Nachbarschaft verpflichtet

Über die deutsch-polnischen Beziehungen – einmal anders gedacht

28 September 2026, 05:00 Politik

Wie könnten die deutsch-polnischen Beziehungen aussehen, wenn wir vertraute Denkmuster verlassen und auch einmal andere Wege denken? In seiner aktuellen Kolumne spielt Prof. Krzysztof Ruchniewicz ungewöhnliche Szenarien durch und zeigt, wie anders die Beziehungen aussehen könnten, wenn die Verantwortlichen beider Länder andere Entscheidungen treffen würden.

Ich möchte vorschlagen, für einen Moment die Augen zu schließen und der Fantasie freien Lauf zu lassen. Worum es geht? Nun, träumen wir einfach einmal von den deutsch-polnischen Beziehungen. Wir schreiben das Jahr 2026, dunkle Wolken und entsprechende Nachrichten bedrücken viele von uns. Könnte es auch anders sein? Hängt noch etwas von uns ab?

Als Historiker muss ich gleich zu Beginn eine Einschränkung machen: Ich bin kein Freund der kontrafaktischen Geschichtsschreibung. Dennoch reizt es wohl jeden von uns, alternative Szenarien zu entwerfen. Der Unterschied ist grundlegend. Die kontrafaktische Geschichtsschreibung richtet den Blick auf die Vergangenheit und fragt, was hätte geschehen können, wenn bestimmte Umstände sich anders entwickelt hätten. Alternatives Denken geht dagegen von einem realen Ausgangspunkt aus, richtet den Blick aber auf die Zukunft und fragt: Sind noch andere Wege möglich?

Neue Perspektiven auf die deutsch-polnische Nachbarschaft

Es scheint, als hätten wir seit einiger Zeit die Augen vor solchen Alternativen verschlossen. Natürlich würdigen wir die gemeinsamen Erfolge, und dennoch beobachten wir recht passiv, wie die deutsch-polnischen Beziehungen in ein für beide Nationen schädliches Fahrwasser aus Abneigung und Vorurteilen geraten. Betrachten wir daher im Rahmen eines kleinen Gedankenexperiments einige mögliche Szenarien.

Meines Erachtens lassen sich grundsätzlich vier Bereiche nennen, in denen eine solche Denkweise produktiv sein könnte: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Erinnerung.

Wir schreiben das Jahr 2026, dunkle Wolken und entsprechende Nachrichten bedrücken viele von uns. Könnte es auch anders sein?

Seit einigen Jahren erleben wir eine Art Beschwörungspolitik: wie gut unsere Beziehungen seien, wie viel Positives sich in ihnen ereignet habe und weiterhin ereigne, wie viele gemeinsame Projekte wir umsetzten … Die Regierungen treffen sich, die Ministerien vereinbaren Fahrpläne. Und doch schwebt über all dem der Titel eines Podcasts – „Deutschland in Trümmern“.

Nota bene: In Deutschland bin ich auf keinen Podcast über Polen gestoßen, der in einem vergleichbaren Ton gehalten gewesen wäre. Wenn überhaupt Beiträge über unser Land erscheinen, handelt es sich eher um sachliche Informationen über Polen, seine Gesellschaft und Wirtschaft sowie über die Entwicklung der wechselseitigen Beziehungen.

Wenn man bei uns also davon ausgeht, dass Deutschland in Trümmern liegt, warum sollten wir ihm nicht helfen? Das wäre in der Tat eine spektakuläre Umkehr der bisherigen Rollen. Etwas, das unseren Nationalstolz beträchtlich stärken könnte (schließlich kann man ihn nicht ewig von vergangenen Niederlagen, also moralischen Siegen, nähren).

Mehr Nachbarschaft, weniger Tagespolitik

Eine Möglichkeit wäre eine stärkere bilaterale Tätigkeit polnischer politischer Stiftungen. Sie könnten unseren westlichen Nachbarn häufiger mit den Problemen Europas, der Demokratie und natürlich auch mit den deutsch-polnischen Beziehungen vertraut machen. Sie könnten großzügig Stipendien finanzieren und Publikationen oder Portale fördern, die sich an ein deutsches Publikum richten. Solche Stiftungen gibt es bereits, neue müssten also nicht gegründet werden. Eine Umwidmung eines Teils der Mittel, die seit Jahren so großzügig an Institute fließen, die in den Dienst der Geschichtspolitik gestellt wurden, würde zwar politische Entschlossenheit erfordern – aber nehmen wir in unserem Traum einfach einmal an, dass die Entscheidungsträger keine Weicheier sind.

