Echte Schlesische Happen

Kleine Küche, große Lektion fürs Leben

8 August 2026, 05:00 Geschichte , Kolumne

Ein Kochbuch für Kinder mag heute vor allem mit bunten Illustrationen, einfachen Rezepten und gemeinsam verbrachter Zeit in der Küche verbunden werden. Mit dem Kind kocht man als Elternteil eine Suppe, backt Plätzchen oder bereitet einen Salat zu. Es soll sicher, gesund und am besten – auch noch fröhlich sein.

Es zeigt sich jedoch, dass die Idee, Kindern das Kochen spielerisch beizubringen, eine wesentlich längere Geschichte hat. Im 19. Jahrhundert dienten dazu unter anderem Kochbücher für die Puppenküche. Sie waren nicht ausschließlich Sammlungen von Rezepten für Gerichte in einer Miniaturwelt. Sie waren zugleich eine Art Lehrbücher für gutes Benehmen, Haushaltsführung, Ordnung und Selbstständigkeit.

Zu den frühesten Veröffentlichungen dieser Art gehörte das 1854 in Nürnberg erschienene Büchlein von Julie Bimbach – Kochbüchlein für die Puppenküche oder erste Anweisung zum Kochen für Mädchen von 8–14 Jahren. Schon der Titel sagt viel aus und macht deutlich, an welche Zielgruppe sich das Buch richtete: Mädchen im Alter von acht bis vierzehn Jahren.

Sechs Jahre später erschien in Breslau eine weitere Publikation – Neues Puppen-Kochbuch, den Namen der Autorin oder des Autors bleibt aber unbekannt. Dem Umschlag kann man jedoch entnehmen, was hinter der Idee solcher Bücher stand: Mädchen in der Küche, beschäftigt mit der Zubereitung von Speisen, umgeben von Geschirr, Lebensmitteln und natürlich Puppen. Interessanterweise lautet der Untertitel des Buches: Anweisung zum Kochen für kleine Mädchen, herausgegeben von einer praktischen Köchin. Es handelte sich also keineswegs um ein Buch, das nur zum Anschauen gedacht war. Es sollte konkrete Fähigkeiten vermitteln.

Neues Puppen-Kochbuch wurde in der Dezemberausgabe der Breslauer Zeitung beworben. Eine Bestellung und Zusendung war auch ins Ausland möglich. Quelle: Jagiellonnen Digitale Bibliothek

In den alten Büchern für Mädchen wurde das Kochen häufig als etwas Angenehmes dargestellt. Das Kind sollte experimentieren, ausprobieren, etwas mit den eigenen Händen zubereiten und sich am Ergebnis erfreuen. Doch unter der Oberfläche dieses Spiels verbarg sich noch etwas mehr. Das Mädchen lernte, wie man mit Lebensmitteln umgeht, wie man Ordnung hält, wie man Geschirr und Küchenutensilien benutzt, wie man mit den vorhandenen Zutaten wirtschaftet und wie man etwas für andere zubereitet. In den Büchern fanden sich daher nicht nur Rezepte. Sie vermittelten auch Verantwortungsbewusstsein. Und genau in diesem Punkt treffen die historischen Kochbücher für Kinder auf die heutigen. Auch moderne Veröffentlichungen sprechen über die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung, Hygiene, Sicherheit, Ordnung oder einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln. Der Unterschied besteht darin, dass vieles davon einem Kind heute ausdrücklich genannt und erklärt werden muss. Früher wurde das Wissen über die alltägliche Haushaltsführung häufiger in der Praxis weitergegeben – von einer Generation an die nächste.

Und genau hier lohnt es sich, dem Buch aus dem Jahr 1860 selbst das Wort zu geben. Ich öffne also das digitale Exemplar auf einer zufällig ausgewählten Seite und stelle mir ein Mädchen vor, das vor mehr als 160 Jahren ebenfalls das Buch aufschlagen und versuchen konnte, seinen ersten Kuchen zu backen. Wir beide lesen folgendes Rezept:

Die historische Puppenküche war jedoch mehr als nur ein attraktives Spielzeug. Sie war gewissermaßen eine Miniaturwelt der Erwachsenen. Das Mädchen konnte also in seiner kleinen Küche die Rolle einer Hausfrau, Köchin, Mutter oder Hausherrin übernehmen. Das Kochbuch half ihm dabei, diese Welt zu ordnen und zu verstehen.

Kochbücher wurden den im 19. Jahrhundert beliebten Miniatur-Puppenküchen beigelegt. Häufig wurde auch der Name der jeweiligen Rezeptautorin zu Marketingzwecken genutzt.
Henriette Löffler war die Tochter von Friederike Löffler, der Köchin am Hofe Carl Eugens von Württemberg und Autorin des „Bestsellers des Jahrhunderts“ – des Neuen Kochbuchs mit Rezepten, die sie zuvor selbst erprobt hatte.
Quelle: Staatsbibliothek Berlin

Heute betrachten wir solche Veröffentlichungen mit einer gewissen Distanz, denn deutlich wird, dass die kulinarische Erziehung im 19. Jahrhundert in erster Linie an Mädchen gerichtet war. Gleichzeitig kann man diesen Büchern eine bemerkenswerte Intuition kaum absprechen: Am besten lernen wir Dinge, die wir mit unseren eigenen Händen tun können.

Vielleicht sind gerade deshalb Bücher wie das Breslauer Neues Puppen-Kochbuch auch heute noch interessant. Sie zeigen nicht nur, was früher gekocht wurde, sondern vor allem, wie man sich die Erziehung von Kindern vorstellte, was Spielen bedeuten sollte und wie Kinder durch das Spiel auf das Erwachsenenleben vorbereitet wurden.

Eine kleine Küche. Ein kleiner Topf. Ein kleines Rezept. Eine kleine Mahlzeit. Und damit – eine ziemlich große Lektion fürs Leben.

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