Alles Gute zum Geburtstag!

Ingeborg Odelga – ein Jahrhundert für die Heimat, die Sprache und die Poesie

26 Juli 2026, 11:30 Kultur , Menschen

Am 26. Juli 2026 feiert Ingeborg Odelga aus Proskau ihren 100. Geburtstag. Ein ganzes Jahrhundert Leben – geprägt von Krieg und Frieden, Verlust und Hoffnung, von der Liebe zur schlesischen Heimat und zur deutschen Sprache. Wer ihr begegnet, trifft keine Frau, die große Worte sucht. Vielmehr sind es ihre Gedichte, die sprechen. In ihnen finden sich Erinnerungen, Natur, Menschlichkeit und die tiefe Überzeugung, dass Sprache Brücken bauen kann.

„Ich bin sehr mit meiner Heimat verbunden. Ich habe hier Wurzeln geschlagen, und die kann man nicht abschneiden. Die werden von mir begossen.“

– sagte die Dichterin. Kaum ein Satz beschreibt Ingeborg Odelga besser als dieses Bekenntnis zu ihrer Heimat. Obwohl sie im Laufe ihres langen Lebens Grund gehabt hätte, Proskau zu verlassen, blieb sie. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Verbundenheit. Heimat war für sie nie ein politischer Begriff, sondern ein Ort der Erinnerungen, der Natur und der Menschen.

Die Wurzeln einer Dichterin

Ingeborg Odelga wurde am 26. Juli 1926 in Proskau geboren und lebt bis heute in ihrer Heimatstadt. Bereits mit acht Jahren verlor sie ihre Mutter und wuchs anschließend bei deren Familie auf. Die schweren Erfahrungen der Kindheit prägten ihren Blick auf das Leben. Während des Zweiten Weltkriegs absolvierte sie in Berlin eine Ausbildung zur Krankenschwester. Nach Kriegsende kehrte sie nach Schlesien zurück und arbeitete fast drei Jahrzehnte im Krankenhaus in Proskau. Für Generationen von Patienten war sie nicht nur Krankenschwester, sondern auch Zuhörerin und Trostspenderin.

Ingeborg Odelga wurde am 26. Juli 1926 in Proskau geboren.
Foto: A. Durecka

Die Liebe zur Literatur wurde ihr praktisch in die Wiege gelegt. Ihr Vater veröffentlichte bereits 1935 den Gedichtband „Strophen aus der Tiefe“, auch der Großvater schrieb Verse. Der Vater blieb für sie Zeit ihres Lebens Vorbild – nicht nur als Dichter, sondern vor allem als Mensch.

„Vater, du warst ein stiller, aufrichtiger Mensch, hast keinem Unrecht angetan … weil du gegen den Strom geschwommen bist.“

Gedichte, die Generationen verbinden
Rezitationswettbewerb zum 100. Geburtstag von Ingeborg Odelga

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Diese Zeilen widmete sie ihrem Vater in einem ihrer Gedichte. Hinter ihnen verbirgt sich eine außergewöhnliche Familiengeschichte. Ihr Vater hatte den Mut, Adolf Hitler indirekt in einem satirischen Text zu kritisieren und diesen sogar an die Reichskanzlei zu schicken. Die Folgen hätten tödlich sein können. „Mein Vater war zu mutig. … Er hat Hitler indirekt als Irren bezeichnet. Dann kam ein Haftbefehl. Gute Leute haben ihm geholfen zu verschwinden und sein Leben zu retten.“, erinnerte sich Ingeborg Odelga in einem Interview.

Vielleicht erklärt gerade dieses familiäre Erbe, warum Ingeborg Odelga niemals einfache Wahrheiten suchte, sondern stets den Mut hatte, Missstände anzusprechen.

Worte, die bleiben

Obwohl sie aus einer Dichterfamilie stammt, begann sie erst relativ spät selbst zu schreiben. Den entscheidenden Anstoß gab Radio Opole. Für die deutschsprachige Sendung „Nasz Heimat“ wurde kurzfristig ein Erntedankgedicht gesucht. Ingeborg Odelga setzte sich hin und schrieb „Erntezeit – goldene Zeit“. Aus diesem einen Gedicht wurden zwanzig Jahre regelmäßiger Lesungen. Sie trug nicht nur Werke Joseph von Eichendorffs und anderer deutscher Dichter vor, sondern auch ihre eigenen Texte.

Heute liegen vier zweisprachige Gedichtbände vor. Geschrieben hat sie ausschließlich auf Deutsch, übersetzt wurden ihre Werke unter anderem von Erhard Bastek, Jan Goczoł, Krystyna Górak und Emma Henning.

„Wir brauchen mehr Disziplin“

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Ihre Gedichte wirken auf den ersten Blick schlicht. Doch gerade in dieser Einfachheit liegt ihre Kraft. Sie schreibt über Blumen und Bäume, Tiere, Jahreszeiten, über Menschen, Erinnerungen und gesellschaftliche Entwicklungen. Nie erhebt sie den Zeigefinger, sondern lädt zum Nachdenken ein.

