengraben, mit Waffe, Fahrrad, Kübelwagen, am Lagerfeuer ins Netz? Man möchte fast fragen, was dort gesungen wird. „O mój rozmarynie“ (ein polnisches Soldatenlied) passt irgendwie schlecht…

Wer sich also auf die Pfade des Reenactments begibt, muss sich ständig vergegenwärtigen, was er eigentlich wiederbelebt und wozu, und wie das aufgenommen wird. Nur die Uniform oder auch den Menschen, der sie trug, mit seinen Motiven, Entscheidungen, seinem Zwang, seiner Verantwortung und seinem Schicksal? Zeigen wir das System, in dem dieser Mensch funktionierte, mal ohne Wahl, mal mit Zufriedenheit? Erinnern wir an die Opfer von Krieg und Besatzung, auch an die Soldaten selbst, die in diesen sechs Jahren zu Millionen ums Leben kamen? Geben wir dem Zuschauer die Möglichkeit zu verstehen, warum jemand in einer deutschen Uniform steckte und was das für ihn bedeutete? Die Ausstellung „Nasi chłopcy“ hat genau das versucht. Sie zeigte Menschen, die in die Geschichte verstrickt waren, ohne sie zu heroisieren oder pauschal zu verurteilen. Einer der Angehörigen von Edmund Tyborski sagte angesichts der Reaktionen auf die Ausstellung, sein Verwandter sei zum zweiten Mal als Verräter angesehen worden, diesmal nach dem Krieg. Das ist ein wichtiges Zeugnis dafür, wie lange solche Geschichten in Polen unerzählt blieben, an den Rand gedrängt.

Originalgetreu nachgebaute Uniformen und Waffen reichen für die Vermittlung schwieriger Geschichte nicht aus. Sie braucht auch Fragen, Kontext und das Gedenken an die Menschen, die diese Uniformen tatsächlich trugen, in ihnen töteten und selbst starben. Und vielleicht sollte jede Rekonstruktion mit der Frage beginnen, was wir durch die Uniform über die Vergangenheit sagen wollen. Haben sich die Teilnehmer dieser Rallye diese Frage gestellt? Der erwähnte Bericht deutet es nicht einmal an.

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.
Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.

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