Zwischen Deutschland und Polen, Alltag und Reisen, Arbeit und Leidenschaft: Mirko aus Detmold und Ewa aus Częstochowa haben sich für ein Leben entschieden, das sich nicht auf einen Ort festlegen lässt. Kennengelernt in Wrocław, pendeln sie heute zwischen Düsseldorf und der niederschlesischen Metropole – und zeigen auf ihrem Blog WroclawGuide.com, wie vielfältig und überraschend die Stadt jenseits klassischer Reiseführer ist. Im Gespräch erzählen sie, warum Breslau für sie mehr ist als nur ein Wohnort, wie sich ihr Blick auf Polen verändert hat und weshalb sie bewusst unabhängig bleiben, wenn sie Restaurants und Orte empfehlen.
Neues Wochenblatt.pl: Mirko und Ewa, ihr schreibt einen Blog, der sich vor allem mit Breslau beschäftigt. Was macht die Stadt besonders?
Mirko: Ich liebe die Stadt, weil sie sehr kompakt ist. Vieles ist fußläufig erreichbar, besonders in der Altstadt. Breslau erinnert mich ein bisschen an meine Heimatstadt Detmold – ein Marktplatz, Straßen in alle Richtungen, fertig. Dazu kommt die junge Atmosphäre: viele Cafés, moderne Infrastruktur.
Natürlich wächst die Stadt nach außen hin stark, und in den Außenvierteln hat man jeweils eigene kleine Nachbarschaften, in denen man alles findet. Aber im Zentrum trifft man ständig zufällig Leute, die man kennt. Das kulturelle Angebot ist riesig: gute Kinos, Filmfestivals, Konzerte.
Und dann das Wasser: Ich liebe die Oder. Wassersport, Kajakfahren – das gibt mir eine große Ruhe.
Ewa: Dem kann ich nur zustimmen. Meine ersten Eindrücke von Breslau liegen etwa 15 Jahre zurück, als ich hier Freunde besucht habe. Ich erinnere mich, wie ich auf der Sandinsel (Wyspa Słodowa) saß, mit Blick auf die Universität – dieses Gefühl von Jugend und Energie. Und ich finde, diese Atmosphäre ist immer noch da. Vielleicht werden wir älter, aber die Stadt bleibt lebendig und besonders.
Nwb: Ihr lebt aber beide nicht nur in Breslau, sondern auch noch in Düsseldorf. Wie organisiert ihr euren Alltag zwischen den beiden Städten?
Mirko: Ich arbeite hauptsächlich in Deutschland, aber auf europäischer Ebene – ich reise viel. Weil wir außerdem auch privat gerne reisen, sind wir selten lange am selben Ort. In Düsseldorf habe ich noch meine Wohnung und mein Büro, aber insgesamt ist alles ziemlich flexibel.
Ewa: Ich arbeite in Breslau und fahre meist an Wochenenden oder verlängerten Wochenenden nach Düsseldorf.
Mirko: Wir sprechen natürlich auch darüber, ob wir uns irgendwann für eine Stadt entscheiden wollen. Aber solange wir diese Entscheidung nicht treffen müssen und es für uns so funktioniert, ist das ein Luxus.

Die Idee für ihren Blog entstand aus dem Wunsch, zu zeigen, was Breslau abseits der bekannten Wege zu bieten hat.
Foto: privat
Nwb: Wenn ihr euch für eine Stadt entscheiden müsstet, welche würdet ihr wählen?
Mirko: Beide Städte sind für mich Städte der Wahl, und ich mag beide aus unterschiedlichen Gründen sehr. Wenn ich mich aber entscheiden müsste, dann wäre es definitiv Breslau.
Ewa: Das Leben in Deutschland ist vielleicht etwas weniger hektisch. Zumindest hat Düsseldorf eine eher ruhige Atmosphäre, ruhiger als in Breslau, vielleicht auch weniger lebendig. Aber das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich dort vor allem an den Wochenenden bin. Wenn Mirko nach Deutschland fährt, ist es eher beruflich, wenn ich nach Düsseldorf fahre, dann meist zum Entspannen oder um Zeit mit Freunden zu verbringen. Dann bin ich weniger gestresst. Ich mag Düsseldorf deshalb sehr. Aber ja, Breslau ist auch meine Stadt der Wahl.
