Wenn man öfter über die dramatischen Erlebnisse spricht, dann stellt man fest, dass diese noch nach achtzig Jahren im Gedächtnis gespeichert sind. Das war wohl die kürzeste Flucht, vor der anrückenden Roten Armee, mit dem Ziel Berlin zu erreichen.
Als am 12. Januar 1945 von der Weichsel die große sowjetische Offensive ausbrach, wurde jedem in Schlesien bewusst, dass früher oder später die Front auch uns erreichen würde. Am 19. Januar stand die Front in Krakau/Krakow und Lotsch/Lodz. Weil es von den Deutschen keinen Widerstand gab, bewegte sich die Front mit rasanter Geschwindigkeit, teilweise bis zu 35 km täglich in Richtung Westen. Die Luftlinienentfernung von Krakau bis Oppeln beträgt ca. 150 km. Am 24. Januar 1945 stand sie schon vor Oppeln und Gleiwitz. Aber alles der Reihe nach.
Von den Bomben Berlins in die Wälder Schlesiens
Ich bin im Juli 1941 in Berlin geboren und im Dezember verstarb mein Vater. 1943 wurde die deutsche Hauptstadt von den Alliierten (Engländern und Amerikanern) bombardiert. Es gab immer wieder Fliegeralarm. Danach habe ich mit meiner Mutter viele Stunden in den Luftschutzkellern verbracht. Dieses und vieles mehr erzählte mir später meine Tante Elisabeth (Schwester meiner Mutter). Darüber später mehr.
In dieser Zeit des Bombardements verbrachte man viele Berliner Kinder in die damals noch sicheren Gebiete im Osten Deutschlands, dorthin sind die alliierten Bomber nicht geflogen. 1943 brachte mich meine Mutter nach Schlesien zu den Großeltern. Sie ist nicht geblieben, da sie ja wieder zurück zur Arbeit nach Berlin musste. Meine Großeltern kamen mit ihren drei Kindern noch während des Ersten Weltkriegs aus Duisburg nach Schlesien, da es im Ruhrgebiet damals eine große Hungersnot gab und weil die Großmutter aus dieser Region stammte. Sie haben sich in der Försterei Eleonorensgrün niedergelassen. Elektrizität gab es nicht, als Beleuchtung diente eine Petroleumlampe. Eleonorensgrün liegt im 480 km² Waldkomplex zwischen Frühauf/Ochotz und Goldmoor/Szydlow. In Polen „Bory Niemodlińskie“ genannt. In der Zeit von 1943 bis 1945 haben mich meine Großeltern versorgt.
Die Menschlichkeit des Großvaters
Viele Ereignisse aus dieser Zeit haben sich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Mein Großvater hat Ende der dreißiger Jahre mit drei anderen Kollegen im Wald gearbeitet, ihnen wurden polnische Zwangsarbeiter als Hilfsarbeiter zugeteilt. Bei der Frühstückspause am Lagerfeuer hat Opa den polnischen Zwangsarbeitern immer etwas von seinem Frühstücksbrot abgegeben, da die Verpflegung der Zwangsarbeiter sehr schlecht war und die Arbeit zudem sehr schwer. Eines Tages sagte einer seiner Mitarbeiter mit ernster Stimme „Albert, du weißt doch, dass die Unterstützung der Polen verboten ist“. Danach hat die Großmutter die Frühstücksbrote getrennt verpacken, Opa hat die Polen dann heimlich mit Essen unterstützt. Zu dieser Zeit musste man sich auch vor seinen Arbeitskollegen in Acht nehmen, denn die Nazi-Propaganda ist auch in die untere Bevölkerungsgruppe durchgedrungen.

Kellerfenster
Foto: Miroslaw Lesniewski
In diesem Zusammenhang habe ich noch eine schöne Erinnerung und zwar als ich eines Tages am Kellerfenster vorbeigelaufen bin, haben mich zwei Männer aus dem Keller gerufen. Ich kam ans Kellerfenster und sie überreichten mir durch die Vergitterung einen Spielzeugwagen aus Holz mit eingebrannten Mustern. Der markante und schöne Holzgeruch begleitet mich noch heute. Später im Leben habe ich erfahren, dass die Männer polnische Zwangsarbeiter waren, das geschenkte Spielzeug war wohl als kleines Dankeschön für die guten Taten meines Großvaters.
