Der Erfahrungsaustausch und die Vorstellung bewährter Praktiken zur Entwicklung des ländlichen Raums standen im Mittelpunkt der polnisch-deutschen Konferenz „Dorferneuerung – gute Praktiken aus Polen und Deutschland“, die am 30. Oktober in Kandrzin-Cosel stattfand. An der Veranstaltung nahmen Kommunalpolitiker, Experten aus der Woiwodschaft Oppeln sowie Vertreter der Bundesländer Sachsen und Bayern teil.
Der direkte Austausch macht den Unterschied
Die Konsulin der Bundesrepublik Deutschland in Oppeln, Marlen Sulzer, wies auf einen Wandel in der Wahrnehmung des ländlichen Raums durch die Stadtbevölkerung hin. „In den Städten mangelt es trotz der zunehmenden Bevölkerungsdichte an Wohnraum, während die Lebensqualität sinkt“, betonte sie. „Wir wollen nicht, dass Städte und Dörfer als Gegensätze wahrgenommen werden. Vielmehr geht es uns darum, die Lebensqualität im ländlichen Raum zu verbessern. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Polen und Deutschland gemeinsam vorangehen.“

Die Konsulin der Bundesrepublik Deutschland in Oppeln, Marlen Sulzer, verwies auf den veränderten Blick auf den ländlichen Raum.
Foto: S. Koprek-Golomb
Die Veranstaltung bot eine besondere Gelegenheit zum persönlichen Austausch für all jene, die unmittelbar Verantwortung für die Entwicklung ihrer Kommunen tragen. „Wir bringen Menschen zusammen, die tagtäglich Verantwortung für ihre Gemeinden übernehmen. Dabei möchten wir die politische Ebene bewusst ausklammern und den direkten Dialog ermöglichen – von Mensch zu Mensch“, ergänzte die Vertreterin des Konsulats. „Das verleiht den Beziehungen eine sehr persönliche Note und schafft ein nachhaltiges Netzwerk für die Zukunft.“
Wertvolle Impulse und Inspiration
Justyna Osiecka-Sułek, Direktorin des Departements für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung im Marschallamt der Woiwodschaft Oppeln, betonte, dass beide Seiten mit nahezu identischen Herausforderungen konfrontiert sind. „Wir hatten die Themen der Präsentationen und Vorträge im Vorfeld nicht abgestimmt. Dennoch zeigt sich, dass die Herausforderungen, vor denen die deutsche und die polnische Seite stehen, weitgehend dieselben sind: Bevölkerungsrückgang und leer stehende Immobilien“, erklärte Justyna Osiecka-Sułek. „Die Herangehensweise unserer Partner aus Bayern und Sachsen macht deutlich, dass sie sich bereits mitten in einem Entwicklungsprozess befinden, während wir erst am Anfang stehen. Ihre Erfahrungen sind für uns eine äußerst wertvolle Inspiration und ein wichtiger Impuls für unser weiteres Handeln.“
Die polnische Seite sieht sich allerdings mit rechtlichen und administrativen Hürden konfrontiert, die die Handlungsmöglichkeiten der Kommunen vor Ort einschränken. „Auf nationaler Ebene fehlen uns bestimmte systemische und gesetzliche Lösungen. Das stellt für uns ein erhebliches Hindernis bei der Umsetzung einiger Maßnahmen dar“, stellte Direktorin Osiecka-Sułek fest. „Dennoch gilt, wie einer der Referenten treffend sagte: Steter Tropfen höhlt den Stein. Ich hoffe, dass diese Begegnung ein besonders wirkungsvoller Tropfen sein wird, der in einigen Jahren konkrete Ergebnisse hervorbringt.“
Im Rahmen der Veranstaltung wurden auch erfolgreiche Beispiele aus dem ländlichen Raum der Woiwodschaft Oppeln vorgestellt: Salesche (Gemeinde Leschnitz), das im vergangenen Jahr beim Wettbewerb „Schönstes Dorf der Woiwodschaft Oppeln“ ausgezeichnet wurde und dessen Präsentation auf dem floralen Erbe des Ortes aufbaute, sowie das diesjährige Siegerdorf Grodisko.
