Wort zum Sonntag von Pfarrer Dr. habil. Peter Tarlinski

26 Juli 2026, 05:00 Kirche

17. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr A
18. Lesung: 1 Kön 3,5.7-12
19. Lesung: Röm 8,28-30
Evangelium: Mt 13,44-52


Entscheidungen für die Ferien

Die Ferien dauern an. Wir verbringen diese Zeit gern damit, Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, uns zu bewegen, Bücher zu lesen oder einfach nichts zu tun. So können wir vom Alltag Abstand gewinnen und etwas für uns selbst tun. Wir nehmen auch an Wallfahrten teil, besuchen Exerzitien in der Stille oder treffen uns zu geistlichen Angeboten in christlichen Gruppen. Manche greifen öfter zu religiöser Literatur und nehmen sich mehr Zeit für das Gebet. Wir haben unsere Lieblingsorte, an die wir gern fahren. Die einen wählen die Berge. Andere zieht es an Flüsse oder Seen. Wieder andere verbringen ihre Zeit gern auf einem Bauernhof. Und schließlich gibt es Menschen, die den Aufenthalt am Meer besonders lieben.

Von diesem letzten Ziel, also vom Meer, spricht Jesus in einem Gleichnis. Er erinnert an die Fischer, die nach dem Fang ans Ufer zurückkehren. Dieses Bild dient ihm dazu, eine sehr wichtige Wahrheit auszudrücken. Es geht um das Gute und das Böse, die in unserer Welt nebeneinander bestehen. Wie das alles enden wird, davon handelt der folgende Kommentar.

Das Netz des Himmelreiches

In einem seiner Gleichnisse vergleicht Jesus das Himmelreich mit einem großen Netz. Es wird ins Meer geworfen und fängt Fische aller Art. Erst am Ufer werden die guten Fische von den unbrauchbaren getrennt. Dieses Bild ist einfach. Doch es spricht von wichtigen Fragen: von Gottes Einladung, von seiner Geduld, von unserer Verantwortung und vom Ziel unseres Lebens.

Das Netz ist offen für alle

Das Netz des Himmelreiches ist weit. Es fängt Fische aller Art. So richtet sich auch Gottes Einladung an alle Menschen. Gott sucht nicht nur die Starken, Erfolgreichen und Fehlerlosen. Er ruft auch die Schwachen, die Zweifelnden und die Verwundeten. Jeder Mensch hat einen Platz im Herzen Gottes.

Die Kirche ist deshalb keine Gemeinschaft vollkommener Menschen. Sie ist eine Gemeinschaft von Menschen, die auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen sind. In ihr leben Menschen mit verschiedenen Lebensgeschichten. Manche glauben fest. Andere suchen noch. Manche tragen große Freude in sich. Andere kämpfen mit Schuld und Enttäuschung. Gott wirft sein Netz weit aus. Niemand soll vorschnell ausgeschlossen werden.

Das Meer ist ein Bild unserer Welt

Das Meer ist tief und bewegt. Manchmal ist es ruhig. Manchmal schlagen die Wellen hoch. In seiner Tiefe bleibt vieles verborgen. So ist auch unser Leben. Es gibt helle Tage und dunkle Stunden. Es gibt Vertrauen und Angst, Liebe und Schuld, Hoffnung und Enttäuschung. Mitten in dieses unruhige Meer senkt Gott sein Netz. Er wartet nicht, bis die Welt vollkommen geworden ist. Er kommt in unsere Wirklichkeit, so wie sie ist. Gott sucht den Menschen nicht nur in ruhigen und schönen Zeiten. Er ist auch in den Stürmen des Lebens gegenwärtig. Selbst dort, wo wir keinen festen Boden mehr spüren, kann uns sein Netz tragen.

