Interview mit Horst Ulbrich, dem Vorsitzenden des DFK Glatz

Wiedergefundene Heimat

19 Juli 2026, 17:00 Kultur

Als Horst Ulbrich vor Jahrzehnten erstmals die Heimat seiner Eltern besuchte, wollte er eigentlich nur sehen, wo seine Familie einst gelebt hatte. Heute leitet er den Deutschen Freundschaftskreis (DFK) Glatz, der unter seiner Führung von sieben auf mehr als 300 Mitglieder gewachsen ist. Im Gespräch mit Mauro Oliveira erzählt er von seiner Rückkehr nach Schlesien, dem Aufbau eines Reiterhofs und den Herausforderungen der deutschen Minderheit.

 

Herr Ulbrich, Ihre Familie stammt aus Eckersdorf (Bożków), Sie selbst wurden in Herford geboren. Wie kamen Sie zurück in die Heimat Ihrer Eltern?

Die erste Gelegenheit ergab sich 1987. Mein Cousin fuhr zu einer Hochzeit nach Starachowice und fragte mich, ob ich ihn begleiten wolle. So könnten wir uns beim Fahren abwechseln. Auf dieser Reise habe ich schließlich auch meine spätere Frau kennengelernt.

Horst Ulbrich mit seiner Frau inmitten der Berge in Schwenz, direkt neben ihrem Haus und dem Pferdestall.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Ich hatte meinem Cousin eine Bedingung gestellt: Auf dem Rückweg wollte ich unbedingt die Heimat meiner Eltern besuchen. Ich wollte sehen, wo sie gelebt hatten, und Fotos vom Haus machen. Als wir dort ankamen, schlug die Großmutter meiner Frau, die Deutsche war, vor: „Nimm doch die Renia mit, sie kann übersetzen.“ Danach hat man sich geschrieben und besucht. 1991 haben wir schließlich geheiratet.

 

Welchen Bezug zu Schlesien und der Region Glatz hatten Sie vor diesem ersten Besuch?

In Deutschland hat die ganze Verwandtschaft bei jedem Treffen, bei jedem Geburtstag, über die verlorene Heimat geweint. Als Kind konnte ich das nicht verstehen. Später wuchs in mir der Wunsch, diesen Ort selbst kennenzulernen. Als ich schließlich hier war, hatte ich sofort das Gefühl, dass ich hierher gehöre. Vielleicht lag es daran, dass die Heimat in der ganzen Familie ein ständiges Thema war.

 

Sie waren Sozialpädagoge in Deutschland und haben später in Schwenz einen Reiterhof aufgebaut. Wie kam es dazu?

Nach unserer Hochzeit lebten wir zunächst fünf Jahre in Deutschland. Pferde spielten damals bereits eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ich war im Vorstand eines großen Reitervereins, hatte auch einen kleinen Bauernhof. Für ein Behindertenzentrum habe ich nach einer Ausbildung die Reittherapie geleitet. Als sich die Möglichkeit ergab, hier in Niederschlesien etwas aufzubauen, haben wir sie genutzt.

 

Renata Ulbrich: Meine Eltern wollten mir ihren Hof überschreiben. Wir haben lange überlegt, was wir daraus machen könnten. Ackerbau, wie meine Eltern ihn betrieben hatten, kam für uns nicht infrage. Das Einzige, was für uns Sinn ergab, waren Pferde.

 

Wie verlief der Neubeginn hier in Schlesien?

Hors Ulbrich: Wir gehörten damals zu den Pionieren in der Region. Privat ist es gut gegangen und auch mit dem DFK ist es gut gegangen. Dass alles so gut funktioniert hat, lag auch an unseren Kontakten nach Deutschland. Wir achten sehr auf die Völkerverständigung. Damit sind wir damals bei manchen auch ein wenig angeeckt, weil wir primär für die Deutschen und Mitglieder da sein sollten. Aber unser Chor besteht zum Beispiel überwiegend aus polnischen Mitgliedern.

Unsere Projekte stehen allen offen, die sich für unsere deutsche Kultur interessieren und die die Geschichte akzeptieren. Die Nationalität spielt dabei keine Rolle.

 

Wie kamen Sie erstmals mit dem Deutschen Freundschaftskreis in Kontakt?

