Auf literarischen Umwegen

Engel und Teufel: Das schlesische Aschenputtel

11 September 2026, 17:00 Kolumne , Kultur

Über das schlesische Aschenputtel, also Joanna/Johanna von Schomberg-Godulla (1842–1920), geborene Gryczik, Gryzik, Griczyk oder Gryszczyk, verh. Schaffgotsch, ist bereits viel geschrieben worden. Sie ist eine beinahe legendäre Figur, nach wie vor faszinierend und zweifellos eine der werbewirksamsten schlesischen Marken.

Ein Mädchen aus den unteren sozialen Schichten zähmt einen Dämon; dieser nimmt sie auf und setzt sie später als Erbin eines riesigen Vermögens ein. Von bitterer Armut zu überwältigendem Reichtum, aus den Elendsvierteln in die Salons. Das Leben Joannas Gryzik fügt sich nahezu vollkommen in das Muster des Aschenputtelmärchens ein: Das Gute siegt über das Böse, Aschenputtel findet seinen Prinzen, steigt gesellschaftlich auf, und eine glanzvolle Hochzeit wird gefeiert. Danach vermehrt das unternehmungslustige Aschenputtel das geerbte Vermögen weiter, ohne die Ärmsten und Bedürftigen zu vergessen, die es großzügig unterstützt. Und dann sind da noch die Paläste, heute zwar nicht mehr erhalten oder nur noch als Ruinen vorhanden, aber sie regen noch immer die Vorstellungskraft an. Diese märchenhafte Erzählung ist wohl am stärksten im kulturellen Gedächtnis Schlesiens verankert. Doch es gibt auch andere Erzählungen – die Wege der Literatur führen zu ihnen. Zwei davon seien hier vorgestellt.

Darstellung Joannas Gryzik auf einer Informationstafel am nach ihr benannten Platz in Bytom-Szombierki/Beuthen-Schomberg. Quelle: Privatarchiv

„Die kleine Herrin von Schomberg”

Hans Nowaks Roman „Zink wird Gold. Ein Roman des wirklichen Lebens” (1937) ist im Grunde eine literarisch ausgestaltete Biografie des Zinkkönigs Karl Godulla. Natürlich durfte darin seine Erbin nicht fehlen – eben jenes schlesische Aschenputtel. Als Erstes fällt auf, dass es sich um eine Kindheitsgeschichte handelt: Die junge Heldin wird hier liebevoll Hannchen genannt. Dieses Kind ist jedoch konsequent als sogenanntes Wunderkind gestaltet, als ein außergewöhnliches Mädchen, das weit über das Durchschnittliche hinauswächst. Dabei geht es nicht nur darum, dass es das verhärtete Herz seines Pflegevaters, des mächtigen Zinkkönigs, erweichen kann. Von Anfang an scheint in ihm vielmehr weniger Kindliches als Erwachsenes zu stecken. Das elfjährige Hannchen spielt zwar gern mit Puppen, fährt ausgelassen Schlitten und läuft mit ihren Freundinnen umher, doch die „Art, wie sie blickte und fragte, der halb schon bewusste Anstand” sowie „ihre oft unerwarteten, drastisch treffenden Bemerkungen” lassen sie für ihr Alter erstaunlich reif erscheinen.

Die anmutig knicksende „kleine Herrin von Schomberg” ist in diesem Sinne eine ausgezeichnete Partie für ihren künftigen Ehemann, der seinerseits konsequent als „junger Graf” bezeichnet wird. Der Altersunterschied zwischen den Eheleuten – elf Jahre – wird dadurch erzählerisch entschärft. Der Roman endet mit einer Szene in der Pfarrkirche von Beuthen: Gefeiert wird die prächtige Hochzeit der sechzehnjährigen Johanna Gryzik, die vor Glück strahlt, mit dem siebenundzwanzigjährigen Grafen Schaffgotsch. Alles fügt sich also vollkommen. Und vollkommen bleibt bis zuletzt auch Hannchen selbst: Vergeblich sucht man bei ihr nach Fehlern, inneren Konflikten oder schlicht jugendlichem Trotz. Zwar zeichnet sich für einen Moment Traurigkeit auf ihrem Gesicht ab, als sie ihre Freundinnen im Waisenhaus besucht, doch gerade diese Szene verstärkt noch den Eindruck, dass wir es hier mit einem Kind, einer Frau und einem Engel zugleich zu tun haben – beinahe bereit, auf einen Sockel gestellt zu werden.

