35 Jahre Nachbarschaftsvertrag

Viadrina-Präsident Eduard Mühle im Interview: „Europa wird hier im Alltag erlebt und gestaltet“

6 Juli 2026, 17:00 Politik

Prof. Dr. Eduard Mühle ist seit April 2023 Präsident der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Die 1991 gegründete Universität versteht sich aufgrund ihrer Lage an der deutsch-polnischen Grenze als ein Ort, der zur Verständigung in Europa und darüber hinaus beiträgt und die Idee eines vereinten Europas mitgestaltet. Mit ihm sprach Mauro Oliveira über die Entwicklung der Hochschulkooperation, aktuelle Herausforderungen und die Zukunft der deutsch-polnischen Beziehungen.

Herr Professor Mühle, die Europa-Universität Viadrina wurde 1991 unmittelbar nach der Unterzeichnung des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrags gegründet. Gäbe es die Viadrina in ihrer heutigen Form, wenn der Vertrag nicht unterzeichnet worden wäre?

In ihrer heutigen Form wahrscheinlich nicht.

Es hätte sie möglicherweise trotzdem als Universität gegeben, denn unmittelbar nach dem Mauerfall setzte sich eine Bürgerinitiative in Frankfurt (Oder) für die Wiedergründung der Viadrina ein. Die Viadrina existierte bereits einmal als brandenburgische Landesuniversität, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts gegründet und Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der humboldtschen Bildungsreformen und der Gründung der Berliner Universität geschlossen wurde. Ein großer Teil der Professorenschaft und die Bibliothek wurden damals nach Breslau verlagert.

Im Nachbarschaftsvertrag gibt es mehrere Artikel, die die Zusammenarbeit im Wissenschaftsbereich betreffen. Artikel 26 spricht explizit von der Entwicklung der Hochschulkooperation. Dadurch entstand die Möglichkeit, an der Grenze eine Universität aufzubauen, die zugleich an eine historische Tradition anknüpft. Schon die Brandenburgische Landesuniversität war stark nach Ostmitteleuropa orientiert. Dort studierten unter anderem Angehörige des polnisch-litauischen Adels.

Wie beurteilen Sie die aktuellen deutsch-polnischen Beziehungen, insbesondere im Wissenschaftsbereich?

Wenn man die Berichterstattung in den Medien verfolgt oder politische Debatten beobachtet, könnte man den Eindruck gewinnen, dass die deutsch-polnischen Beziehungen derzeit schwierig sind. Im Alltag sieht das jedoch anders aus. Vieles hat sich eingespielt, vieles ist selbstverständlich geworden. Die Zusammenarbeit funktioniert in der Regel konstruktiv und produktiv.

Natürlich gibt es gelegentlich Reibungen und Probleme. Die gibt es allerdings auch zwischen deutschen Universitäten oder anderen Kooperationspartnern.

Wie hat sich die wissenschaftliche Zusammenarbeit seit den 1990er-Jahren entwickelt?

Die Zusammenarbeit hat sich schrittweise vertieft. Ein Meilenstein war die Gründung des Collegium Polonicum in Słubice im Jahr 1998, das wir gemeinsam mit der Adam-Mickiewicz-Universität Posen betreiben.

Die Europa-Universität Viadrina steht für wissenschaftlichen Austausch im deutsch-polnischen Grenzraum und darüber hinaus. Im Bild: das Hauptgebäude der Europa-Universität Viadrina.
Foto: Viadrina/Heide Fest

Das Collegium Polonicum wird gemeinsam getragen: Die Viadrina erhält Unterstützung durch das Land Brandenburg, die Adam-Mickiewicz-Universität durch das polnische Wissenschaftsministerium. Die polnische Seite ist für das Gebäude verantwortlich, wir für das wissenschaftliche Personal. Auf dieser Grundlage haben wir eine enge Kooperation aufgebaut, die sich unter anderem in gemeinsamen Studiengängen widerspiegelt.

Woher kommen die Studierenden des Collegium Polonicum?

Das hat sich im Laufe der Jahre verändert. In den 1990er-Jahren, als Polen noch nicht Mitglied der Europäischen Union war, fungierte die Viadrina für viele junge Menschen aus Polen als Tor zum deutschen und europäischen Hochschulraum. Damals kam mehr als ein Drittel unserer Studierenden aus Polen. Entsprechend war auch das Collegium Polonicum überwiegend von deutsch-polnischen Studierenden geprägt.

Heute sind wir deutlich internationaler aufgestellt. Rund 43 Prozent unserer Studierenden kommen aus dem Ausland, vertreten sind bis zu 100 Nationen. Diese Internationalität prägt die Viadrina heute stärker denn je.

Sie sagten, dass die Kooperation im Alltag weitgehend gut funktioniert. Gibt es dennoch konkrete Herausforderungen?

Ja, selbstverständlich. Es gibt immer wieder praktische Hemmnisse.