„Wenn die Russen kommen“
Kurz vor unserer Flucht hat mein Großvater im Wald, westwärts vom Haus, ein Loch von ca. 2×2 Meter ausgehoben mit einer Abstufung zum Sitzen, später kam noch eine Überdachung aus Ästen darüber. Als ich nachfragte: „wozu und warum das Ganze?“ sagte mein Großvater: „wenn die Russen kommen, dann werden wir uns hier verstecken.“ Ein paar Meter weiter ein zweites, wesentlich tieferes Loch, darin hat mein Großvater dann die Wertsachen vergraben. So ähnliche Erlebnisse gab es viele, ich will diese mal als kurze Filmsequenz bezeichnen und komme später noch einmal darauf zurück. Einmal sagte meine Tante Elisabeth: „komm wir gehen Deine Mutter abholen.“ Wir gingen den Oppelner Waldweg in Richtung Frühauf/Ochotz und plötzlich hörte ich:
Der Weg nach Westen ist abgeschnitten
„kuckuck, kuckuck“, wir gingen weiter und hinter einer Eiche stand sie dann, meine Mutter. Sie kam mit der Eisenbahn aus Berlin, um mich wieder zurückzuholen. Leider kam sie zu spät. Es hat wohl niemand damit gerechnet, dass die Front so schnell Oppeln erreichen würde. Am 26. Januar 1945 ist Oppeln gefallen. Der Fluchtweg nach Westen mit der Eisenbahn in Richtung Breslau und Berlin war seit dem 22. Januar 1945 abgeschnitten. Bei Oppeln und Ohlau südöstlich von Breslau wurden Brückenköpfe von der Roten Armee errichtet. Die Front verlagerte sich immer weiter westwärts. Ich habe immer wieder dumpfe Schläge gehört und habe meinen Großvater gefragt, was das wohl sei, er sagte: „die Russen kämpfen an der Oder“. Wie ich später erfahren habe, wurde die Oppelner Oderbrücke am 23. Januar 1945 gesprengt und am 22. Januar die Oderbrücke in Niklasfähre. Die Rote Armee kam bei Niklasfähre (polnisch Mikolin) am 3. Februar 1945 über die breite Oder. Die russischen Pioniere haben hier eine Behelfsbrücke gebaut. Dieser Frontbereich war sehr hart umkämpft. Hier hat man dann schon im Oktober 1945 ein Kriegsdenkmal errichtet, um der 600 bis 700 toten russischen Soldaten zu gedenken. Das sind Schätzungen militärischer Historiker. In der kommunistischen Zeit, vor der Wende, stand die Zahl von 40.000 Rotarmisten, die hier ihr Leben verloren haben. Diese Zahl war natürlich sehr übertrieben, nach der Wende hat man dies korrigiert.
Panzerangriff und grausame Abschiede
Es begann die Kesselschlacht am westlichen Oderufer. Aus Niklasfähre stieß am 4. Februar 1945 ein russischer Panzerangriff nach Süden los. Es muss wohl gegen Abend gewesen sein, als ein langer Militärkonvoi auf dem Oppelner Waldweg kommend durch Eleonorensgrün(Debowiec) in Richtung Westen fuhr. Über den Zeitpunkt habe ich keine Informationen. Mein Großvater hat dann einen Pferdewagen angehalten. Mutter und ich sind dann mitgefahren. Mich hat man noch in eine Decke eingepackt. Die Großeltern und die Tante haben uns zum Abschied noch zugewinkt.

Forsthaus Eleonorensgrün Foto: Miroslaw Lesniewski
Meine nächste Erinnerung: Mutter und ich gehen eine Birkenallee entlang und von rechts hörte man immer wieder Explosionen, mal waren die Donnergeräusche weit weg und dann auch wieder näher. Diese Szenen haben sich in mein Langzeitgedächtnis eingeprägt. Wenn ich im späteren Leben auf einer Birkenallee gefahren bin, kamen mir immer wieder diese Erinnerungen.
