Am Rande des FUEN-Kongresses

„Vision 2100″: Deutsche Minderheiten gründen Thinktank

24 September 2026, 05:00 Politik

Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Minderheiten in Europa haben beschlossen, einen Thinktank zu gründen. Ziel des neuen Formats ist es, Wege aufzuzeigen, wie der Fortbestand der deutschen Minderheiten bis ins Jahr 2100 gesichert werden kann.

Die Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Minderheiten, die in der AGDM vertreten sind, nutzten ihr Treffen im Rahmen des FUEN-Kongresses in Helsinki dazu, Weichenstellungen für die Zukunft vorzunehmen. Sie wollen zukünftig in einem Thinktank über wichtige Themen diskutieren und ihre Positionen regelmäßig in Arbeitspapieren veröffentlichen. Wie AGDM-Sprecher Benjamin Józsa auf Anfrage mitteilt, ist der Thinktank als „Gesprächskreis unter Gleichen“ geplant. Im Thinktank sollen neben den Vertreterinnen und Vertretern der deutschen Minderheiten auch wissenschaftliche Berater mitwirken. Die in der AGDM vertretenen Minderheiten können sich mit einem Vertreter am Thinktank beteiligen.

Die AGDM (Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten in der FUEN) bildet den Zusammenschluss der deutschen Minderheiten innerhalb der FUEN. In der FUEN (Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten) sind autochthone nationale Minderheiten, Nationalitäten und Sprachgemeinschaften aus ganz Europa vereinigt. Die über 100 Mitgliedsorganisationen aus 38 Ländern treffen sich einmal im Jahr auf dem Jahreskongress. Dieser fand dieses Jahr zum 70. Mal statt. Einen Bericht vom Jahreskongress der FUEN in Helsinki lesen Sie hier.

„Wir wollen nicht, dass am Ende andere für uns denken.“
Rafał Bartek

Der vollständige Name des Thinktanks lautet: „Vision 2100 – Zukunft der deutschen Minderheiten in Europa – Selbstbestimmt.Gestalten.Weiterdenken“. Damit steht fest, dass der Zeithorizont, in dem über Zukunftsfragen diskutiert wird, sich über das ganze aktuelle Jahrhundert erstreckt. Die drei Schlagworte geben zudem eine Haltung und Ziele vor, die die Diskussionen leiten könnten.

Regelmäßige Positionierung

Vom bisherigen Austausch innerhalb der AGDM unterscheidet sich das neue Format des Thinktanks unter anderem dadurch, dass externe Experten eingebunden sein werden. Die Mitglieder dieses wissenschaftlichen Beraterkreises werden, wie Benjamin Józsa angibt, ebenfalls gleichberechtigt an den Sitzungen teilnehmen. Die Sitzungen sollen außerdem von einem Primus inter Pares geleitet werden. In diesem Format wollen sich die Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Minderheiten mindestens zweimal im Jahr treffen. Resultat der Treffen soll die Veröffentlichung von mindestens einem Arbeitspapier pro Jahr sein.

Der Thinktank will in erster Linie Wege aufzeigen, um den Fortbestand der deutschen Minderheiten zu sichern, dabei aber auch die Unterschiede zwischen den Minderheiten berücksichtigen. Józsa sagt dazu: „Manche Lösungen werden für alle gelten können, manche müssen je nach Schwerpunkt gewählt werden. Aber in dem Thinktank werden alle Unterschiede berücksichtigt werden, so wie es in der AGDM schon seit Jahrzehnten passiert.“