Der heute nicht mehr erhaltene Palast in Schomberg/Szombierki. Quelle: „Oberschlesien im Bild”, 1930, Nr. 37 (Schlesische Digitale Bibliothek)

Die Hexe Joanna

Einen anderen Weg schlägt Gustaw Morcinek in seinem Roman „Pokład Joanny” (1950) („Schacht Johanna“, deutsch bereits 1953) ein. Er bildet geradezu den Gegenpol zur Erzählung vom schlesischen Aschenputtel. Diesmal gibt es darin nichts, worauf Schlesier stolz sein könnten. Stattdessen begegnen uns Ausschweifung, moralischer Verfall und sogar ein Pakt mit dem Teufel. Die erotisierte Johanna gibt im Schacht ihren Begierden nach und erscheint dabei wie eine Gottesanbeterin, die sich von einem unschuldigen Arbeiter nährt. Dieser kommt später – wie es die tödliche Natur der femme fatale verlangt, mit der Johanna ebenfalls leicht in Verbindung gebracht werden kann – in eben diesem Schacht ums Leben. Einer nach dem anderen sterben dort auch weitere Bergleute, denn obwohl Johannas Schacht im Bergwerk der Wertvollste ist, wird er immer wieder von Katastrophen heimgesucht.

„Die Frau als Engel und die Frau als Teufelin sind zwei Seiten derselben Medaille: eines seit jeher wirksamen Bildes von Weiblichkeit, das aus männlichen Fantasien hervorgeht.“

Die Schuld scheint offensichtlich: Es ist das Erbe des dämonischen Godulla, das seine Nachfolgerin, die Hexe Johanna, samt allen Belastungen übernommen hat. Zwar zeigt auch Morcinek Johanna zunächst als Kind – ein wenig verloren und leidend, wenn andere Kinder aus Ruda mit Pferdemist nach ihr werfen. Am Ende aber setzt sich das Bild Johannas als rücksichtsloser Kapitalistin durch, die sich am Leid anderer mästet. Das verfluchte Erbe einer mit dem Dämon verbündeten Frau verliert seine verhängnisvolle Macht erst, als die Heldin stirbt und ihr Schacht in den Besitz der Arbeiterschaft übergeht. Von da an ereignet sich dort keine Katastrophe mehr; sogar der böse Dämon Scharley verschwindet, der sich dort zuvor mit Vorliebe gezeigt hatte.

Johanna-Skulptur auf dem nach ihr benannten Platz in Schomberg/Szombierki. Quelle: Privatarchiv

Kirche des Heiligsten Herzens Jesu in Szombierki/Schomberg, zu einem großen Teil vom Ehepaar Schaffgotsch gestiftet. In der Krypta ist Karl Godulla bestattet; gegenüber der Kirche befindet sich der Johanna-Gryzik-Platz. Quelle: Privatarchiv

Stereotype Weiblichkeit

Die Engelsgestalt Johannas bei Nowak steht somit in starkem Gegensatz zur dämonischen Natur der Johanna bei Morcinek. Beide Bilder wirken stark auf die Vorstellungskraft, beide Romane lesen sich sehr gut. Doch beide sind, aus einer Gender-Perspektive betrachtet, durch und durch stereotyp. Die Frau als Engel und die Frau als Teufelin sind zwei Seiten derselben Medaille: eines seit jeher wirksamen Bildes von Weiblichkeit, das aus männlichen Fantasien hervorgeht. Darüber ist schon oft geschrieben worden. Zum Glück besteht Literatur nicht nur aus Stereotypen und nicht nur aus Märchen. Vielleicht bekommt Johanna Gryzik – die findige oberschlesische Unternehmerin – eines Tages eine weniger stereotype Erzählung. Verdient hätte sie sie ohne Zweifel.

Johanna Gryzik. Quelle: Wiek dziewiętnasty – Wiki – Fandom

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