Nwb: Ihr lebt seit mehreren Jahren zwischen beiden Städten und seid in dieser Zeit auch viel zwischen Deutschland und Polen gereist. Gab es aus eurer Sicht eine Entwicklung – zum Beispiel darin, wie bekannt Polen in Deutschland ist?
Mirko: Noch vor ein paar Jahren hätte ich gesagt, dass die Mehrheit der Deutschen von allen Nachbarländern Polen am wenigsten besucht hat, weil sie es einfach nicht kennen. Ich nehme mich davon selbst nicht aus. Als ich das erste Mal in Breslau war, war alles ganz anders, als ich erwartet hatte – viel moderner, die Menschen viel positiver und alles viel lebendiger. Ich kann gar nicht genau sagen, woher das Bild stammte, das ich damals von Polen hatte. Es hat mich absolut positiv überrascht. Und genau deshalb bin ich auch immer wieder zurückgekommen.
Polen war wahrscheinlich viele Jahre lang gar nicht wirklich auf dem Radar. Aber vielleicht ändert sich das gerade ein bisschen. In manchen Ländern sind die Kosten für einen Kurztrip stark gestiegen. Polen ist trotz Inflation im Vergleich immer noch erschwinglich.
„Als ich das erste Mal in Breslau war, war alles ganz anders, als ich erwartet hatte – viel moderner, die Menschen viel positiver und alles viel lebendiger.“
Mirko
Ewa: Wenn jemand nach Polen zieht, stelle ich oft die Frage, warum sich die Person gerade für Polen entschieden hat. Ich glaube, viele Polen haben noch immer ein bisschen das Gefühl, dass wir vielleicht nicht zu den Top-Ländern in Europa gehören. Einige polnische Städte zählen allerdings zu meinen absoluten Lieblingsstädten in Europa. Das Essen ist großartig, die Menschen sind freundlich und die Architektur ist wunderschön. Ich sehe also definitiv die Attraktivität. Und alle unsere Freunde, die uns besuchen und nicht aus Polen kommen, finden Breslau großartig. Und dann kommen sie wieder – nicht nur, um uns zu besuchen, sondern weil ihnen die Stadt wirklich gefällt.
Nwb: Würdet ihr also sagen, dass Polen insgesamt – und auch Breslau – noch unterschätzt ist?
Mirko: Ja, generell wissen Polen mehr über Deutschland als Deutsche über Polen. Wir versuchen in unserem kleinen Rahmen, das ein bisschen zu ändern und die Leute neugierig zu machen.
Nwb: Euer Blog ist sehr umfangreich – Restaurants, Cafés, verschiedene Aktivitäten in und um Breslau. Wie hat das angefangen?
Mirko: Wir hatten 2019 während eines Urlaubs in Mexiko beschlossen, dass wir gern etwas Kreatives zusammen machen würden. Dann, wieder in Breslau, saßen wir eines Tages in einem Café und hörten eine deutsche Gruppe sagen: „Es ist so schwer, hier gute vegetarische Restaurants zu finden.“ Wir dachten uns: „Das stimmt nicht – man muss nur wissen, wo man suchen muss.“ Also beschlossen wir, einen Blog zu starten und unsere Lieblingsorte zu sammeln.
Mit ein paar ersten Zusammenstellungen hatten wir angefangen. Und dann kam COVID – und plötzlich kam niemand mehr.
Ewa: Schlussendlich hat uns das aber auch ermöglicht, den Blog ohne Druck Schritt für Schritt aufzubauen.

Mirko und Ewa leben in zwei Städten – Breslau und Düsseldorf. Breslau bezeichnen sie jedoch als ihre Stadt der Wahl. Sie schreiben gemeinsam den Blog „Wroclawguide“.
Quelle: privat
Nwb: Und wie geht ihr dabei vor? Habt ihr ein System, nach dem ihr euch Orte anschaut?