Sich vorzustellen, wie die deutsch-polnischen Beziehungen auch aussehen könnten, eröffnet neue Perspektiven – und vielleicht auch neue Wege für ihre Zukunft.
Foto: Ana Benet/Pexels

Das wirtschaftlich prosperierende Polen könnte ebenfalls das schwächelnde Deutschland unterstützen. Alles im Namen guter Nachbarschaft und der Stabilität Europas. Was für eine Genugtuung wäre das! Über Jahrzehnte haben wir von der deutschen Infrastruktur profitiert – und tun es noch immer. Warum also nicht Kredite für die Sanierung eben dieser Autobahnen und die Modernisierung des Eisenbahnnetzes anbieten? Wenn wir selbst erst kürzlich die „längste Treppe des modernen Europas“ auf der A4 losgeworden sind, können wir nun auch die Sanierung der Bahnstrecke nach Berlin stemmen. Die Opfer der bisherigen permanenten Verspätungen würden täglich in mehreren Sprachen Dankgebete an uns richten.

Eine weitere Herausforderung ist die Situation der Polen in Deutschland und der Deutschen in Polen. Notwendig ist nicht nur der Dialog – der zunehmend ritualisiert wird –, sondern auch ein engerer alltäglicher Austausch und gemeinsame Arbeit. Doch woher sollen die Mittel dafür kommen? Polen in Deutschland und Deutsche in Polen sowie alle interessierten Bürgerinnen und Bürger beider Länder könnten freiwillig jedes Jahr einige symbolische Euro in einen gemeinsamen zivilgesellschaftlichen Bildungsfonds einzahlen – von Geschichte bis zur Sprache des Nachbarn. Ein zusätzlicher Vorteil wäre, dass diese Aktivitäten dem Einfluss der tagespolitischen Scharmützel entzogen würden.

Der Umgang mit der gemeinsamen Vergangenheit

Und wenn wir schon bei der Geschichte sind … Vielleicht sollten wir endlich eine sogenannte männliche Entscheidung treffen und den Zweiten Weltkrieg mitsamt seinen materiellen Folgen für beendet erklären? Die Regelung von Reparationsfragen kommt über Wunschdenken nicht hinaus (was die Kenner der Materie ja von Anfang an vorausgesagt haben!) und wird das Reich der Illusionen und die Heimat der verlorenen Milliardensummen wohl nicht verlassen.

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Wenn die noch lebenden polnischen Opfer der deutschen Besatzung nicht auf Unterstützung aus dem angeblich in Trümmern liegenden Deutschland warten können, könnte Polen sie selbst, ohne weitere, inzwischen doch recht peinliche Appelle an den westlichen Nachbarn, auf ehrenvolle Weise unterstützen. Wir können uns das nicht leisten? Aber natürlich können wir es. Alte und kranke Menschen zu Geiseln der politischen Handlungsunfähigkeit zu machen, widerspricht unserem eigenen Selbstbild. Sollen wir für deutsche Verbrechen bezahlen? Natürlich nicht. Wir kümmern uns lediglich um die Opfer, um deren Schicksal sich unsere Politiker von rechts bis links angeblich so große Sorgen machen.

Diejenigen Leserinnen und Leser, die sich über meine Fantasien empört haben, kann ich beruhigen. Es handelt sich lediglich um die frommen Wünsche eines einzelnen Historikers. Daraus wird nichts werden. An den Spitzen der politischen Führung beider Länder sucht man wohl vergeblich nach Persönlichkeiten vom Format jener historischen Gestalten, die die Geschichte der deutsch-polnischen Verständigung und Versöhnung geprägt haben. Wenn nicht die Politiker – vielleicht dann die Bürgerinnen und Bürger?

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.
Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.

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