Das nächste Erlebnis: Wir gingen in ein Haus auf der linken Straßenseite des Dorfes, meine Mutter bekam dort Tee in eine Thermoskanne (mit Korkverschluss) gefüllt, links im Raum saß ein schwerverwundeter Soldat auf dem Sofa. Seine Uniformjacke war voller Blut, es war nur ein Arm zu sehen. Wahrscheinlich war der verletzte Arm unter der Uniformjacke. Ich drehte mich immer wieder zu ihm um und es war ein schrecklicher Anblick. Mutter sagte zu mir: „Du sollst dort nicht hinsehen.“ Nach dem Verlassen des Hauses sind wir bis zum Ende des Dorfes gelaufen, dort standen Soldaten und Zivilpersonen. Alle schauten über die Felder in Richtung Wald, der aber noch ganz weit entfernt war. Dort sollten russische Panzer zu sehen gewesen sein. Ich habe aber keine gesehen, daraufhin nahm mich ein Soldat auf den Arm und zeigte in die Richtung, aber auch dann habe ich keine Panzer gesehen.
Im Straßengraben vor den Panzern
Die nächste Erinnerungsszene: Wir laufen alle schnell über ein Ackerfeld und es kam ein Kommandoruf „hinlegen“. Ich wollte mich erst nicht auf das Feld legen, denn als Kind war ich doch angehalten gewesen, sauber zu bleiben. Mutter sagte: „Leg dich hin.“ Nach einer Weile kam die Aufforderung aufzustehen und weiterzulaufen und wieder im Wechsel hinlegen/aufstehen und so weiter. Dann kamen wir an einen Graben, alle sind rüber gesprungen, mich hat man rüber gehoben und dann sind wir weitergelaufen. Ich schaute mich noch um und sah, dass ein Soldat am Grabenrand saß. Das hat mich gewundert und ich habe meine Mutter gefragt, wieso der Soldat nicht mitkommt. Sie antwortete: „Der Soldat ist stark verwundet und wenn wir weiter weg sein werden, dann wird er sich erschießen.“ Diese beiden grausamen Anblicke verfolgen mich noch heute. Und so liefen wir weiter bis zum Wald, im Wald angekommen haben wir uns unter dichten Tannenästen versteckt. Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, dass ich pinkeln muss und meine Mutter gefragt, was ich machen soll. Sie antwortete: „Mach in die Hose, am Waldrand fahren die russischen Panzer und wir dürfen jetzt nicht raus“, man hörte auch schon die sehr lauten Fahrgeräusche.

Forsthaus Eleonorensgrün Foto: Miroslaw Lesniewski
Nächste Erinnerung: Mutter und ich laufen in einem trockenen Graben neben der Straße, hier war die Fahrbahn höher als der Graben. Da es sich immer schlechter lief und auch im Graben Wasser war, fragte ich: „Wollen wir nicht auf der Straße weiterlaufen?“ Mutter antwortete: „Auf der Straße ist es zu gefährlich, dort können uns die Russen sehen.“ Dann war der Graben an sein Ende und wir mussten auf die andere Straßenseite wechseln. Hier auf der Fahrbahn lag ein totes Pferd mit kaputtem Wagen, angeblich zerschossen vom russischen Militär. Als Kind war man sich der Gefahren gar nicht bewusst.
Die gescheiterte Flucht
Über die Rückkehr nach Eleonorensgrün habe ich keine Erinnerungen, wahrscheinlich bin ich wohl eingeschlafen und Mutter hat mich nach Hause getragen. Und somit ist unsere Flucht nach Berlin zu kommen gescheitert, die wahrscheinlich nur ein paar Tage gedauert hätte. Es gibt noch viele Erinnerungen an Eleonorensgrün, diese haben allerdings keinen Bezug zur Flucht.
Fortsetzung folgt
Klaus Kawalek