Nachbarschaft verpflichtet

Vertrag ohne Museum? Wie der Erfolg des deutsch-polnischen Durchbruchs von 1991 zum Opfer seiner eigenen Selbstverständlichkeit wurde

10 Juni 2026, 11:00 Politik

Der Vertrag von 1991 zwischen Deutschland und Polen legte den Grundstein für die moderne Zusammenarbeit beider Länder – politisch, gesellschaftlich und kulturell. Unser Autor Krzysztof Ruchniewicz zeigt, warum dieses Erfolgsdokument trotz seiner Bedeutung in Museen und Erinnerungskultur kaum sichtbar wird.

Am 17. Juni 2026 jährt sich die Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland zum fünfunddreißigsten Mal. Gemeinsam mit dem Grenzvertrag von 1990 wurde dieses Dokument zu einem Grundpfeiler der modernen deutsch-polnischen Beziehungen. Es regelte politische Fragen, ebnete den Weg für die Entwicklung der gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit und schuf die institutionellen Rahmenbedingungen für die Annäherung beider Nationen.

Es ist schwer, in der Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen ein anderes Dokument zu benennen, das einen ähnlich nachhaltigen und positiven Einfluss auf das Alltagsleben der Bürgerinnen und Bürger beider Staaten ausgeübt hätte. Dank dieses Vertrags konnten Städte- und Regionalpartnerschaften entstehen und wachsen, das Deutsch-Polnische Jugendwerk seine Tätigkeit entfalten, wissenschaftliche und akademische Kooperationen ausgebaut, kulturelle Austauschprogramme verwirklicht sowie zahlreiche Nichtregierungsorganisationen aktiv werden. Der Vertrag schuf darüber hinaus die Grundlage für die Stellung der deutschen Minderheit in Polen und der polnischen Gemeinschaft in Deutschland. Ungeachtet ihrer unterschiedlich definierten rechtlichen Stellung gewährleistete er beiden Gruppen weitgehend gleiche Möglichkeiten zur Bewahrung und Pflege ihrer jeweiligen kulturellen Identität.

Der Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit wurde am 17. Juni 1991 unterzeichnet.
Foto: Archiv

Seine Bedeutung reichte weit über die klassische Diplomatie hinaus. Der Vertrag war zugleich Teil eines größeren Projekts: des Aufbaus eines demokratischen Polens, das fest in den westlichen Sicherheitsstrukturen und der europäischen Integration verankert sein sollte. Die Mitgliedschaft Polens in der NATO und in der Europäischen Union wurde auch durch die Normalisierung der Beziehungen zu Deutschland ermöglicht.

Paradoxerweise spiegelt sich die Bedeutung dieses Dokuments jedoch nicht in gleichem Maße in der Erinnerungskultur wider. Während Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg, der Fall der Berliner Mauer, die Solidarność-Bewegung oder die Versöhnungsmesse in Kreisau Gegenstand zahlreicher Museumspräsentationen und Sonderausstellungen geworden sind, bleibt der Vertrag selbst im Ausstellungswesen vergleichsweise wenig präsent. Er ist zu einer Art transparenter Konstruktion der Nachbarschaft geworden – zu einer Struktur, die so tief in den Alltag eingegangen ist, dass sie für das Auge des durchschnittlichen Betrachters der Erinnerungskultur nahezu unsichtbar geworden ist.

Der Vertrag wurde in gewisser Weise Opfer seines eigenen Erfolgs.

Das bedeutet jedoch nicht, dass er vollständig verschwunden wäre. Die Folgen seines Wirkens sind auf zahlreichen Ausstellungen zu deutsch-polnischen Beziehungen, Versöhnung, europäischer Integration oder grenzüberschreitender Zusammenarbeit präsent. Das Problem besteht vielmehr darin, dass das Dokument selbst nur selten zum Hauptakteur einer musealen Erzählung wird. Meist fungiert es als kompositorische Achse und inhaltliches Fundament, auf dem andere, spektakulärere Geschichten aufgebaut werden.

Ein gutes Beispiel hierfür ist das Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen in Polen in Oppeln. Die 2022 eröffnete Dauerausstellung „Deutsche in Polen – Geschichte und Gegenwart“ gehört zu den wichtigsten musealen Projekten, die sich mit der Geschichte und Gegenwart der deutschen Minderheit befassen. Der letzte Teil der Ausstellung zeigt den Wiederaufbau des organisatorischen Lebens der Deutschen nach 1989, die Entwicklung ihrer Institutionen, ihrer kulturellen und pädagogischen Aktivitäten sowie ihren Platz im heutigen Polen.

All diese Prozesse standen in unmittelbarem Zusammenhang mit der neuen Phase der deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Umbruch von 1989 und mit den gemeinsamen Beschlüssen vom 17. Juni 1991. Zugleich bleibt der Vertrag an diesem Ort vor allem durch seine Folgen präsent.

Ein ähnlicher Mechanismus lässt sich auch bei anderen Ausstellungsprojekten beobachten. Dies gilt sowohl für Präsentationen zu Kreisau und dem Versöhnungsprozess als auch für Ausstellungen zur Geschichte der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, der europäischen Integration oder der Zivilgesellschaft. Das Dokument von 1991 bildet dort einen unverzichtbaren Ausgangspunkt, wird jedoch nur selten selbst zum Gegenstand musealer Reflexion.

Vor diesem Hintergrund kommt Kreisau eine besondere Rolle zu. Gerade dort wurden die Verträge von 1990 und 1991 in eine umfassendere und dauerhafte historische Erzählung eingebettet, die von der Versöhnungsmesse im November 1989 bis zum Aufbau neuer deutsch-polnischer Beziehungen reicht. Doch auch hier sind sie Teil einer größeren Geschichte über Versöhnung, Dialog und europäische Zusammenarbeit.