„Wenn mich etwas innerlich bewegt, dann muss ich das festhalten, rauswerfen. Am besten ist es, das aufzuschreiben.“

– sagt sie.

Für Ingeborg Odelga ist Dichtung keine Kunst um ihrer selbst willen. Sie ist Ausdruck innerer Wahrhaftigkeit: „Poesie, das ist wertvoll. Man sollte keinen Tag vergehen lassen, ohne ein gutes Gedicht zu lesen oder gute Musik zu hören.“

Dabei begegnet sie ihrem eigenen Werk mit bemerkenswerter Bescheidenheit.

„Ich bin noch gar nicht so stolz, denn ich weiß ja gar nicht, ob ich das richtig mache.“, sagte sie.

Zwischen Heimat und deutscher Identität

Ingeborg Odelgas Leben spiegelt zugleich die Geschichte der deutschen Minderheit in Oberschlesien wider. Nach dem politischen Umbruch engagierte sie sich beim Aufbau der Deutschen Freundschaftskreise (DFK). Sie sammelte Unterschriften für die Anerkennung der deutschen Minderheit, führte zwanzig Jahre lang Protokolle und organisierte den Chor des DFK in Proskau.

Den Tag der gerichtlichen Anerkennung der Organisation hat sie bis heute nicht vergessen. „Ich war in Euphorie. Ich wollte in den Garten gehen und einen Volkstanz tanzen. Dann dachte ich: Jetzt kommen sie und sperren dich ein.“, erinnert sich die heutige Jubilarin.

Stattdessen lud sie Nachbarn und Freunde in ihre Küche ein. „Wir werden singen. Deutsch singen.“ Aus diesen Treffen entwickelte sich ein Singkreis, der über Jahrzehnte Bestand hatte.

Im Jahr 2022 hat Ingeborg Odelga den Breis „Brücken des Dialogs“ erhalten. Auf dem Foto miz Rafał Bartek, dem Vorsitzenden des VdG und dem Bürgermeister von Proskau Krzysztof Cebula.
Foto: Mateusz Koszyk

Für sie bedeutete die deutsche Minderheit nie Abgrenzung, sondern das Recht, die eigene Sprache und Kultur offen leben zu dürfen. Besonders wichtig war ihr die deutsche Sprache. „Man muss unbedingt Deutsch sprechen. Das ist meine größte Sorge. Denn nur die deutsche Sprache hält uns zusammen.“ Auch in ihrer Poesie wird deutlich, dass Identität niemals gegen andere gerichtet sein muss. In einem ihrer Gedichte schreibt sie über die zweisprachigen Ortsschilder:

„Gemeinsam bauen wir ein friedliches Europa,
wo wir uns zu unseren Wurzeln,
zu unserer Muttersprache bekennen.
Grundstein zu Brücken sind Worte, Gespräche, Dialoge.“

Diese Verse beschreiben vielleicht am besten ihr Lebenswerk. Für Ingeborg Odelga ist Sprache kein Instrument der Trennung, sondern der Verständigung.

Heimat als tägliche Erfahrung

Immer wieder kehrt ihre Dichtung zur Natur zurück. Der Wald, der Bach, der Teich oder der eigene Garten sind keine bloßen Landschaften, sondern Orte der Begegnung mit dem Leben. „Die Natur inspiriert mich. Ich gehe an den Bach, an unseren Teich, in den Wald. Die Natur – das ist mein lieber Gott. Ich bin dankbar, dass ich das so empfinden kann.“

Diese Dankbarkeit spiegelt sich selbst in kleinen Gedichten wider. Berührend einfach sind ihre Zeilen über die eigene Katze:

„Katzi, mein Schatzi,
du schläfst so ruhig,
atmest so leise,
strahlst so viel Gemütlichkeit aus.
Das ist gut. So kann es sein.“

Gerade diese Fähigkeit, im Alltäglichen das Wesentliche zu entdecken, macht ihre Poesie zeitlos.

Eine Stimme mit Haltung

Ingeborg Odelga hat nie geschwiegen, wenn sie Ungerechtigkeit wahrnahm. Sie sprach Missstände offen an, ob im Alltag oder in gesellschaftlichen Fragen. Dabei orientierte sie sich an einem Gedanken, den sie oft zitierte.

„Man muss nur, so wie Eichendorff sagt, den richtigen Ton anschlagen, dann rührt man den Menschen.“

Genau das ist ihr gelungen. Ohne Pathos, ohne laute Gesten, aber mit Ehrlichkeit und Menschlichkeit.

Die Liebe zur Literatur wurde Ingeborg Odfelga praktisch in die Wiege gelegt
Foto: Deutsche Minderheit in der Gemeinde Proskau

Hundert Jahre nach ihrer Geburt gehört Ingeborg Odelga zu den bedeutendsten literarischen Stimmen der deutschen Minderheit in Oberschlesien. Ihre Gedichte erzählen von einer Heimat, die Grenzen überdauert, von einer Sprache, die Identität bewahrt, und von einem Menschen, der nie aufgehört hat, an die Kraft des Wortes zu glauben.

So haben wir vor genau zehn Jahren über Ingeborg Odelga geschrieben!

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