Schon während meiner ersten Besuche in der Heimat meiner Eltern interessierte mich, ob hier noch Deutsche leben und wo. So lernte ich den Deutschen Freundschaftskreis kennen. Damals bestand die Gruppe nur noch aus sieben älteren Damen, die ihre Tätigkeit aufgeben wollten. Das wollten wir, Heinz-Peter Keuten, Joachim Straube und ich verhindern. Wir waren alle drei Rückkehrer in die Heimat unserer Eltern.

Horst Ulbrich als Vorsitzender des DFK Glatz – hier vor dem Rathaus.

Wie kam es dazu, dass Sie den Vorsitz des DFK Glatz übernahmen?

Großdechant Franz Jung und Peter Großpietsch, der Vorsitzende der Zentralstelle Grafschaft Glatz, erfuhren, dass die verbliebenen Mitglieder des DFK aufgeben wollten. Beide waren der Ansicht, dass die Aufgabe verhindert werden müsse. Da ich vorher bereits den alten Damen oft mit Rat und Tat geholfen hatte, kannten mich die Organisationen in Deutschland, wie auch die Zentralstelle Grafschaft Glatz in Lüdenscheid.

Bei einem Treffen im Rathaus Glatz sagten sie schließlich zu mir: „Horst, du musst das jetzt übernehmen.“ Darauf gingen wir in den Saal des Franziskanerklosters, wo eine Versammlung einberufen war. Da saßen plötzlich über 70 ehemalige Mitglieder. Ich habe von nichts gewusst. Es gab nur ein Thema: Horst Ulbrich wird gewählt, um den DFK Glatz zu retten.

Kaum war die Wahl abgeschlossen, meldete sich jedoch eine Frau aus dem Publikum zu Wort: „Der Ulbrich kann doch gar nicht gewählt werden. Er ist nicht in der Grafschaft Glatz geboren, gehört nicht zur deutschen Minderheit in Polen.“ Ich dachte schon, die Sache hätte sich damit erledigt.

Doch Martin Reichert, damals Vorsitzender des ersten DFK in Polen, war aus Waldenburg angereist, knallte seine Satzung auf den Tisch. „Glatz hat diese Satzung wortwörtlich übernommen“, sagte er. „Danach kann Horst Ulbrich gewählt werden.“ Wir waren damals noch Ortsgruppe unter dem DFK Waldenburg.

 

War Ihre Wahl damit endgültig geklärt?

Bernard Gaida war ebenfalls anwesend. Damals wusste ich noch nicht einmal, dass er Vorsitzender des VdG war. Zur Sicherheit hat er einen Rechtsanwalt in Oppeln angerufen. Aber der Fall war wohl ziemlich klar: Meine Wahl war rechtmäßig.

Dennoch gab es auch danach vereinzelt Kritik. Deshalb ließen wir die Rechtslage zusätzlich durch einen Notar und einen Anwalt bestätigen. Damit war endgültig geklärt, dass zurückgekehrte Vertriebene dieselben Rechte haben wie diejenigen, die in der Region geblieben sind.

Mein Argument war immer: Die Menschen, die nicht vertrieben wurden, können froh darüber sein. Für meine Mutter, die mit zwei kleinen Kindern ihre Heimat verlassen musste, war die Vertreibung ein Elend.

 

Der DFK Glatz wuchs unter Ihrer Leitung von sieben auf mehr als 300 Mitglieder an. Was waren die entscheidenden Faktoren für diese Entwicklung?

Eine entscheidende Rolle spielte der Umzug des Büros aus dem Hinterhof in die Innenstadt. Großdechant Franz Jung hat unsere Arbeit von Anfang an unterstützt. In den ersten Jahren wurden unsere Projekte weder vom VdG noch vom Konsulat gefördert. Das ging so weit, dass uns einmal sogar die Mittel für Miete und die Nebenkosten fehlten. Beim Wirtschaftsforum in Kreisau lernte ich Christian Wulff kennen, den damaligen Ministerpräsident von Niedersachsen und späteren Bundespräsident. Er hat sich nach meinen Beschwerden sofort mit Scheiben an den Botschafter in Warschau und den Generalkonsul in Breslau für uns eingesetzt und binnen einer Woche waren alle Beträge auf unserem Konto. Herrn Wulff sei Dank. Später wurden wir auch vom VdG anerkannt und wir haben heute ein gutes Verhältnis.

