Monika Czok ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Literaturwissenschaft der Universität Oppeln. Doch wer sie nur als Dozentin tituliert, greift zu kurz. Mit der Spurensucherin im Dickicht der schlesischen Identität und Geschichte und darüber hinaus auch Mutter dreier Söhne, die Sprache als wertvollstes Erbe begreift, sprach Manuela Leibig.
Monika, wenn man Dir zuhört, spürt man sofort: Du bist nicht „einfach so“ an der Universität gelandet. War der Wunsch zu lehren ein leiser Begleiter oder ein plötzlicher Ruf?
Es war wohl eher ein innerer Ruf, der sich über die Jahre gefestigt hat. Schon in der Schule bekam ich oft das Feedback der Mitschüler: „Monika, du kannst das gut erklären.“ Ich hatte Freude daran, die richtigen Fragen zu stellen, damit mein Gegenüber von selbst auf die Lösung kommt. Dieses Begleiten bei der Entwicklung eines anderen Menschen hat mich schon immer fasziniert. Die Universität ist für mich der geeignete Ort dafür. Ich arbeite mit jungen Erwachsenen zusammen, die oft schon wissen, was sie wollen – oder leidenschaftlich danach suchen. Es macht mir unheimlich Spaß, sie herauszufordern, auch mal provozierende Thesen in den Raum zu stellen und zu sehen, was passiert.
„In meinen Adern fließen ganz viel schlesisches Arbeitsethos und Ordnungsliebe. Gut vorbereitet zu sein, ist für mich ein Zeichen von Respekt.“
Welche Werte und Tugenden, die den Oberschlesiern zugeschrieben werden, begleiten Dich auch in Deiner akademischen Laufbahn?
Ich glaube, in meinen Adern fließen ganz viel schlesisches Arbeitsethos und Ordnungsliebe. Wenn ich in ein Seminar gehe, bin ich vorbereitet. Ich könnte es oberflächlich machen, schnell etwas herunterladen – aber ich wäre mit mir selbst nicht zufrieden. Ich möchte morgens mutig in den Spiegel schauen können. Für mich bedeutet Fairness den Studierenden gegenüber, dass ich die Materialien an die jeweilige Gruppe anpasse. Das ist viel Arbeit, und statistisch gesehen lohnt es sich vielleicht nicht immer. Aber es ist meine Art, ordentlich zu arbeiten. Gut vorbereitet zu sein, ist für mich ein Zeichen von Respekt.