Vordenken statt nachdenken

Für Rafał Bartek, Vorsitzenden des VdG und Vertreter der deutschen Minderheit in Polen in der FUEN, liegt die Bedeutung des neuen Formats darin, dass es die Möglichkeit schaffe, sich in relevanten Themenfeldern auf der politischen Bühne positionieren zu können. Gegenüber dem Neuen Wochenblatt.pl sagt er: „Wichtig ist, dass wir ein Gremium haben, das sich Gedanken macht – zu den Entwicklungen im politischen Leben der jeweiligen Länder, aber auch zu den Entwicklungen in unserem Mutterland, in Deutschland.“ Rafał Bartek hebt insbesondere hervor, dass die deutschen Minderheiten ihre Position unabhängig bestimmen und vertreten wollen: „Man muss ein bisschen vordenken und selbstbestimmt weiterdenken. Das steckt auch im Motto, das wir uns für diesen Thinktank gegeben haben. Wir planen dazu auch, Arbeitspapiere zu publizieren, weil wir nicht wollen, dass am Ende andere für uns denken.“

Mit „Vision 2100“ wollen die deutschen Minderheiten in Europa ihren Fortbestand bis ins Jahr 2100 sichern und ihre Zukunft selbstbestimmt mitgestalten. Die Gründung des Thinktanks wurde in Helsinki beschlossen.
Foto: Andrea Polanski

Ein zentrales Thema aus Sicht der deutschen Minderheit in Polen ist der Spracherwerb. Der VdG hat 2026 dazu auch eine zukunftsgerichtete Sprachstrategie verabschiedet. Im Thinktank könnte dieses Thema noch einmal in einem größeren Zusammenhang aufgegriffen werden, denn innerhalb Europas variiert der Umgang mit Spracherwerb und Sprachförderung stark. „Die Gesetzgebungen, wie man Minderheitensprachen in einzelnen Ländern Europas und auch in den einzelnen Ländern der EU unterstützt, sind sehr unterschiedlich“, erklärt Bartek. Er ergänzt: „Man spricht von zweisprachigen Schulen, und das bedeutet quasi in jedem einzelnen EU-Land etwas anderes.“ In diesem Zusammenhang zeigt sich, dass nicht nur die Politik in den jeweiligen Ländern und in Deutschland, sondern auch die EU für die Themen der deutschen Minderheiten von Bedeutung ist. Wie Rafał Bartek ausführt: „Das sind Themen, auf die man immer wieder hinweisen muss, auf die man die Politik aufmerksam machen muss, sowohl in Deutschland als auch auf der europäischen Ebene und in den einzelnen Ländern.“

Flexible Vertretung

Im Thinktank vertritt Rafał Bartek die deutsche Minderheit in Polen als AGDM-Vertreter. Die Teilnahme an den Sitzungen ist aber nicht fest an eine Person gebunden und kann je nach Thema variieren. „Wenn es ein spezifisches Thema gibt, bei dem ich nicht der Experte bin, aber ich der Meinung bin, dass wir in unseren Kreisen der deutschen Minderheit jemanden haben, der sich gut damit auskennt, dann werde ich vorschlagen, dass diese Person an der Sitzung teilnimmt“, erläutert Bartek.

Sprache als Prüfstein europäischer Minderheitenpolitik
70. FUEN-Kongress in Helsinki

Sprache als Prüfstein europäischer Minderheitenpolitik

Mehr lesen →
Vom Wissen zum Handeln
Wie die Sprachstrategie der Deutschen Minderheit lebendig wird

Vom Wissen zum Handeln

Mehr lesen →

Das neue Format steht noch in der Gründungsphase. Der Thinktank soll während der AGDM-Jahrestagung weiter konkretisiert werden, wie Bartek verrät. So müssen etwa noch weitere wissenschaftliche Berater bestimmt werden – bisher steht in dieser Funktion der stellvertretende Direktor des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE), Dr. Dr. Gerald Volkmer, fest. AGDM-Sprecher Benjamin Józsa plant, dass der Thinktank Anfang 2027 erstmals zusammenkommt. Dann soll auch möglichst bald das erste Arbeitspapier erarbeitet und veröffentlicht werden.

Teilen:
Oktoberfeste, Musik und Ausflüge
vorheriger Artikel

Oktoberfeste, Musik und Ausflüge

Deutsche Sprache entdecken und erleben
nächster Artikel

Deutsche Sprache entdecken und erleben

Werbung

Ansichtssache

Neues Wochenblatt - Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.