„Die Geschichte endet nie“
Wenn man die Gemeindliche Heimatstube in Zembowitz betritt, betritt man kein Museum. Man betritt die private Welt der Bewohner, die seit 20 Jahren von Gerard Wons mit Pietät zusammengesetzt wird. Er, zunächst als Lehrer, Mitglied des DFK, heute als engagierter Bürger, hat dafür gesorgt, dass Gegenstände, die in einer Scheune dem Vergessen anheimgegeben waren, zu stolzen Zeugen der Geschichte wurden.
Herr Wons, wenn man diese Hunderte von Exponaten sieht, kann man kaum glauben, dass hier einst Leere herrschte. Wie ist es Ihnen gelungen, die Menschen zu überzeugen, ihre Schätze aus den Dachböden zu holen?
Am Anfang war es überhaupt nicht leicht. Als ich vor 20 Jahren die Idee in den Raum stellte, eine ‚Heimatstube‘ zu machen, hörte ich von den älteren Bewohnern: ‚Gerhard, wir haben schon nichts mehr. Das ist alt, verstaubt, wozu soll das gut sein?‘ Aber ich wusste, dass sich unter dieser Staubschicht unsere DNA verbirgt. Wir nutzten das Projekt ‚Schule der Träume‘ und schickten die Schüler los. Es waren die Kinder, die Dachböden, Scheunen und Ställe durchsuchten. Und plötzlich, von einem Tag auf den anderen, begannen Traktoren mit kleinen Anhängern anzukommen. Ich erinnere mich an den Moment – wir trugen Schränke, Kommoden, Bilder herein … Alles war schwarz, kaputt. Das wurde eine richtige ‚Rumpelkammer‘. Aber es war das schönste Durcheinander, das ich je gesehen habe. Wir haben es Zentimeter für Zentimeter gereinigt, bis wir 2006 offiziell unsere Geschichte der Welt zeigen konnten.
Eine der berührendsten Geschichten, die Sie erzählen, ist die von der Tafel eines Gefallenendenkmals. Das klingt fast wie ein Filmdrehbuch.
Denn so sah es aus Wir hatten in Zembowitz ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs – mächtige Findlinge am Teich. Nach dem Krieg ordnete die neue Obrigkeit seine Zerstörung an. Die ursprüngliche Bronzetafel mit den Namen derer, die nicht nach Hause gekehrt waren, sollte verschwinden. Sie wurde unter eine Dachrinne gelegt, damit das Wasser die Mauer nicht unterspülte! Einer der Bauern, dessen Vater im Krieg gefallen war und dessen Name dort stand, konnte das nicht mit ansehen.

Die Heimatstube in Zembowitz während der Nacht der Museen 2026 am 16.05.2026.
Foto: Gminny Ośrodek Kultury – Martyna Blozik
In der Nacht, heimlich, unter großen Risiken, entwendete er die Tafel und versteckte sie tief im Getreidespeicher einer Scheune. Sie lag dort über ein halbes Jahrhundert lang unter dem Heu! Erst kurz vor seinem Tod, im Jahr 2000, übergab mir dieser Herr die Tafel. Heute, nach dem Sandstrahlen, kann sie bei uns jeder sehen. Das ist nicht nur ein Stück Metall, das ist der Schmerz eines Menschen und die Liebe eines Menschen, die die Erinnerung gerettet hat.
Sie haben in Ihrer Sammlung auch Dokumente, die Historikern das Herz höherschlagen lassen. Was ist Ihr größter Stolz?
Unser „Weißer Rabe“ ist eine Beglaubigungsurkunde der Kanzlei des Fürstentums Oppeln-Ratibor aus dem Jahr 1712. Das ist das älteste Dokument in der Stube. Aber auch die alten Schulchroniken sind sehr wertvoll – zum Beispiel aus Radau oder Zembowitz. Eine von ihnen ist nur deshalb erhalten, weil Professor Zenon Jasiński sie buchstäblich aus dem Altpapier gezogen hat.
Gemeindezentrum für Information, Kultur und Lesewesen in Zembowitz, ul. Izydora Murka 1
Diese Chroniken sind eine Fundgrube des Wissens. Der frühere Hauptlehrer musste dort nicht nur die Noten der Schüler eintragen, sondern auch politische und gesellschaftliche Ereignisse. Wir haben auch einen Vorkriegs-Hauptkatalog, in dem bei jedem Kind vermerkt ist, ob der Vater ein Gärtner oder ein Bauer war. Das erlaubt es uns heute, ganze Stammbäume der Familien aus unserer Gemeinde nachzuzeichnen.
Ihre Leidenschaft ist nicht nur das Sammeln, sondern auch jahrelange pädagogische Arbeit. Sie waren der erste Deutschlehrer in dieser Gegend nach dem Krieg.
Ja, 1990. Das waren „Pionierzeiten“. Es gab keine Lehrbücher, man fuhr nach Gogolin zu Herrn Stanek oder brachte Bücher privat aus Deutschland mit. Ich unterrichtete in Zembowitz, Kadlub und Radau – ich war so ein „Wanderlehrer“.