Zu dieser musealen Abwesenheit trug auch die sich wandelnde politische Konjunktur in Polen bei. In den vergangenen drei Jahrzehnten betrachteten die jeweiligen Regierungen den Vertrag selbst nur selten als eigenständiges Thema der Erinnerungspolitik. Für liberale und proeuropäische Kreise wurden gute Beziehungen zu Deutschland und die europäische Integration mit der Zeit zu einem so selbstverständlichen Bestandteil der Wirklichkeit, dass sie keiner besonderen symbolischen oder musealen Inszenierung mehr zu bedürfen schienen.

Der Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit wurde am 17. Juni 1991 unterzeichnet.
Foto: Archiv

Konservative und nationalistische Milieus wiederum richteten ihre Aufmerksamkeit stärker auf ungelöste historische Streitfragen, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, Entschädigungsforderungen, das Schicksal der Vertriebenen sowie auf Debatten über die Umsetzung jener Vertragsbestimmungen, die die deutsche Minderheit in Polen und die polnische Gemeinschaft in Deutschland betreffen. Im Mittelpunkt standen dabei insbesondere Fragen des Polnischunterrichts sowie des Status der Polen in der Bundesrepublik Deutschland. Das, was der Vertrag erfolgreich aufgebaut hatte, erschien demgegenüber wenig interessant.

Infolgedessen befand sich der Vertrag von 1991 häufig zwischen diesen beiden Perspektiven: Er wurde zwar als wichtig anerkannt, jedoch nur selten als eigenständiger Protagonist einer historischen Erzählung behandelt. Dies bedeutet selbstverständlich nicht, dass es keinerlei Jubiläumsinitiativen gegeben hätte. Dennoch erhielten staatliche Museen vergleichsweise selten den Impuls, eine große Ausstellung zu schaffen, die ausschließlich der Geschichte und Bedeutung der beiden Verträge von 1990 und 1991 gewidmet gewesen wäre.

Neben den politischen Gründen lassen sich weitere Ursachen für diesen Zustand benennen. Erstens begegnet man hier einem für Kuratorinnen und Kuratoren grundlegenden „Problem des Exponats“. Museen leben von Objekten, die Geschichte und emotionale Bedeutung in sich tragen. Der Krieg verfügt über Uniformen, die Solidarność über Vervielfältigungsgeräte, und der politische Umbruch über Fragmente der zerstörten Berliner Mauer.

Ein internationaler Vertrag hingegen besitzt lediglich die Anzüge der Diplomaten, Füllfederhalter und bedruckte amtliche Papierseiten. Internationale Dokumente und Verhandlungsprozesse stellen von Natur aus ein äußerst schwieriges und abstraktes Ausstellungsmaterial dar. Weitaus leichter lassen sich museale Erzählungen um Konflikte, dramatische Ereignisse, individuelle Schicksale oder symbolische Erinnerungsorte aufbauen.

„Ans Licht!“– ein neuer Blick auf die Geschichte Oberschlesiens
Nachbarschaft verpflichtet

„Ans Licht!“– ein neuer Blick auf die Geschichte Oberschlesiens

Mehr lesen →
Nicht nur „Hitler-Verbrechen“: Zum Diskurs von Erinnerung und Verantwortung
Nachbarschaft verpflichtet

Nicht nur „Hitler-Verbrechen“: Zum Diskurs von Erinnerung und Verantwortung

Mehr lesen →

Zweitens wurde der Vertrag in gewisser Weise zum Opfer seines eigenen Erfolgs. Viele seiner Bestimmungen wurden so erfolgreich umgesetzt, dass ihre Ergebnisse zunehmend als natürlicher, nahezu transparenter Bestandteil des Alltags wahrgenommen wurden – als etwas, das ohnehin selbstverständlich schien. Offene Grenzen, Jugendbegegnungen, die Zusammenarbeit von Hochschulen oder Partnerschaften zwischen Kommunen wurden nicht mehr als Ergebnis konkreter und mutiger politischer Entscheidungen verstanden, die Anfang der 1990er Jahre getroffen worden waren.

Dreieinhalb Jahrzehnte deutsch-polnischer Zusammenarbeit liefern inzwischen genügend reichhaltiges Material, um nicht nur die Entstehungsgeschichte beider Verträge zu erzählen, sondern auch die Geschichte jener Welt, die durch sie erst möglich wurde. Diese wegweisenden Dokumente verdienen ihren Platz nicht nur in Archiven, Schulbüchern und wissenschaftlichen Publikationen, sondern ebenso in Museen und im öffentlichen Raum.

Fünfunddreißig Jahre später lohnt es sich, daran zu erinnern, wie tragfähig diese transparente Konstruktion der Nachbarschaft geworden ist.

Über den Autor

Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Professor an der Universität Breslau. Seit April 2026 ist er zudem als DAAD-Gastprofessor an der Ruhr-Universität Bochum tätig. Bis 2024 leitete er das Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau; in den Jahren 2024/2025 war er Beauftragter des polnischen Außenministers für die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur deutschen Geschichte sowie zu den polnisch-deutschen Beziehungen mit einem Schwerpunkt auf dem 20. und frühen 21. Jahrhundert.
Für unsere Zeitung verfasst er seit Anfang 2026 regelmäßig die politische Kolumne „Nachbarschaft verpflichtet“, in der er sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen auseinandersetzt.

Über den Autor
Teilen:
Blumenwiese auf der DFK-Wand
vorheriger Artikel

Blumenwiese auf der DFK-Wand

Ansichtssache