Dreifaltigkeitssonntag – Hochfest

Wort zum Sonntag von Pfarrer Dr. habil. Peter Tarlinski

31 Mai 2026, 05:00 Kirche

Lesung: Ex 34, 4b.5–6.8–9
Lesung: 2 Kor 13, 11–13
Evangelium: Joh 3, 16–18

Das Geheimnis der Liebe, die Vater, Sohn und Heiliger Geist ist

Es gibt Geheimnisse, die der Mensch nicht löst, sondern aus denen er lebt. Ein solches Geheimnis ist die Heilige Dreifaltigkeit. Sie ist weder ein theologisches Rätsel noch eine abstrakte Theorie, die von Gelehrten erdacht wurde. Sie ist das lebendige Herz des Christentums. Alles, was die Kirche bekennt, feiert und verkündet, hat seinen Ursprung im Vater, offenbart sich im Sohn und wird der Welt durch den Heiligen Geist geschenkt. Der Zweite Korintherbrief, der am Hochfest der Heiligsten Dreifaltigkeit gelesen wird, enthält folgende Worte: „Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.“ Auch der Evangelist Matthäus überliefert Worte Jesu an seine Jünger, die den Glauben an den einen Gott in drei Personen zum Ausdruck bringen: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19). Über die Christen schreibt der Apostel Petrus, dass jede und jeder von ihnen „nach dem Vorauswissen Gottes, des Vaters, durch die Heiligung des Geistes zum Gehorsam und zur Besprengung mit dem Blut Jesu Christi erwählt“ ist (vgl. 1 Petr 1,1–2). Das Geheimnis der Dreifaltigkeit ist das Geheimnis der Liebe Gottes, der dem Menschen nahe sein wollte.

Einheit und Licht

Eines der schönsten Bilder für dieses Geheimnis ist das Symbol des Lichtes. Der Vater ist wie eine unerschöpfliche Quelle des Lichtes. Der Sohn ist der Strahl, der aus dieser Quelle hervorgeht, das vollkommene Abbild des Vaters. Der Heilige Geist wiederum ist die Wärme und der Glanz, die sich über die ganze Welt ausbreiten. Es sind nicht drei Lichter, sondern ein einziges Licht. Es sind nicht drei Götter, sondern ein einziger Gott. So versuchten die heiligen Kirchenväter Basilius der Große, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa, das Geheimnis der Dreifaltigkeit zu erklären. In ihren Schriften erscheint die Dreifaltigkeit als vollkommene Einheit von Personen, die voneinander unterschieden und zugleich in der Liebe vollkommen geeint sind.

Das Christentum glaubt nicht an einen einsamen Gott. Im Herzen des göttlichen Lebens besteht eine tiefe und ewige Beziehung. Der Vater zeugt von Ewigkeit her den Sohn. Der Sohn antwortet dem Vater von Ewigkeit her mit vollkommener Liebe und Hingabe. Der Heilige Geist ist das Band dieser Liebe, ihr persönlicher Hauch und ihre Gabe. Schon der heilige Irenäus von Lyon betonte, dass der Vater in der Welt durch seine „zwei Hände“ wirkt – den Sohn und den Heiligen Geist. So wird die gesamte Geschichte der Menschheit zur Geschichte des göttlichen Entgegenkommens, zur Geschichte eines Gottes, der auf den Menschen immer wieder zugeht.

Gott Vater – der Ursprung von allem

Der Vater ist der Ursprung von allem. Von ihm gehen die Schöpfung, das Leben und die Berufung jedes Menschen aus. In einer Welt voller Unsicherheit erinnert uns der Glaube daran, dass die Wirklichkeit nicht das Werk des Zufalls ist. An ihrem Anfang steht Gott, der Vater. Jesus hat ihn nicht als einen fernen Herrscher offenbart, sondern als einen liebenden Vater, der jedes seiner Kinder kennt. Gerade dies gehörte zu den revolutionärsten Botschaften des Evangeliums. Gott ist weder eine anonyme Macht noch eine unpersönliche Energie. Er ist der Vater, der den Menschen sucht und niemals aufhört, ihn zu lieben. Johannes Paul II. erinnerte immer wieder daran, dass der Mensch sich selbst erkennt, wenn er beginnt, Gott als Vater zu entdecken. In einer Welt, die von Erfahrungen der Einsamkeit und von Krisen menschlicher Beziehungen geprägt ist, wies der Papst darauf hin, dass die Quelle der menschlichen Würde gerade in der väterlichen Liebe Gottes liegt. Jeder Mensch ist von Ewigkeit her gedacht, gewollt und geliebt.

