Echte Schlesische Happen

Goldene Früchte des alten Kurortes

5 September 2026, 05:00 Geschichte , Kultur

Eine Pflanze zwischen Kurpark, Beskiden und Küche

Es gibt Pflanzen, die fest in die Landschaft eines Ortes gehören, auch wenn ihre Anwesenheit älter ist als der kulinarische Trend, der sie heute neu entdeckt. Eine von ihnen ist der Sanddorn – ein Strauch mit silbrig schimmernden Blättern und intensiv orangefarbenen Früchten, die im Spätsommer und Herbst an den Zweigen beinahe zu leuchten scheinen. In Jaworze, dem ehemaligen Bad Ernsdorf, hat der Sanddorn jedoch eine weitaus interessantere Geschichte als die heutige Bezeichnung als „Superfrucht“.

In den 1860er Jahren verwandelte die aus Flandern stammende Adelsfamilie Saint Genois d’Anneaucourt Bad Ernsdorf in einen mondänen Kurort. Der weitläufige Schlosspark, die Villen für die Kurgäste, Spazierwege, eine überdachte Wandelbahn, Aussichtspunkte und die Nähe zu den Beskidenwäldern schufen einen Ort, an dem sich Kur und Erholung miteinander verbinden ließen.

Eine Collage mit historischen Zeitungsanzeigen und Postkarten, erstellt mit Canva.
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek

Ein Reiseführer durch die Beskiden aus dem 19. Jahrhundert pries vor allem die reine Wald- und Gebirgsluft sowie das Fehlen von Industrie in der näheren Umgebung. Den Kurgästen wurden Kuren unter ärztlicher Betreuung, warme Bäder, im Sommer ein Freibad mit Gebirgswasser, Milch und Schafmolke, Massagen, Inhalationen sowie Spaziergänge im Wald und in den Bergen angeboten. Im damaligen Kurhaus konnte man Zeitungen und Zeitschriften lesen, Klavier spielen oder eine Partie Billard spielen; im selben Gebäude befand sich auch ein Restaurant.

Postkarte mit Blick auf die Villa Langer, 1911.
Quelle: Schlesische Digitale Bibliothek

Es war also keineswegs ein Dorf, in das man ausschließlich wegen der Ruhe kam. Bad Ernsdorf verfügte über die gesamte Infrastruktur eines Kurortes, und auch das gesellschaftliche Leben hatte seine kulinarische Seite. Ein überlieferter Veranstaltungskalender aus dem Jahr 1860 lud unter anderem zu Sonntags-Tänzen beim Bierbrauer Bergmann, zu einem Wurstpicknick bei Jakob sowie zu einem Konzert der Kapelle Schippe ein.

Sanddorn – eine Pflanze mit preußischer Vergangenheit

In den Materialien über Jaworze findet sich auch eine interessante Geschichte des Sanddorns. Einer überlieferten Notiz zufolge sollen die Bewohner der neu erworbenen Gebiete während der preußischen Zeit verpflichtet worden sein, Sanddorn auf kargen Böden anzupflanzen, um diese zu rekultivieren. Auf diese Weise konnte der Strauch, der auch mit nährstoffarmen Böden gut zurechtkommt, zu einem Bestandteil der örtlichen Landschaft werden. Diese Information zeigt sehr anschaulich, wie sich die Wahrnehmung von Pflanzen verändern kann. Was einst vor allem eine praktische Möglichkeit zur Bewirtschaftung unfruchtbarer Flächen gewesen sein mag, gilt heute als äußerst wertvoller kulinarischer Rohstoff. Und auch gerade hier kann man wild wachsende Sanddornsträucher finden, während man in anderen Orten nach dem Ende der preußischen Herrschaft die mit jener Zeit verbundenen Pflanzen eher entfernte.