Jetzt ist die Zeit der Geduld

Die Fischer trennen die Fische nicht sofort. Solange das Netz im Wasser ist, bleiben sie zusammen. Erst am Ufer beginnt die Unterscheidung. Auch in unserer Welt leben Gut und Böse oft nebeneinander. Manchmal sogar im Herzen desselben Menschen. Niemand von uns ist nur gut. Niemand ist ohne Schuld. Darum gibt Gott uns Zeit. Zeit zum Nachdenken. Zeit zur Umkehr. Zeit für einen neuen Anfang. Ein Mensch kann sich verändern. Ein hartes Herz kann wieder empfindsam werden. Ein verlorener Mensch kann den Weg zurückfinden. Eine Schuld kann bereut werden. Eine zerbrochene Beziehung kann manchmal wieder geheilt werden. Gottes Geduld ist keine Gleichgültigkeit. Sie ist eine neue Chance. Doch diese Zeit ist nicht grenzenlos. Deshalb dürfen wir den Ruf zur Umkehr nicht ständig auf später verschieben.

Das Urteil gehört Gott

Am Ufer setzen sich die Fischer hin und sortieren ihren Fang. Jesus spricht damit vom Gericht am Ende der Welt. Dieses Urteil liegt nicht in unseren Händen. Gott allein kennt den ganzen Menschen. Er sieht nicht nur das, was nach außen sichtbar ist. Er kennt auch die verborgenen Gedanken, die Verletzungen und die Beweggründe. Wir Menschen sehen oft nur einen kleinen Ausschnitt. Deshalb können wir uns leicht täuschen. Wir halten jemanden für gut, weil er freundlich wirkt. Oder wir verurteilen einen Menschen, weil wir seine Geschichte nicht kennen. Christen sollen das Böse beim Namen nennen. Sie sollen aber nicht über das ewige Schicksal anderer Menschen entscheiden. Unsere Aufgabe ist nicht, andere auszusortieren. Unsere Aufgabe ist es, die Wahrheit zu bezeugen, zu vergeben und zur Umkehr einzuladen. Wer sich selbst zum Richter über andere macht, vergisst leicht die eigene Schwäche.

Unser Leben hat ein Ziel

Die Worte Jesu über das Ende der Welt sind ernst. Er spricht von Trennung, Feuer, Weinen und Zähneknirschen. Diese Bilder sollen uns nicht in eine lähmende Angst treiben. Sie sollen uns wach machen. Unser Leben ist nicht bedeutungslos. Unsere Entscheidungen haben Gewicht. Das Gute, das wir tun, bleibt nicht ohne Frucht. Aber auch das Böse verschwindet nicht einfach, als wäre nichts geschehen. Gott ist barmherzig. Doch seine Barmherzigkeit macht das Böse nicht gut.

„Das Netz des Himmelreiches ist weit. Es wird von Gottes Liebe getragen. Noch befinden wir uns im Meer der Zeit. Noch können wir umkehren, vergeben und neu beginnen.“

Sie ruft uns dazu auf, das Böse zu erkennen, zu bereuen und zu verlassen. Gott zwingt niemanden zur Liebe. Er nimmt unsere Freiheit ernst. Wer sich immer wieder gegen die Wahrheit, die Liebe und das Gute verschließt, entfernt sich von Gott. Das Gleichnis erinnert uns deshalb daran: Heute ist die Zeit, sich für das Gute zu entscheiden.

 

„Habt ihr das alles verstanden?“

Am Ende fragt Jesus seine Jünger: „Habt ihr das alles verstanden?“ Sie antworten: „Ja.“ Doch was bedeutet es, ein Gleichnis Jesu zu verstehen? Es genügt nicht, seine Worte erklären zu können. Verstehen heißt, sich von ihnen treffen zu lassen. Verstehen heißt, das eigene Leben im Licht des Evangeliums zu sehen.

Habe ich verstanden, dass Gottes Einladung allen Menschen gilt? Habe ich verstanden, dass ich nicht über andere richten soll? Habe ich verstanden, dass mir Zeit zur Umkehr geschenkt ist? Habe ich verstanden, dass mein Leben auf Gott hin ausgerichtet ist?
Das Netz des Himmelreiches ist weit. Es wird von Gottes Liebe getragen. Noch befinden wir uns im Meer der Zeit. Noch können wir umkehren, vergeben und neu beginnen. Doch eines Tages erreicht das Netz das Ufer. Dann wird sichtbar, was in unserem Leben gereift ist und welchen Platz wir Gott in unserem Herzen gegeben haben.

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