Als Germanistin setzt sich Monika Czok nicht nur an der Universität für die deutsche Sprache ein, sondern gibt sie auch konsequent an ihre Kinder weiter.
Foto: Tomasz Chabior
Wir leben in einer Zeit von Künstlicher Intelligenz und schnellen Lösungen. Wie reagierst Du als Lehrende darauf, wenn die „bequeme Abkürzung“ so verlockend ist?
Das ist eine riesige Herausforderung. Ich versuche, den Studierenden zu vermitteln, dass es nicht um das bloße „Abhaken“ einer Aufgabe geht, sondern um Entwicklung ihrer eigenen Fähigkeiten. Wenn du lernst, selbst nach Materialien zu suchen, deine Ideen zu strukturieren und zu reflektieren, dann wirst du als Mensch reifer. Die KI ist ein Werkzeug, das wir klug nutzen müssen. Und bei Themen, die die lokale Gegend oder die Familiengeschichte betreffen, versagt die KI oft. Sie hat kein Gespür für die Nuancen unserer Identität. Ich hoffe, dass das Reflektieren bei vielen gelingt.
Ein Schwerpunkt Deiner Arbeit ist die „schlesienbezogene Forschung“. Warum ist es Dir so wichtig, dass junge Menschen sich mit ihrer unmittelbaren Heimat auseinandersetzen?
Weil Schlesien ein Schatzkästchen ist, das viel zu oft ungeöffnet bleibt. Viele Studierende leben an wunderschönen Orten, ohne sich der Schichten bewusst zu sein, die unter ihren Füßen liegen. Wenn wir über die frühere religiöse Vielfalt Schlesiens sprechen oder darüber, wie viele Staatsangehörigkeiten diese Region in nur zwei Generationen geprägt haben, dann öffnet das Türen in ihren Köpfen. Es geht um Verständnis für die eigene Identität. Oft kennen sie nur Fragmente von Oma-Geschichten, die in keinem Geschichtsbuch stehen. Das ist der Wert dieses Fachs: Die Studierenden merken, dass sie mit ihren Familiengeschichten nicht allein sind. Wenn sie hören, dass jemand im Raum Ähnliches erlebt hat, dann entwickeln sie einen gesunden Stolz. Das reine Wissen ist das eine, aber dieses „oberschlesische Feeling“, diese emotionale Ladung – das ist es, was bleibt.
„Schlesien ist ein Schatzkästchen, das viel zu oft ungeöffnet bleibt. Die Studierenden merken bei uns, dass sie mit ihren Familiengeschichten nicht allein sind.“
Du unternimmst mit Deinen Studierenden auch Exkursionen, etwa nach Königswinter ins „Haus Schlesien“. Welchen Blick gewinnt man in der Ferne auf die Heimat?
Das „Haus Schlesien“ ist ein besonderer Ort, an dem schlesische Kultur der deutschen Gesellschaft vermittelt wird – oft Menschen, die ihre Wurzeln hier haben, aber im Westen leben. Generell versuche ich, den jungen Menschen Weltoffenheit mitzugeben. Ob durch Erasmus oder Exkursionen – es gibt so viele Möglichkeiten! Auch privat reise ich mit meinen Kindern gerne nach Deutschland. Nicht nur, damit sie die lebendige Sprache und Kultur erleben, sondern auch, weil es dort geniale Ziele gibt wie die Halligen im Norden oder das Zittauer Gebirge im deutsch-polnisch-tschechischen Dreieck. Und aus der Ferne bekommt man oft einen völlig neuen, frischen Blick auf die eigene Heimat.
Ein Thema, das die deutsche Minderheit bewegt, ist die Weitergabe der Sprache. Du hast Dich entschieden, Deine Kinder konsequent deutsch-polnisch zu erziehen. War das ein mühsamer Weg?
Die Entscheidung stand fest, bevor das erste Kind da war. Ich selbst musste mir Deutsch hart erarbeiten, mit Grammatiktabellen und Regeln. Ich war fast neidisch auf Freunde, die Deutsch „aus dem Bauch heraus“ konnten. Deshalb wollte ich meinen Kindern dieses Geschenk machen: Sprache, die nicht erlernt, sondern schon immer da ist. Ich spreche überall Deutsch mit ihnen – in der Arztpraxis, beim Einkaufen, auf dem Spielplatz. Manchmal erwischen mich neugierige Blicke der anderen Menschen, manchmal werde ich direkt darauf angesprochen. Diese Neugier der Leute ist eine Chance für Gespräche.
„Das reine Wissen ist das eine, aber dieses ‚oberschlesische Feeling‘, diese emotionale Ladung – das ist es, was bleibt.“

Monika Czok verbindet ihre wissenschaftliche Arbeit mit der Suche nach den Geschichten und Identitäten ihrer Heimat.
Foto: Tomasz Chabior
Was bedeutet diese Zweisprachigkeit für Dich persönlich als Mutter und Germanistin?
Es bereichert meine eigene Sprache so sehr! Im akademischen Betrieb lernt man kein „Alltagsdeutsch“. Durch meine Kinder musste ich lernen, wie man auf Deutsch tröstet, Geschwister-Streit schlichtet oder komplexe Kinderfragen beantwortet. Wenn mein Wortschatz versagt, suche ich und für das nächste Mal habe ich es dann parat. Dank der zweisprachigen Erziehung entwickele ich mich auch!
Wenn der Uni- oder Familienalltag hektisch wird, zieht es Dich in die Berge. Besonders das Riesengebirge hat es Dir angetan. Was findest Du dort oben?
Die Berge sind eine Leidenschaft aus meiner Jugend. In den Bergen findet man zu sich selbst zurück. Das Riesengebirge hat dieses mystische Flair, das auch in der schlesischen Literatur so präsent ist. Aber ich habe auch ein Stück Schlesien fernab der Heimat entdeckt: In den österreichischen Alpen gibt es die Breslauer Hütte und die Kattowitzer Hütte auf über 2000 Metern Höhe. Sie stammen aus der Zeit der Bergvereine des 19. Jahrhunderts. Dort zu übernachten und ein Stück Heimat in dieser gewaltigen Kulisse zu finden, war ein geniales Gefühl. Es zeigt, wie weit unsere Wurzeln reichen.