Sanddorn wurde einst zur Rekultivierung von Brachflächen und zur Bepflanzung neu angelegter Stadtparks verwendet.
Foto: Małgorzata Janik

Die orangefarbenen Sanddornfrüchte fallen tatsächlich sofort ins Auge. Sie erinnern ein wenig an die Früchte der Eberesche, doch ihr Geschmack ist ganz anders – deutlich säuerlich, herb, frisch und ausgesprochen aromatisch. Kein Wunder, dass man sie wegen ihres Gehalts an Vitamin C und anderen wertvollen Nährstoffen schätzte. Im Jahr 1911 wurden die wild wachsenden Früchte sogar saisonal angekauft: Für ein Kilogramm Früchte samt Zweigen konnte man 40 Pfennig erhalten.

„Was einst vor allem eine praktische Möglichkeit zur Bewirtschaftung unfruchtbarer Flächen gewesen sein mag, gilt heute als äußerst wertvoller kulinarischer Rohstoff.“

Heute fällt es schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, dass der Sanddorn seiner Zeit voraus war. Aus den säuerlichen Früchten lassen sich Konfitüren, Marmeladen, Mus, Sirup oder Liköre herstellen. In der heimischen Küche eignet er sich jedoch besonders gut für Getränke. Seine Säure bildet einen wunderbaren Ausgleich zur Süße des Honigs, und zus

ammen mit Gewürzen und anderen Früchten entsteht ein Getränk, das etwas von einem alten Kräuteraufguss und zugleich etwas von einem modernen kulinarischen Experiment in sich trägt.

„Heißer Sanddorn“ für Herbsttage

„Heißer Sanddorn“ könnte ein Getränk sein, das man nach einem Herbstspaziergang im ehemaligen Kurpark serviert. Auf der einen Seite der säuerliche, goldene Sanddorn, auf der anderen die süße Birne und der Honig, dazwischen die würzigen Noten von Zimt, Anis und Ingwer. Ein Geschmack, der sehr gut zu Jaworze passt – einem Ort an der Schnittstelle von Kurgeschichte, Beskidennatur und alltäglicher Küche.

Zutaten für 1 Tasse:

1 Teelöffel einer Mischung aus Sanddornbeeren, gerösteten Birnenstückchen, Ingwer, Zimt und Anis

kochendes Wasser

Honig nach Geschmack.

Zubereitung:

Die Mischung in eine Tasse geben, mit kochendem Wasser übergießen und zugedeckt 5–10 Minuten ziehen lassen. Anschließend nach Belieben mit Honig süßen.

Dem Aufguss kann man auch einige frische oder tiefgekühlte Sanddornbeeren sowie eine dünne Birnenscheibe hinzufügen. Den Honig gibt man am besten erst dazu, wenn das Getränk etwas abgekühlt ist.

Vom Kurpark auf den Küchentisch

Und vielleicht liegt genau darin der Reiz des Sanddorns. Er braucht keine aufwendige Inszenierung. Eine Tasse heißes Getränk, säuerliche goldene Früchte und das Bewusstsein, dass irgendwo zwischen dem ehemaligen Kurpark, dem Kurrestaurant und den Beskidenwegen eine Pflanze wächst, die über viele Jahre ein ganz gewöhnlicher Bestandteil der Landschaft war und heute wieder ihren Weg auf unsere Tische findet.

Der Park am Schloss der Familie Saint Genois d’Anneaucourt, dank derer die Ortschaft zu einem beliebten Kurort wurde.
Quelle: Wikimedia

Bad Ernsdorf hatte seine Quellen, Bäder, den Park und die Bergluft. Und der Sanddorn? Vielleicht war er einer jener unscheinbaren Schätze, die auf ihre kulinarische Zeit gewartet haben.

In unserem Garten haben wir zwei Sanddornsträucher. Die Früchte sammle ich ziemlich lange, einen Teil davon verarbeite ich zu einer köstlichen Konfitüre, einen Teil friere ich für den Winter ein, und der Rest dient uns zum direkten Verzehr – als Beigabe mit Honig zum abendlichen Tee oder für einen Käsekuchen, der mit einem Zuckerguss und frischem Sanddornsaft vollendet wird.

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