Ein konkretes Beispiel ist das Collegium Polonicum. Es liegt auf der polnischen Seite der Oder. Seit einigen Jahren gibt es – auch auf Initiative von Studierenden – eine Buslinie zwischen Frankfurt (Oder) und Słubice. Diese wurde lange Zeit gemeinsam von deutscher und polnischer Seite finanziert. Inzwischen hat die Stadt Słubice Schwierigkeiten, ihren Anteil weiter zu übernehmen.

„Demokratie erfordert kritische Auseinandersetzung, Selbstverständnis, Diskurs, Offenheit.“

Deshalb wird derzeit darüber diskutiert, die Buslinie im Juli zu reduzieren und im Dezember ganz einzustellen. Gemeinsam mit der Studierendenschaft der Viadrina und den Studierenden des Collegium Polonicum haben wir deshalb eine Petition an die beiden Bürgermeister gerichtet, um den Erhalt der Busverbindung zu erreichen.

Welche Auswirkungen hätte eine Einstellung der Buslinie auf den Universitätsbetrieb?

Eine unterbrochene Verkehrsverbindung würde die Kommunikation erheblich erschweren.

Ein weiteres Problem in diesem Bereich sind die derzeitigen Grenzkontrollen. Zum einen schaffen sie eine Atmosphäre, die dem Geist einer offenen Europa-Universität widerspricht. Zum anderen führen sie ganz praktisch zu Behinderungen beim Grenzübertritt. Wenn Studierende anders aussehen als die üblichen Mitteleuropäer, dann vielleicht zusätzlich ihren Pass vergessen haben, dann gibt es Probleme.

Zur Person

Prof. Dr. Eduard Mühle ist seit 2023 Präsident der Europa-Universität Viadrina. Zuvor (2005–2023) war er Professor für Geschichte Ostmitteleuropas und Osteuropas an der Universität Münster. 1995–2005 leitete er das Leibniz-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg, 2008–2013 das Deutsche Historische Institut in Warschau.

Seine Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem die Geschichte des mittelalterlichen Polen, des Slawen- und Osteuropadiskurses in Mittelalter und Neuzeit sowie die Geschichte der deutsch-polnischen Nachbarschaft.

Für seine Forschung wurde er mehrfach ausgezeichnet, etwa 2014 mit dem Alexander-von-Humboldt-Forschungspreis der Stiftung für die Polnische Wissenschaft (Fundacja na Rzecz Nauki Polskiej), 2016 als Auswärtiges Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften und Künste in Krakau (Polska Akademia Umiejętności) sowie 2021 mit der Lux et Laus-Medaille des Polnischen Mediävistenverbandes.

Zur Person Foto: Viadrina/Heide Fest

Solche Erfahrungen sprechen sich herum und werden teilweise auch in internationalen Medien aufgegriffen. Das kann sich auf den Ruf der Viadrina auswirken und ihre Attraktivität für internationale Studierende mindern. Gleichzeitig liegt gerade in dieser Grenzsituation die besondere Stärke unserer Universität: Europa wird hier im Alltag erlebt und gestaltet – mit all seinen Chancen und Herausforderungen.

Lange schien es selbstverständlich, dass Grenzkontrollen innerhalb der EU der Vergangenheit angehören.

Mittlerweile haben sich die Frankfurter und die Słubicer auch so sehr an die offenen Grenzen gewöhnt, dass sie beide Orte als eine Stadt wahrnehmen.

Der erste Einschnitt kam mit den Grenzschließungen während der Corona-Pandemie. Das war eine erhebliche Belastung für das deutsch-polnische Zusammenleben in der Grenzregion. Nun erleben wir mit den stationären Grenzkontrollen einen zweiten Bruch. In der Region besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass diese Kontrollen möglichst bald beendet werden sollten.

Hinzu kommt, dass sie häufig eher symbolpolitische als praktische Wirkung entfalten. Wenige Kilometer weiter nördlich oder südlich gibt es keine vergleichbaren Kontrollen. In Frankfurt (Oder) sind sie dagegen besonders sichtbar und beeinträchtigen nicht nur die Universität, sondern die gesamte Wirtschaftsregion.

Sehen Sie politischen Handlungsbedarf – vielleicht sogar einen neuen Vertrag?

Ich glaube nicht, dass wir einen neuen Vertrag brauchen. Im bestehenden Vertrag steht bereits sehr viel, von dem vieles umgesetzt wurde, manches aber eben noch nicht.

Es gibt zahlreiche Detailfragen, bei denen in den vergangenen 30 bis 35 Jahren mit größerem Engagement und mehr politischem Interesse deutlich mehr hätte erreicht werden können.