Ewa: Alle Einträge auf der Website sind Orte oder Restaurants, die wir selbst besucht haben und wirklich gut finden. Wenn wir sehen, dass irgendwo ein neues Restaurant eröffnet, das interessant klingt, dann kommt es auf unsere To-do-Liste. Und wenn wir in der Gegend sind oder Zeit haben, probieren wir es aus.
Alles in allem ist es ein sehr natürlicher Prozess. Wir gehen viel aus, aber am Ende entsteht daraus einfach ein Artikel. Wenn uns Freunde mit Kindern besuchen, nutzen wir außerdem gerne die Gelegenheit, Dinge auszuprobieren, die wir sonst nicht unbedingt testen würden.
Mirko: Am Anfang – in den ersten zwei, drei Jahren – haben wir uns durchaus auch überlegt, was nützlich ist und wonach Menschen suchen. So kamen zuerst viele neue Kategorien hinzu.
Irgendwann hat sich das dann hin zum Aktualisieren der bestehenden Inhalte verschoben. Denn natürlich schließen Orte, oder wir kommen zurück und sind enttäuscht. Dann gehen wir manchmal noch ein zweites Mal hin und schauen, ob sich etwas verändert hat. Und manchmal entfernen wir etwas und ersetzen es durch etwas Neues, das dazugekommen ist. Uns ist es wichtig, dass alles möglichst aktuell bleibt.
Nwb: Werdet ihr manchmal auch von Restaurants kontaktiert?
Mirko: Manchmal. Aber wir nehmen Einladungen normalerweise nicht an. Wir wollen unabhängig bleiben und gehen lieber anonym hin und bezahlen selbst. So bekommt man realistischere Eindrücke.
Nwb: Euer Blog ist nur auf Deutsch und Englisch – gäbe es nicht auch ein Publikum auf Polnisch? Die Zahlen zeigen ja, dass etwa 75 Prozent der Touristen, die Breslau besuchen, aus Polen kommen.
Mirko: Natürlich haben wir darüber nachgedacht. Aber zuerst ging es uns darum, Informationen auf Deutsch zu sammeln, die über die offensichtlichen Dinge hinausgehen. Man findet Informationen über den Marktplatz oder die Markthalle, aber wir wollten auch andere Seiten von Breslau zeigen, die nicht so offensichtlich sind.
Und weil es schon so viel auf Polnisch gibt, haben wir das eher nach hinten gestellt. Jetzt ist es eine Frage der Zeit. Da wir beide normale Jobs haben, ist der Blog für uns ein Hobby.
„Alle unsere Freunde, die uns besuchen und nicht aus Polen kommen, finden Breslau großartig. Und dann kommen sie wieder.“
Ewa
Ewa: Englisch kam nur dazu, weil ich meine Artikel auf Englisch schreibe. Ich spreche Deutsch und verstehe es, aber es ist nicht gut genug, um zu schreiben. Wenn ich schreibe, dann immer auf Englisch, und Mirko übersetzt ins Deutsche.
Nwb: Die ursprüngliche Idee war also ein Blog auf Deutsch?
Mirko: Genau, und auch einer, der sich mit der Gegenwart der Stadt beschäftigt und nicht nur mit der Geschichte. Viele Deutsche verbinden die Stadt mit der Vergangenheit. Wir wollen teilen, was wir an der Stadt, in der wir leben, mögen.
Nwb: Ihr habt aber auch historische Themen aufgenommen, zum Beispiel den Spaziergang durch Nadodrze.
Mirko: Ja, den Spaziergang haben wir während der COVID-Pandemie entwickelt, weil wir damals auch die deutschen Schriftzüge überall gesehen haben. Und zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine strukturierten Karten. Mittlerweile gibt es verschiedene Projekte zu dem Thema.
Wir haben überlegt, was wir machen können, als Restaurants geschlossen waren, und haben gedacht, vielleicht etwas für deutsche Besucher. Wir dachten an Leute, die wegen ihrer Vorfahren kommen, und dass das auch für sie interessant sein könnte.