Auf Exkursionen eröffnet Monika Czok Studierenden neue Perspektiven auf Geschichte, Kultur und die eigene Heimat.
Foto: Tomasz Chabior
Ein ganz anderer Gegenpol zu Deinem Beruf sind die Bienen. Dein Mann ist Imker aus Leidenschaft. Wie viel „Imkerin“ steckt inzwischen in dir?
Ich bewundere die Imkerei vor allem als eine Kunst der Entschleunigung. Bei den Bienen muss man ruhig sein, die Bewegungen müssen bedacht sein. Mein Mann arbeitet oft ohne Schutzkleidung, er hat diese tiefe Ruhe. Ich selbst ziehe lieber den Schutzanzug an – vielleicht bin ich in meinen Bewegungen noch zu energisch (lacht). Es ist ein hervorragendes Gefühl, die Bienen bei der Arbeit zu beobachten. Das zeigt uns die Harmonie der Schöpfung.

Die Imkerei ihres Mannes ist für Monika Czok ein Gegenpol zum hektischen Alltag – und eine Schule der Entschleunigung.
Foto: Tomasz Chabior
Und ich mag dabei die Sprachnuancen! Ein schönes Beispiel ist das Wort „Bienenbrot“ für die Nahrung der Bienen. Auf Polnisch heißt es „pierzga“, was technisch klingt. Aber „Bienenbrot“ – das ist so einfach und treffend. Es ist das tägliche Brot der Natur.
Ihr öffnet eure Imkerei auch für Kindergruppen. Was möchtest Du den Kleinen dort mitgeben?
Ich möchte, dass sie etwas mit ihren eigenen Händen begreifen. Wenn dank ihrer eigenen Hände der Honig aus den Waben fließt, verstehen sie den Wert der Natur besser als aus jedem Lehrbuch. Früher hatten viele in Schlesien im Garten ein paar Bienenstöcke oder Tauben im Taubenschlag. Das verschwindet langsam. Diesen Kontakt zu den Tieren und zum Rhythmus der Natur wieder erlebbar zu machen, ist mir eine Herzensangelegenheit.
Entschleunigung ist ein großes Wort. Wie rettest Du dieses Gefühl in dem hektischen Alltag?
Ich habe gelernt, „mentale Fotos“ zu machen. Zum Beispiel wenn ich meine Kinder beim Spielen beobachte, halte ich inne und sage mir: „Diesen Moment willst du bewahren.“ Ich mache kein Foto mit dem Handy, sondern speichere das Bild im Kopf. Das hilft gegen den „Autopiloten“, mit dem wir so oft durchs Leben rennen. Es geht darum, die Augenblicke des Alltags: den Kaffeegeruch, den Windhauch, die Form, die Textur bewusst wahrzunehmen. Das Hier und Jetzt ist oft viel schöner, als wir es im Vorbeigehen merken.

Das Wandern ist für Monika Czok ein Weg, zur Ruhe zu kommen und zu sich selbst zurückzufinden.
Foto: Tomasz Chabior
Welchen Rat würdest Du jungen Menschen geben, die heute versuchen, Karriere, Identität und Tradition zu vereinen?
Sei authentisch. Wir versuchen oft, Trends zu folgen oder Erwartungen zu erfüllen, die gar nicht unsere eigenen sind. Aber die Lösung des „mainstreams“ muss nicht deine Lösung sein. Prüfe, was dich wirklich berührt und bereichert. Denn ein erfüllter Mensch ist eine Bereicherung für andere. Wenn du brennst, wenn du authentisch bist – ob im Beruf oder in der Familie – dann steckst du andere mit deinem Enthusiasmus an. Hinterfrage dich selbst: Was macht mich glücklich? Nur wer bei sich selbst ankommt, kann auch anderen etwas geben.