Die Europa-Universität Viadrina

Die Europa-Universität Viadrina wurde im Juli 1991 in Frankfurt (Oder) gegründet. Mit ihrer internationalen Ausrichtung und ihrem besonderen Fokus auf Ostmitteleuropa knüpft die Viadrina an die brandenburgische Landesuniversität (1506–1811) in Frankfurt (Oder) an, die bereits eng mit Ostmitteleuropa verbunden war und als Ort des wissenschaftlichen Austauschs zwischen West und Ost fungierte. Von den rund 3.600 Studierenden sind heute etwa 43 Prozent internationale Studierende aus rund 100 Ländern.

Der Schwerpunkt des Studienangebots liegt im rechts-, wirtschafts- und kulturwissenschaftlichen Bereich mit einem besonderen Fokus auf Ostmitteleuropa. Gemeinsam mit der Adam-Mickiewicz-Universität in Posen betreibt die Viadrina das Collegium Polonicum in Słubice als gemeinsame wissenschaftliche Einrichtung.

Als Europa-Universität versteht sich die Viadrina als Ort einer demokratischen, offenen und vielfältigen europäischen Gesellschaft. Sie verbindet Forschung, Lehre und Transfer mit dem Anspruch, Europa als vernetzten, dynamischen und von Vielfalt geprägten Raum zu denken und aktiv mitzugestalten.

Erfreulicherweise wurden bei den deutsch-polnischen Regierungskonsultationen im vergangenen Dezember auch Wissenschaft und Hochschulen ausdrücklich thematisiert. Deshalb sind wir zuversichtlich, dass in den kommenden Jahren weitere Fortschritte möglich sind.

Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die mittelalterliche Geschichte Osteuropas. Kann der Blick ins Mittelalter helfen, die deutsch-polnischen Beziehungen besser zu verstehen?

Ich würde nicht sagen, dass wir Antworten auf heutige politische Fragen im 11. oder 12. Jahrhundert suchen sollten.

Wer jedoch durch Polen reist, begegnet überall Denkmälern polnischer Könige und schlesischer Fürsten. Daran wird deutlich, wie präsent das Mittelalter im kulturellen Gedächtnis Polens bis heute ist. Dieses historische Bewusstsein zu verstehen, ist auch für deutsche Partner wichtig. In Deutschland ist das Geschichtsbewusstsein aus nachvollziehbaren historischen Gründen oft weniger stark ausgeprägt.

Gerade wenn es darum geht, die deutsch-polnischen Beziehungen auf der politischen Ebene weiterzuentwickeln, ist es wichtig, zunächst die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Dazu gehört die Anerkennung, dass eine vertrauensvolle Kooperation und Partnerschaft nur auf der Grundlage eines klaren Geschichtsbewusstseins gelingen kann.

In Berlin wird voraussichtlich bald ein permanentes Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges und der deutschen Besatzungsherrschaft von 1939 bis 1945 gebaut.

Es hat lange gedauert und war ein schwieriger Prozess. Das zeigt auch, wie schwer sich Deutschland manchmal mit eigentlich naheliegenden Schritten tut. Das Denkmal und das Haus der deutsch-polnischen Geschichte hätten durchaus früher umgesetzt werden können.

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Ebenso hätte die sogenannte humanitäre Geste gegenüber den noch rund 50.000 lebenden Opfern der deutschen Besatzung in Polen längst umgesetzt werden können. Dass dies bis heute nicht geschehen ist, ist schwer nachvollziehbar.

Sie haben selbst in Polen gelebt und gearbeitet. Gibt es etwas, das Sie besonders geprägt hat oder von dem Deutschland lernen könnte?

Ich beschäftige mich seit den 1970er-Jahren mit Polen. Bis heute beeindrucken mich der Pragmatismus und der Optimismus vieler Menschen dort. Das Land hat die Transformation nach 1989 mit großer Energie vorangetrieben und enorme Fortschritte erzielt. Es wird oft weniger diskutiert und mehr umgesetzt. Von dieser Tatkraft könnte Deutschland durchaus etwas lernen.

Die Viadrina hat anlässlich des 35. Jubiläums des Nachbarschaftsvertrags mehrere Veranstaltungen organisiert. Eine davon trug den Titel „Doing Democracy – How We Protect and Shape Democracy Today“. Wie lässt sich die Demokratie in Europa stärken?

Eine zentrale Aufgabe der Viadrina besteht darin, das europäische Projekt durch ihre akademische Arbeit zu fördern.

Gleichzeitig erleben wir in Frankfurt (Oder) und der Region politische Entwicklungen, die uns herausfordern. Rechtspopulistische Strömungen sind hier stark vertreten. Deshalb sehen wir uns als Universität in der Verantwortung, den demokratischen Diskurs zu stärken.

Das tun wir, indem wir unsere Studierenden zu kritisch denkenden Persönlichkeiten ausbilden. Denn Demokratie erfordert kritische Auseinandersetzung, Selbstverständnis, Diskurs, Offenheit. Und all das versuchen wir in unserem praktischen Alltag des Studiums zu entwickeln und zu leben und so dazu beizutragen, diesen Herausforderungen entgegenzutreten.

Vielen Dank für das Gespräch.

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