Unsere Projekte stehen allen offen, die sich für unsere deutsche Kultur interessieren und die die Geschichte akzeptieren. Die Nationalität spielt dabei keine Rolle. – Horst Ulbrich

Heute unterstützen wir nicht nur die Mitglieder vor Ort, sondern beraten auch viele Besucher aus Deutschland, die sich für die Region interessieren. Unser Vereinsraum steht jeden Samstag von 11 bis 14 Uhr allen Interessierten offen.

 

Der DFK Glatz organisiert zahlreiche Projekte – von Deutschunterricht über den Lyrikwettbewerb bis hin zu Jugendtreffen. Welches liegt Ihnen persönlich besonders am Herzen?

Ganz klar die Sozialarbeit. Ich bin Sozialpädagoge und habe bereits in Deutschland im Freizeitbereich eine Einrichtung mit Aktion Sorgenkind aufgebaut. So bin ich zur Sozialarbeit gekommen.

 

Wie haben Sie mit der Wohltätigkeit angefangen? War das von Anfang an ein Betätigungsfeld des DFK Glatz?

Es gab ein Schlüsselmoment. Eine Frau konnte sich nach einem Herzinfarkt ihre Medikamente nicht mehr leisten und starb. Als ich davon hörte, konnte ich es zunächst kaum glauben. Doch dann stellte sich heraus, dass es weitere Menschen in ähnlichen Situationen gab und ich habe sofort versucht herauszufinden, was benötigt wird.

Seitdem ist die Wohltätigkeit ein Teil unserer Arbeit. Heute ist der Bedarf in vielen Bereichen glücklicherweise geringer als früher. Gerade bei der medizinischen Versorgung hat sich viel verbessert und wir reduzieren nun die Transporte mit 40-Tonnen-Lkw, die uns von Gehhilfen bis zu Pflegebetten alles geliefert haben.

Horst Ulbrich im Lager mit Hilfsgütern in Schwenz.

Haben Sie ein Beispiel, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja. Einige Tage vor Weihnachten wollte ich eine ältere Frau in Eckersdorf besuchen. Als ich an ihrer Tür klopfte, wurde nur zögernd geöffnet. Sie wohnte in einer Art Verschlag und trug einen dicken Wintermantel. Auf dem Tisch stand lediglich eine Kerze, der Ofen war kalt. Auf meine Frage, ob er kaputt sei, antwortete sie: „Nein, ich habe nichts zum Heizen.“

Mein Sohn und ich fuhren sofort los, kauften Kohle und luden zusätzlich Holz von unserem Hof auf den Anhänger. Als wir zurückkamen, stellte sich heraus, dass die Frau nicht einmal mehr Kleinholz zum Anzünden hatte. Sie hatte bereits alles verheizt, was verfügbar war.

Solche Begegnungen vergisst man nicht.

Anfangs konzentrierte sich unsere Hilfe vor allem auf ältere Angehörige der deutschen Minderheit. Mit der Zeit weitete sich die Arbeit jedoch aus. Besonders im Behindertenbereich gab es damals großen Bedarf.

Darüber hinaus unterstützten wir auch öffentliche Einrichtungen. Für das Krankenhaus organisierten wir mehrere Hilfstransporte. Nachdem uns die Direktorin mitgeteilt hatte, dass dringend neue Betten benötigt würden, konnten wir mehr als 240 Krankenhausbetten aus Deutschland vermitteln. Auf den Beistelltischen der Betten gab es eine Plakette: Deutsches Reichspatent! So alt waren die Metallbetten damals. Aber auch Altenheime, Kinderheime und andere soziale Einrichtungen erhalten bis heute Unterstützung. Für die Kinder gibt es zu Ostern und Weihnachten Spielzeug und Süßigkeiten.

 

Was motiviert Sie nach all den Jahren noch immer zu diesem Engagement?

Wahrscheinlich können wir gar nicht mehr anders. (lacht)

Wenn man sieht, dass die eigene Arbeit etwas bewirkt, motiviert das ungemein. Wir haben uns Ziele gesetzt und konnten vieles davon erreichen. Das gibt einem das Gefühl, dass sich der Einsatz lohnt.

 

Sie wurden mit dem Orden der Republik Polen und der Goldenen Ehrenmedaille „Verdient für Niederschlesien“ ausgezeichnet. Welche Bedeutung haben diese Ehrungen für Sie?

