Nachbarschaft verpflichtet

Auch das Vergessen gehört zur europäischen Geschichte

15 September 2026, 05:00 Geschichte , Kommentar

In den polnischen Medien fand das Ereignis kaum ein Echo. Noch vor einem Jahr war das Interesse größer gewesen. Eine Zeitung veröffentlichte sogar einen Artikel unter dem bezeichnenden Titel: „Deutsche gedenken der Polen. Das Mickiewicz-Denkmal im Gestrüpp und Müll.

Im August dieses Jahres war der Platz, an dem das Weimarer Denkmal des polnischen Dichters am Rande des Parks an der Ilm gestanden hatte, bereits leer. Das Denkmal erhielt einen neuen, repräsentativen Standort im Stadtzentrum und wurde auf den Burgplatz versetzt, zwischen die Herzogin Anna Amalia Bibliothek und das Stadtschloss. Anlass für die feierliche Enthüllung am neuen Standort war der 35. Jahrestag des Weimarer Dreiecks, der in diesem Jahr in Goethes Stadt begangen wurde.

Die Geschichte dieses Mickiewicz-Denkmals hat mich interessiert. Ein kurzer Blick auf die im Internet verfügbaren Informationen überzeugte mich davon, dass es sich um das einzige Denkmal dieser Art für den großen polnischen Romantiker in Deutschland handelt. Das Denkmal hat eine lange Geschichte, und die diesjährige Enthüllung war natürlich nicht die erste.

Seine erste feierliche Präsentation fand am 1. September 1956 statt. Das war kein Zufall. Im gesamten Ostblock wurde das Mickiewicz-Jahr begangen, und die Präsentation des Denkmals in Weimar bildete den Abschluss dieser Feierlichkeiten in der DDR. Maßgeblich an seiner Errichtung beteiligt war das Deutsche Mickiewicz-Komitee, dessen Vorsitzender der tschechisch-deutsche Schriftsteller Louis Fürnberg war.

Ich war kurz nach der erneuten Enthüllung des Denkmals in Weimar. Am Sockel lagen noch Kränze mit entsprechenden Schleifen. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, steht die Büste Fürnbergs. Sie wirkt vergessen. Zufall? Wohl kaum.

Sowohl die Stadt als auch die polnische Seite möchten dem Mickiewicz-Denkmal heute eine andere, stärker europäische Bedeutung verleihen. Die Aufmerksamkeit auf die Gestalt Fürnbergs zu lenken, die heute eher marginalisiert wird und, wenn überhaupt, vor allem im Zusammenhang mit den Worten der SED-Hymne „Lied der Partei“ erwähnt wird, deren Text er verfasste, passt nicht unbedingt zum heutigen erinnerungspolitischen und europäischen Selbstverständnis der Stadt.

Mitte der 1950er Jahre wurde Mickiewiczs Aufenthalt in Weimar für die Politik der DDR genutzt. Er sollte die Idee der Freundschaft zwischen den sozialistischen, „brüderlichen“ Nationen Polen und Deutschland stärken. Das Denkmal war Teil dieser Erinnerungspolitik.

Kann man aber heute eine Person mit einer so komplexen Biografie fördern? Wie soll man über sie sprechen angesichts des gegenwärtigen Drangs, Geschichte in Schwarz-Weiß zu malen?

Louis Fürnberg (1909–1957) war ein tschechisch-deutscher Schriftsteller, Dichter, Übersetzer und kommunistischer Aktivist. Seit 1928 war er mit der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei verbunden. In den 1930er Jahren war er als Journalist und Agitator tätig, und nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch Deutschland verbrachte er Zeit in Gefängnissen und im Exil, unter anderem in Palästina. Nach dem Krieg übte er diplomatische und kulturelle Funktionen in der Tschechoslowakei und in der DDR aus. 1954 ließ er sich in Weimar nieder, wo er sich mit der deutschen Literatur sowie den Verbindungen der deutschen Kultur zu den slawischen Ländern beschäftigte.

Fürnberg interessierte sich schon vor seiner Ankunft in Weimar für Goethe. In Prag arbeitete er an einer mehrbändigen Ausgabe von dessen Werken für tschechische Leser. Er machte seinen Lesern Goethes Faust, seine Lyrik sowie seine Gespräche mit seinem Freund, dem Schriftsteller und Dichter Johann Peter Eckermann, zugänglich.