Die Heimatstube in Zembowitz während der Nacht der Museen 2026 am 16.05.2026. Foto: Gminny Ośrodek Kultury – Martyna Blozik
Diese Arbeit mit Sprache und Geschichte ging bei mir immer Hand in Hand. Ich wusste, dass ich, wenn ich die Sprache lehre, diesen Kindern auch das Fundament zeigen muss, auf dem ihre Häuser stehen.

Historische Gegenstände.
Foto: Manuela Leibig
Die Stube hat kürzlich eine große Gebäudesanierung überstanden. Das muss für jemanden, der diese Gegenstände liebt, eine Herausforderung gewesen sein.
Um ehrlich zu sein: Es war schrecklich! Für anderthalb Jahre mussten wir die gesamte Sammlung in die alte Turnhalle der Schule verlegen. Stellen Sie sich das Einpacken dieses empfindlichen Porzellans vor, das Tragen der schweren Schränke, das Sichern der Bilder … Wir haben das mit bürgerschaftlichem Engagement geschafft.
„Heute ist die Stube Teil des modernen Kulturzentrums. Dieser Ort lebt – hier finden Treffen des DFK, Ratssitzungen statt, und gleichzeitig spürt man zwischen den Schränken den Geist des alten Schlesiens.“
Gemeinderäte, Gemeindemitarbeiter, Freunde aus der deutschen Minderheit halfen mit. Aber es hat sich gelohnt. Heute ist die Stube Teil des modernen Kulturzentrums. Dieser Ort lebt – hier finden Treffen des DFK, Ratssitzungen statt, und gleichzeitig spürt man zwischen den Schränken den Geist des alten Schlesiens.
Fühlen Sie nach diesen 20 Jahren, dass die Mission erfüllt ist?
Die Geschichte endet nie. Es kommt ständig etwas dazu. Zuletzt zum Beispiel diese außergewöhnlichen Schönwald-Trachten, die sogar aus Hessen zu uns kamen, von den Nachkommen ehemaliger Bewohner des heutigen Gleiwitzer Stadtteils Schönwald.

Izba Pamięci w Zębowicach podczas tegorocznej Nocy Muzeów
Foto: Gminny Ośrodek Kultury – Martyna Blozik
Das Museum in Gleiwitz besitzt kein einziges Exemplar, aber wir haben eines! Das zeigt, dass unsere Stube ein wichtiger Punkt auf der Landkarte der Region ist. Solange die Kräfte reichen, werde ich hier putzen, Führungen geben und erzählen, denn diese Gegenstände sind ohne die dazugehörige Geschichte nur tote Dinge. Wir geben ihnen das Leben.
Die Heimatstube befindet sich im Gemeindezentrum für Information, Kultur und Lesewesen in Zembowitz, ul. Izydora Murka 1
Das Gespräch führte Manuela Leibig