Aus unserer Geschichte

„Sonderausgabe”

3 August 2026, 17:00 Geschichte , Kolumne

Wenn wir aus heutiger Perspektive auf den Anfang des Jahres 1988 blicken, sehen wir ihn durch das Prisma des bevorstehenden Systemwechsels. Damals jedoch war die heraufziehende „Erschütterung der Grundfesten der Welt“ keineswegs so offensichtlich.

Schon die erste Januarhälfte brachte der deutschen Minderheit in Polen ein so bedeutendes Ereignis, dass das Bulletin des Deutschen Freundschaftskreises erstmals als „Sonderausgabe“ erschien. Dieses für den immer noch zahlenmäßig kleinen Kreis von Aktivisten äußerst wichtige Ereignis war das Treffen einer DFK-Delegation mit dem deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Es fand am 12. Januar in der westdeutschen Botschaft in Warschau statt.

Hans Dietrich Gentscher während des 14. Bundeskongresses der Jungen Liberalen vom 25.-27. November 1988 in Luxemburg.
Foto: Olaf Kosinsky/Wikipedia

Die Bedeutung von Kontakten auf einer so hohen Ebene wurde auch von den Diensten der Volksrepublik Polen erkannt, die einigen Aktivisten die Teilnahme an den Gesprächen verwehrten. Interessierten empfehle ich die Lektüre des Interviews mit Friedrich Schikora, veröffentlicht im Jahrbuch des CBMN „Doppelpunkt“ für das Jahr 2022 (die deutschsprachige Version erschien 2024). Letztendlich bestand die zwölfköpfige Delegation – wie erst das Februar-Bulletin berichtete – aus: Joachim Buchta, Franciszek Dziuba, Henryk Franecki, Blasius Hanczuch, Ginter Marny, Piotr Kral, Karol Kuklok, Dariusz Opielka, Franciszek Poppe, Hubert Topol, Erwin Winkler und Fryderyk Zaczyk. Sie vertraten die sechs damals aktivsten DFKs: Deschowitz, Kandrzin-Cosel, Ratibor, Gleiwitz, Hindenburg und Beuthen.

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Die Aktivisten waren bis zuletzt nicht wirklich davon überzeugt, dass es ihnen gelingen würde, ihre Forderungen persönlich dem Minister zu übermitteln. Und tatsächlich – in der ersten Gesprächsphase führte Dieter Kastrup, Referatsleiter im Bonner Außenministerium und enger Mitarbeiter von Hans-Dietrich Genscher, den Vorsitz auf Seiten der Bundesrepublik. Nach einiger Zeit stieß jedoch der Minister selbst zu den Beratenden hinzu.

Das Bulletin berichtete (Schreibweise im Original):

„Wer kann sich die Freude dieser Menschen vorstellen, als sie den Aussenminister ins Zimmer kommen sahen, zumal es seit dem Bestehen der Bundesrepublik Deutschland das erste und doch schon so lange erwartete Treffen eines Regierungsmitgliedes mit den Vertretern der in Polen lebenden Deutschen werden sollte. Delegationsmitglied Blasius Hanczuch begrüsste den Bundesaussenminister und dankte im Namen aller Mitglieder des DFK für das Zustandekommen dieses Treffens.”

Foto: CBMN

Die von den Aktivisten vorgebrachten Forderungen waren recht offensichtlich: die Möglichkeit zur Pflege der deutschen Kultur, Deutschunterricht in den Schulen, die Einhaltung der Menschenrechte gegenüber den in Polen lebenden Deutschen. Wie aus dem Bericht hervorgeht, wurden sie vom Minister wohlwollend aufgenommen, der die Unterstützung der Regierung für die DFK-Aktivitäten zusicherte und von seinem Treffen mit dem Primas Józef Glemp bezüglich deutschsprachiger Gottesdienste berichtete. „Zum Abschied liess er alle Mitglieder des DFK grüssen und unter herzlichem Beifall verliess er das Zimmer.”

Tatsächlich intensivierten sich in den folgenden Monaten die Kontakte zwischen den Minderheitenaktivisten und den Vertretern der Diplomatie und des politischen Lebens der Bundesrepublik Deutschland – darüber mehr in der nächsten Kolumne. Gleichzeitig jedoch ging der Exodus weiter. Am 20. März reiste Ginter Marny aus, im April Joachim Buchta, im August die Familien Franecki und Topol. Die Zahl der Aussiedler aus Polen in die Bundesrepublik Deutschland überstieg im Jahr 1988 die Zahl von 140.000 Personen.

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