Die Büste von Louis Fürnberg in Weimar. Der Schriftsteller und kommunistische Funktionär war Initiator des Baus des Mickiewicz-Denkmals.
Foto: Krzysztof Ruchniewicz

1952 veröffentlichte er die Novelle Begegnung in Weimar (Spotkanie w Weimarze), die in literarisierter Form an das mehrtägige Treffen Goethes mit Adam Mickiewicz in der zweiten Augusthälfte 1829 erinnerte. Dass er sich diesem Thema widmete, war kein Zufall. Es fügte sich in die damalige Politik der DDR der Öffnung gegenüber Polen und der Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen ein. Man suchte nach positiven Beispielen für Kontakte zwischen den beiden Nationen nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Die Persönlichkeiten Goethes und Mickiewiczs eigneten sich dafür sehr gut.

Drei Jahre nach der Veröffentlichung der Novelle, 1955, wurde Fürnberg Vorsitzender des Mickiewicz-Komitees, und seine Erzählung erschien in polnischer Übersetzung. Ein Jahr später nahm er an der Enthüllung des Mickiewicz-Denkmals in Weimar teil.

Die Zeitung Neue Zeit berichtete am 4. September 1956, dass an der Feier der Botschafter der Volksrepublik Polen, Stanisław Albrecht, sowie ein Vertreter des Ministeriums für Kultur der DDR, Peter Nell, teilnahmen. Die Initiative zur Errichtung ging vom Deutschen Mickiewicz-Komitee und vom Ministerium für Kultur der DDR aus. Die Büste Mickiewiczs schuf der junge Bildhauer Gerhard Thieme, der vor Beginn seiner Arbeit in Warschau, im Mickiewicz-Museum, die Werke des Dichters sowie die erhaltenen Bildnisse von ihm studiert hatte.

Während der Feier sprach auch Fürnberg. Er sagte:

„…dass verhältnismäßig früh Ruhm, Ruf und Werk des polnischen Dichters nach Deutschland kamen und dass Mickiewicz bei seiner Reise nach Weimar Goethe seinen Respekt bezeugte. Die Erinnerung an den Aufenthalt des Genius des polnischen Volkes in der deutschen Klassikerstadt werde nie vergehen.“

Fürnberg starb 1957 vorzeitig. Er wurde auf dem Historischen Friedhof in Weimar beigesetzt, unweit der Fürstengruft, in der sich die Särge Goethes sowie der symbolische Sarg Schillers befinden.

Foto: Krzysztof Ruchniewicz

Mitte der 1950er Jahre wurde Mickiewiczs Aufenthalt in Weimar für die Politik der DDR genutzt. Er sollte die Idee der Freundschaft zwischen den sozialistischen, „brüderlichen“ Nationen Polen und Deutschland stärken. Das Denkmal war Teil dieser Erinnerungspolitik.

Im Jahr 2026, 70 Jahre nach jenem Ereignis, hat seine Präsenz bereits eine andere Bedeutung. Es soll ein Symbol der gemeinsamen europäischen Geschichte und der Zusammenarbeit Polens, Deutschlands und Frankreichs sein. Sollten wir aber die Entstehungsgeschichte des Monuments vergessen? Sollten nicht auch die Bemühungen der Vorgänger Teil unserer Erinnerung sein – selbst wenn wir ihr sonstiges Handeln heute kritisch betrachten?

Das Fürnberg gewidmete Denkmal wurde 1961 enthüllt. Heute stehen beide Denkmäler – das Mickiewicz- und das Fürnberg-Denkmal – auf beiden Straßenseiten, fast einander gegenüber. Das eine erinnert an den bedeutenden polnischen Dichter, der 1829 nach Weimar kam. Das andere erinnert an den Mann, der einhundertdreißig Jahre später versuchte, dafür zu sorgen, dass man sich an dieses Treffen erinnert.

Vielleicht lohnt es sich also, auch Fürnberg einen Platz in unserer Erinnerung einzuräumen. Nicht, um ihm seine frühere Stellung zurückzugeben oder sein politisches Engagement zu verschweigen. Es geht darum, die deutsch-polnischen Beziehungen in ihrer ganzen Komplexität zu betrachten. Auch das gehört zur europäischen Geschichte.

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.
Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.

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