Sohn Gottes – der sichtbare Gott, der liebt

Der Sohn Gottes offenbart das Antlitz des Vaters. Zu dem Apostel Philippus sagt Jesus: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14,9). In Jesus Christus wird der unsichtbare Gott sichtbar. Der Sohn spricht nicht nur vom Vater – er zeigt ihn durch sein Leben. In seinen Gesten des Mitgefühls, der Vergebung und der Barmherzigkeit entdeckt der Mensch, wie Gott wirklich ist. Die Kirchenväter verglichen Christus oft mit einer Ikone des Vaters. So wie eine Ikone den Blick auf die unsichtbare Wirklichkeit lenkt, so führt Jesus den Menschen zum Vater.

In einer Welt voller Unsicherheit erinnert uns der Glaube daran, dass die Wirklichkeit nicht das Werk des Zufalls ist

Das Kreuz Jesu wird zur vollkommensten Offenbarung der göttlichen Liebe. Christus, der auf Golgota stirbt, legt sein menschliches Leben vertrauensvoll in die Hände Gottes, des Vaters. Durch das Kreuz schauen wir auf einen Gott, der bis zur Vollendung liebt. Benedikt XVI. erinnerte in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est daran, dass das Christentum nicht mit einer Idee oder einem moralischen System beginnt. Sein Anfang liegt in der Begegnung mit einer Person. Diese Person ist Jesus Christus. In ihm entdeckt der Mensch, dass Gott Liebe ist. Er liebt nicht nur – er ist die Liebe selbst.

Der Heilige Geist – Hauch des Lebens

Der Heilige Geist bleibt oft die verborgenste Person der Heiligen Dreifaltigkeit. Er spricht nicht mit eigener Stimme, sondern erinnert an die Worte Christi. Er lenkt die Aufmerksamkeit nicht auf sich selbst, sondern führt zum Vater und zum Sohn. Er ist wie der Wind: unsichtbar für die Augen, und doch an seiner Wirkung deutlich zu erkennen. Der heilige Basilius der Große schrieb, dass der Heilige Geist Licht für den Verstand und Leben für die Seele ist. Er ist es, der das Herz des Menschen verwandelt. Er ist es, der Heiligkeit hervorbringt. Durch ihn bleibt das Evangelium nicht bloß ein auf den Seiten eines Buches niedergeschriebener Text, sondern wird zu einem lebendigen Wort, das die Kraft besitzt, das menschliche Leben zu verwandeln.

Papst Franziskus hat immer wieder betont, dass der Heilige Geist die „große Kraft der Evangelisierung“ ist. Er schenkt den Mut zum Zeugnis, inspiriert zur Liebe und baut die Einheit der Kirche auf. Wo der Mensch sich im Egoismus verschließt, öffnet der Geist ihn für die Hingabe an andere. Wo Spaltung entsteht, stiftet der Geist Einheit. Im Blick auf die Heilige Dreifaltigkeit entdeckt der Mensch zugleich die Wahrheit über sich selbst: Er ist zur Liebe geschaffen. Seine Erfüllung findet er nicht in Isolation und Einsamkeit, sondern in der Hingabe seiner selbst. Jeder Mensch findet zur eigenen Menschlichkeit, wenn er für andere zu einer selbstlosen Gabe wird. Die Wurzeln dieser Wahrheit reichen bis in das Leben der Heiligen Dreifaltigkeit hinein.

Die vollkommene Gemeinschaft der Liebe

Wenn die Kirche das Kreuzzeichen macht und die Worte spricht: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, wiederholt sie nicht lediglich eine religiöse Formel. Sie bekennt die tiefste Wahrheit ihres Glaubens. Am Ursprung von allem steht der Vater. Im Mittelpunkt der Geschichte ist der Sohn gegenwärtig. Im Herzen der Kirche wirkt der Heilige Geist. Und über der ganzen Schöpfung erklingt der ewige Lobgesang auf die Liebe Gottes, der einer ist und zugleich dreifaltig. Darum kehrt das Christentum seit zweitausend Jahren immer wieder zu demselben Glaubensbekenntnis zurück: Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist – die vollkommene Gemeinschaft der Liebe, aus der alles hervorgeht und auf die alles hingeordnet bleibt.

Pfarrer Dr. habil. Peter Tarlinski

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