Echte Schlesische Happen

Bevor die Eulenbaude verstummte

16 Mai 2026, 11:00 Geschichte

In einer Zeit, in der wir entschieden zu schnell leben, vermag eine Wanderung in den Bergen unseren Rhythmus für einige Stunden zu verändern und uns in einen ruhigeren Takt eintauchen zu lassen. Ein abendlicher Eierlikör aus frisch aufgeschlagenem Eigelb und schaumig gerührtem Zucker oder Klöße mit Fleisch und Pflaumen-Pilz-Sauce, langsam genossen auf einer verglasten Veranda mit Blick auf die Landschaft des Eulengebirges – solche Bilder kommen mir in den Sinn, wenn ich an jene Augenblicke denke, die ich fernab des alltäglichen Pflichtprogramms besonders schätze.

Das Eulengebirge besitzt etwas zugleich Magisches, Raues und Wildes. Wie ein Magnet zieht es all jene an, die im Frühling in das überquellende Grün der Wälder und Kräuterwiesen eintauchen möchten.

Versetzen wir uns an die Jahrhundertwende unter die Hohe Eule, bevor das Stimmengewirr in der „Eulenbaude“ endgültig verstummte. Die Herberge wurde vom Eulengebirgsverein gegründet und am 11. April 1897 eröffnet. Das auf 880 Metern Höhe gelegene Holzgebäude verfügte zunächst über zwei Gasträume und fünf Zimmer für insgesamt acht Übernachtungsgäste und war anfangs nur bis zum Herbst geöffnet. In den folgenden Jahren wurde die Baude zum Ganzjahresbetrieb ausgebaut, um der wachsenden Zahl von Wintersportfreunden gerecht zu werden. Bereits in der zweiten Saison entstand zudem ein großer Büfettbereich mit rund 300 Sitzplätzen.

Anzeige im „Eulengebirgsfreund“ (1910).
Quelle: Digitale Bibliothek der Universität Breslau

Auf der malerischen Terrasse oder der verglasten Veranda dürfte damals alles besonders gut geschmeckt haben. Darauf weist auch ein Bericht der Zeitung „Oberschlesische Volksstimme“ aus dem Jahr 1928 hin: Die Maiwanderung habe herrliche Ausblicke und eine Gastronomie geboten, „die jeden Magen zufriedenstellt“, während Speisen und Getränke von ausgezeichneter Qualität gewesen seien. Der Wirt Fritz Nicolaus habe alles darangesetzt, jeden Gast bestens zu bewirten. Kein Wunder also, dass die Reisegruppe erst nach zweieinhalb Stunden geselligen Beisammenseins weiterzog.

Zwischen Veranda, Waldmeister und Bergidylle

Der Eulengebirgsverein verpachtete die Baude. Ihr erster Wirt war Erich Göbel, später folgten Heinrich Vogel, Carl Barwanietz, Paul Grunwald (1910–1915), der bereits erwähnte Fritz Nicolaus (1915–1940) sowie Paul Dammfeld (1940–1945).

Herberge „Sowa“ im Jahr 2020.
Foto: Małgorzata Janik

Die Versorgung der Baude erfolgte im Winter mit Pferdeschlitten, in den übrigen Jahreszeiten konnte man sie bereits mit dem Auto erreichen. Doch auch die Gastronomie hatte schwierige Zeiten zu überstehen: Im April 1918 beantragte der damalige Pächter beim Verein die Genehmigung zum Bau eines Viehstalls und zur Anlage eines Gemüsegartens. Ursache waren erhebliche Probleme bei der Lebensmittelversorgung der Herberge. Auf alten Postkarten und historischen Fotografien wurden bedeutende Momente aus dem Leben der Baude festgehalten. Manche zeigen die Gemüsebeete vor dem Haus, andere unvergessliche Weihnachtsfeiern der Vereine „Ski-Club Reichenbach“ und „Skizunft Reichenbach“, sonnige und dennoch schneereiche Osterfeste, Pfingstfeiern oder ausgelassene Silvesterabende mit Feuerwerk und Tanz. Ebenso häufig traf sich hier der Eulengebirgsverein zu Versammlungen und Vorstandssitzungen. Dank der guten Infrastruktur fanden rund um die Baude Turnwanderungen, Schulwanderungen und im Winter Skiwettkämpfe statt, deren Strecke direkt an der Herberge vorbeiführte.

Wintersport, Vereinsleben und Festkultur

Wer heute im Mai durch die Wälder wandert, entdeckt ganze Waldmeister-Teppiche. Früher wurde das Kraut zum Aromatisieren der traditionellen Maibowle und des beliebten Likörs „Waldmeister“ verwendet. Seine hellgrüne Farbe, das unverwechselbar frische Aroma und der milde Geschmack passen perfekt zu Frühlingsfesten. Vielleicht genossen einst auch die Gäste der „Eulenbaude“ auf der Aussichtsterrasse ein Getränk mit Waldmeister?

Zwischen Waldmeisterduft, Bergwanderungen und Vereinsleben lebt die Erinnerung an die einstige „Eulenbaude“ bis heute weiter.

Oder bestrichen zum Frühstück ihr Brot mit süßem Waldmeistergelee? Der Waldmeister ist heute beinahe vergessen. Deshalb lohnt es sich, beim Spaziergang den Blick unter die Bäume schweifen zu lassen und nach der kleinen Pflanze mit ihren weißen Blüten und sternförmig angeordneten Blättern Ausschau zu halten. Kulinarisch eingesetzt, kann sie Gäste durchaus überraschen. Alte schlesische Kochbücher liefern dafür inspirierende Anregungen und lassen viel Raum für Kreativität.

Der Geschmack des Frühlings

Maibowle

Zarter Waldmeister, noch kaum blühend, wird nach dem Abschneiden der Stängel in Weißwein gelegt und etwa zwei Stunden ziehen gelassen. Danach entfernt man das Kraut wieder. Zusätzliche Zutaten würden sein feines Aroma überdecken, doch Orangenscheiben oder Apfelblüten können dekorativ auf die Gläser gelegt werden.

Maibowle mit Weißwein aus dem niederschlesischen Weinkeller „55-100“ und Waldmeistergelee.
Foto: Michał Janik

Waldmeistergelee

Das Kraut etwa zwölf Stunden antrocknen lassen, damit sich sein Aroma entfalten kann. Anschließend den Waldmeister in einen Topf geben, mit 750 ml Wasser übergießen, Zitronenscheiben hinzufügen und weitere zwölf Stunden ziehen lassen. Danach Waldmeister und Zitrone entfernen, die Flüssigkeit mit Gelierzucker aufkochen, in sterilisierte Gläser füllen und sofort verschließen.

Die heutige Baude „Sowa“, einstige „Eulenbaude“, steht seit einigen Jahren leer, und ihr weiteres Schicksal ist ungewiss. Eines jedoch bleibt sicher: Der Waldmeister kehrt jedes Frühjahr zuverlässig in die Wälder zurück – und verdient einen Platz auf dem Frühlingstisch.

Małgorzata Janik

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