Natürlich freut man sich über solche Anerkennungen, zumal sie von Polen gekommen sind. Noch wichtiger ist aber, dass dadurch auch die Arbeit des DFK bekannter wird.

Horst Ulbrich mit seinen Orden.

Bereits vor einigen Jahren hatten Sie angekündigt, den Vorsitz abgeben zu wollen. Warum ist die Nachfolgefrage bis heute ungelöst?

Tatsächlich habe ich schon 2018 in einem Beitrag im Schlesien Journal gesagt, dass dies meine letzte Amtszeit sein würde. Heute sage ich aber ganz klar: Noch zwei Jahre, dann möchte ich aufhören.

Ich würde die Verantwortung gern an eine jüngere Generation übergeben. Aber bislang hat sich niemand gefunden, der die Aufgabe dauerhaft übernehmen möchte. Gleichzeitig werden die Rahmenbedingungen immer schwieriger. Da viele Vorsitzende das gleiche Problem haben, sollte das zum Thema der nächsten Verbandsratssitzung werden. Es gäbe Lösungen, die aber nicht diskutiert werden.

Renata Ulbrich: Ein aktuelles Beispiel ist unser Oktoberfest, das wir seit Jahren veranstalten. Für eine Förderung sollen inzwischen mindestens 150, besser noch 200 Teilnehmer kommen.

Horst Ulbrich: Zu unseren Oktoberfesten kommen etwa 70 Besucher.

Renata Ulbrich: Unter diesen Voraussetzungen brauchen wir gar keinen Antrag mehr zu stellen.

Horst Ulbrich: Ja, früher haben wir mit über 300 Gästen gefeiert, das hat sich nun geändert. Aber wer lässt sich das einfallen? Beispiel: Kosten für die Tanzmusik bei unserem Jubiläumsfest mussten wir zurückzahlen, weil es keine Rechnung gab, nur eine Quittung der Zahlung für erbrachte Leistung. Wir haben den Eindruck, dass unsere Arbeit in Deutschland grundsätzlich nicht mehr sehr geschätzt wird. Wir wollen weitermachen, aber man muss uns auch lassen.

Horst Ulbrich im Sitz des DFK Glatz.

Was muss aus Ihrer Sicht gelingen, damit der DFK Glatz auch in Zukunft bestehen kann?

Das Wichtigste ist, junge Menschen für unsere Arbeit zu gewinnen und langfristig einzubinden. Ohne Nachwuchs gibt es keine Zukunft.

Wir haben einige Jugendliche, die sich engagieren. Diese jungen Leute müssen wir fördern und ihnen Verantwortung übertragen. Die Pausen zwischen den von Lernraum angebotenen Deutschkursen sind nicht gut. Deutschunterricht gab es bei uns früher von Januar bis Dezember durchgehend wöchentlich, bis auf die Ferien. So hat das gut funktioniert und den nötigen Eigenanteil zu dem Projekt haben wir bei der Jugend bezahlt. Heute müssen hohe Beträge für Kurse bezahlt werden, die zweimal im Jahr stattfinden und manche Eltern sind dazu nicht in der Lage. Durch die Pausen verlieren wir Jugendliche, die neu angeschrieben und motiviert werden müssen.   Das war mit dem Konsulat wesentlich besser.

Das Wichtigste ist, junge Menschen für unsere Arbeit zu gewinnen und langfristig einzubinden. Ohne Nachwuchs gibt es keine Zukunft. – Horst Ulbrich

Der Wechsel des Antragsverfahrens vom Auswärtigen Amt zum Bundesministerium des Innern in Deutschland hat der Vereinsarbeit nicht gutgetan. Bezahlung gegen Quittung, wie für die Jury des Wettbewerbs Deutsche Lyrik der hiesigen Schulen ist nachprüfbar, aber nicht mehr möglich. Die Finanzierung externer Beschäftigung ist bei vielen Projekten ein Problem und so können wir vieles nicht mehr realisieren. Die Zusammenarbeit mit dem Konsulat war gut und überschaubar.  Ich befürchte, das neue Verfahren führt zur Aufgabe kleiner Vereine. Ich hoffe, dass der VdG die Sachlage für uns klären kann. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, macht es auch Sinn, sich zu engagieren.

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