Voneinander lernen und gemeinsam mehr erreichen
Auf die Bedeutung von Offenheit und internationalem Austausch wies Jürgen Eisentraut hin, Direktor des Amtes für Ländliche Entwicklung Unterfranken, der ebenfalls an der Konferenz teilnahm. „Wir bemühen uns, sowohl unsere positiven als auch unsere negativen Erfahrungen miteinander zu teilen. Denn ich bin überzeugt, dass wir in Europa sehr viel voneinander lernen können“, betonte er. „Weder Polen noch Deutschland sind in der Dorfentwicklung perfekt. Doch wenn wir zusammenarbeiten, können wir Synergieeffekte erzielen.“

Die Konferenz im Hotel Hugo in Kandrzin-Cosel bot Anlass zu einer Diskussion darüber, was Polen und Deutschland voneinander lernen können.
Foto: S. Koprek-Golomb
Ein zentrales Konzept, das die deutsche Seite vorstellte, war die Idee der Gemeindeallianzen. „Die Gemeinden haben erkannt, dass sie gemeinsam stärker sind als jede für sich allein. Wenn sich sechs oder sieben Kommunen zusammenschließen, um beispielsweise gemeinsam ein Schwimmbad zu betreiben, profitieren davon alle Menschen in der Region“, erläuterte Eisentraut. Ein vergleichbarer Ansatz werde auch bei der Bekämpfung von Leerständen in der Region Hofer Land verfolgt. Dort sei es dank einer gemeinsamen Strategie gelungen, Baulücken zu schließen.
Zudem machte Eisentraut auf einen wesentlichen Unterschied bei der Finanzierung aufmerksam: „In Bayern stehen uns für Projekte im ländlichen Raum noch beträchtliche finanzielle Mittel zur Verfügung. In Regionen mit geringeren Budgets sind jedoch häufig das Engagement und die Eigeninitiative der Menschen stärker ausgeprägt. Mit Geld kann man Menschen gewinnen – doch auch ohne große finanzielle Mittel lässt sich ein noch stärkeres gesellschaftliches Engagement mobilisieren.“
Kann eine Kommune zum Immobilienmakler werden?
Tomasz Hubert Kandziora, Gemeindevorsteher der Gemeinde Reinschdorf, bewertete die von den ausländischen Gästen vorgestellten Lösungsansätze als äußerst inspirierend. „Die präsentierten Modelle sind in vielerlei Hinsicht überraschend, und wir würden einige davon gerne übernehmen“, räumte Kandziora ein. „Aufgrund der unterschiedlichen staatsrechtlichen Rahmenbedingungen lässt sich natürlich nicht alles eins zu eins übertragen, denn die deutschen Kommunen verfügen über größere Handlungsspielräume. Doch sogenannte weiche Maßnahmen und Aktivitäten im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Werbung lassen sich durchaus auch bei uns umsetzen.“

Zu den Teilnehmern der Konferenz gehörte auch der Gemeindevorsteher von Reinschdorf, Tomasz Hubert Kandziora.