Nadodrze ist zudem bei Touristen nicht so bekannt, also haben wir einen kleinen Spaziergang entwickelt und diese deutschen Schriftzüge gezeigt.
Und der Spaziergang stößt tatsächlich auf Interesse. Leute beteiligen sich, kommentieren, versuchen zu lesen, was dort steht, und informieren auch über neu entdeckte Inschriften. Die Diskussion ist sehr lebhaft.

Auf dem Blog „Wroclawguide“ stellen Mirko und Ewa einen Spaziergang durch den Stadtteil Nadodrze vor, bei dem sich zahlreiche deutsche Inschriften entdecken lassen. Im Bild: Stop 1 des Spaziergangs.
Foto: M. Oliveira
Nwb: Spielt eurem Eindruck nach die deutsche Geschichte heute eine Rolle in Breslau?
Ewa: Es ist einfach, diesen historischen Teil zu nutzen und Themen daraus zu machen, die meiner Meinung nach nicht so relevant sind. Es gibt Diskussionen, zum Beispiel über Brückennamen. Aber die Mehrheit interessiert sich nicht so sehr dafür.
Nwb: Gibt es nicht in der Popkultur teilweise einen entspannten Umgang mit der Vergangenheit? Es gibt etwa Firmen und Produkte, die deutsche Namen tragen.
Ewa: Ja, es gibt solche kleinen Zeichen, dass man die Vergangenheit berührt. In einem unserer Lieblings-Frühstückslokale „Frajda“ gibt es einen traditionellen Kuchen …
Mirko: … Streuselkuchen oder „Sträselkucha“, eine schlesische Spezialität.
Viele Orte greifen Teile der Geschichte auf. So braut etwa auch unsere lokale Brauerei Browar Stu Mostów ein historisches Bier, den Schöps. Das wurde schon zu deutscher Zeit in Breslau hergestellt.
Wenn mich jemand fragt, wie die Menschen in Polen heute mit der deutschen Vergangenheit der Stadt umgehen, dann antworte ich immer, dass das ganz individuell ist. Es ist eine Frage, die man nicht einfach in Schwarz-Weiß beantworten kann.
Dies kann man beispielsweise auch an den alten Inschriften in Nadodrze sehen. Manche bewahren die alten Schriftzüge, andere nicht. Manche übermalen sie, wieder andere restaurieren den Schriftzug, allerdings mit Rechtschreibfehlern – was dann auch eine Art von Gleichgültigkeit widerspiegelt.
Nwb: Mirko, du hast auch einen alternativen Reiseführer in Buchform herausgebracht. Dieser wurde letztes Jahr aktualisiert. Was ist neu dazugekommen?
Mirko: Im Buch habe ich etwa 100 Orte gesammelt, die man nicht verpassen sollte. Natürlich verändert sich auch immer mal etwas. Zum Beispiel gibt es einen richtig schönen neuen, eher alternativen Ort, die „Toy Piano Gallery“. Ich denke, das ist etwas Besonderes, das man so wahrscheinlich nirgendwo sonst auf der Welt findet.
Nwb: Eine Frage zum Abschluss: Was ist eure Empfehlung für den kommenden Sommer? Gibt es etwas, das man in Breslau auf keinen Fall verpassen sollte?
Mirko: Auf jeden Fall die Beachbars.
Nwb: Welche Beachbar ist gerade angesagt oder welche würdet ihr empfehlen?
Mirko: Es gibt da einen Ort, der erst letztes Jahr eröffnet hat – keine klassische Beachbar, sondern eher eine Art Street-Food-Outdoor-Ecke namens „HUTA“. Sie befindet sich in einer ehemaligen Fabrik und hat daher richtig coole, industrielle Vibes.
Ewa: Ein Event ist auch „Gastro Miasto“, das mehrmals im Jahr stattfindet. Das Food-Festival mit Blick auf die Dominsel verbindet klassische Foodtrucks mit lokalen Restaurants, die dort besondere Varianten ihrer Gerichte anbieten. Es ist daher auch eine gute Gelegenheit, neue Adressen zu entdecken.