Foto: S. Koprek-Golomb
Besonders aufmerksam wurde der Gemeindevorsteher auf die Rolle deutscher Kommunen bei der Vermittlung leer stehender Immobilien. „Bei uns übernehmen die Kommunen eher selten die Funktion von Vermittlern oder Immobilienmaklern. In Deutschland hingegen engagieren sich die Gemeinden sehr aktiv dafür, dass leer stehende Häuser neue Eigentümer finden“, erläuterte Tomasz Hubert Kandziora. „Sie beraten Kaufinteressenten in technischen und baulichen Fragen und fördern teilweise sogar den Erwerb privater Immobilien. Wären solche Förderinstrumente und rechtlichen Möglichkeiten auch in Polen zulässig, könnten sie zweifellos dazu beitragen, das durch den Bevölkerungsrückgang verursachte Problem des Leerstands wirksam zu bekämpfen.“
„Dorfladen“ – ein wertvoller Impuls für Ujest
Bürgermeister von Ujest, Hubert Ibrom, betonte, wie wichtig es sei, bewährte Lösungsansätze im Bereich der Raumplanung und Flächennutzung möglichst rasch auf die eigenen Gegebenheiten zu übertragen. „Es lohnt sich, die deutschen Erfahrungen bei der Bekämpfung der Abwanderung und einer durchdachten Raumplanung auf unsere Verhältnisse zu übertragen. Gerade bei Letzterer haben wir in Polen leider noch erheblichen Nachholbedarf“, stellte Hubert Ibrom fest. „Wir beobachten eine unkontrollierte Ausdehnung von Ortschaften und mitunter sogar städtebauliche Fehlentwicklungen. Deshalb müssen wir Lösungen umsetzen, die dazu beitragen, dass sich auch neue Einwohner bei uns wohlfühlen.“
„Wir bemühen uns, sowohl unsere positiven als auch unsere negativen Erfahrungen miteinander zu teilen. Denn ich bin überzeugt, dass wir in Europa sehr viel voneinander lernen können. Weder Polen noch Deutschland sind in der Dorfentwicklung perfekt. Doch wenn wir zusammenarbeiten, können wir Synergieeffekte erzielen.“
Jürgen Eisentraut, Amt für Ländliche Entwicklung Unterfranken
Zu den konkreten Ideen, die sich kurzfristig verwirklichen ließen, zählte der Bürgermeister das Konzept der Dorfläden. „In Deutschland funktionieren die sogenannten Dorfläden hervorragend – kleine Dorfläden, die häufig mit einem Café verbunden sind“, erklärte Hubert Ibrom. „Solche Angebote fehlen bei uns. Dabei verfügt die Woiwodschaft Oppeln über eine Vielzahl hervorragender regionaler Produkte. In der Gemeinde Ujest möchten wir deshalb ein solches Angebot entlang eines Radwegs schaffen: einen Ort, an dem man bei einer Tasse Kaffee verweilen, eine Pause einlegen und regionale Lebensmittel kaufen kann.“
Die Gemeinschaft steht an erster Stelle
Über die praktische Bedeutung der Einbindung und Aktivierung der Einwohner berichtete Roman Gawlik, Ortsvorsteher von Grodisko, das den Titel „Schönstes Dorf der Woiwodschaft Oppeln“ errungen hat. „Wir sind stolz auf diese Auszeichnung, denn wir haben allen Grund, auf unser Dorf stolz zu sein. Am meisten aber sind wir stolz auf unsere Einwohner. Ohne ihr Engagement wäre dieser Erfolg schlichtweg nicht möglich gewesen“, betonte Roman Gawlik.
Im Rahmen seiner Präsentation stellte der Ortsvorsteher die wichtigsten Einrichtungen und Treffpunkte des Dorfes vor: die Freiwillige Feuerwehr, die Grundschule in freier Trägerschaft, die Heimatstube am St.-Valentins-Platz sowie den Freizeit- und Bildungsbereich. Wie stark die Dorfgemeinschaft zusammenhält, zeigte sich besonders eindrucksvoll kurz vor dem Besuch der Wettbewerbskommission. „Zwei Tage vor dem Besuch schrieb ich eine SMS in unsere Dorfgruppe und bat darum, die Bereiche vor den eigenen Grundstücken aufzuräumen“, erinnerte sich der Ortsvorsteher. „Als ich am nächsten Abend nach draußen schaute, war das ganze Dorf am Aufräumen – als wäre Samstag. Das zeigt, wie groß das Engagement der Menschen bei uns ist.“