Wort zum Sonntag von Pfarrer Dr. Peter Tarlinski

10 Mai 2026, 05:00 Kirche

6. Sonntag der Osterzeit

Lesung: Apg 8, 5–8.14–17
Lesung: 1 Petr 3, 15–18
Evangelium: J 14, 15–21

Der Geist der Wahrheit — wer ist die Wahrheit?

Die Wahrheit ist nicht nur ein Wort, das man ausspricht und das vergeht. Sie ist kein Begriff, den man in einen Satz einschließen kann. Die Wahrheit ist eine Person. Sie ist jemand, der kommt und im Herzen des Menschen zu wohnen beginnt. Es ist der Geist der Wahrheit, den Jesus verheißt. Ein Geist, der sich nicht mit Gewalt aufdrängt, sondern sanft an das Wesentliche des Lebens erinnert. Er lehrt, Gott nicht nur in äußeren Zeichen zu erkennen, sondern vor allem in der Tiefe des menschlichen Herzens.

Die Welt schaut und sieht, was äußerlich ist. Sie sucht Beweise, sie sucht Gewissheit. Den Geist der Wahrheit kann sie nicht annehmen, denn sie hat die Fähigkeit zu hören verloren. Wer liebt, beginnt anders zu sehen und zu verstehen. Er lernt zu hören, was göttlich, weise und demütig ist.

Durch das Hören auf das Wort Gottes wächst die Erkenntnis. In der Stille offenbart der Geist die Gegenwart Gottes. Die Wahrheit hört auf, fern zu sein. Sie wird nahe, lebendig und gegenwärtig.

Liebe und Gebote

Liebe bleibt nicht beim Gefühl stehen, bei Eindrücken und Empfindungen, die kommen und gehen. Liebe hat die Gestalt des Handelns und besteht aus täglichen Entscheidungen. Sie hat Hände, die Gutes tun, auch wenn es schwer ist. Sie hat ein Herz, das treu bleibt, auch wenn es wenig empfindet.

Jesus sagt klar: Wer mich liebt, hält meine Gebote. Das ist keine Last, sondern ein Weg. Die Gebote sind keine Einschränkung, sondern ein Licht. Sie zeigen die Richtung und schützen das Leben.

Der Geist der Wahrheit drängt sich nicht auf, sondern erinnert sanft an das Wesentliche des Lebens.

Wer liebt, lebt nach den Geboten Gottes. Wer auf sie hört und sich nach ihnen richtet, beginnt mehr zu verstehen. Der Gehorsam gegenüber Gott wächst aus dem Vertrauen. Treue ist kein Zwang, sondern eine Antwort auf die Liebe. In der Treue öffnet sich im menschlichen Herzen ein Raum für Gott. Dort wird die Liebe wahr. Dort reift sie und bleibt.

„Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen”

Es gibt Zeiten, in denen der Mensch sich allein fühlt. Zeiten, in denen die Antworten verstummen und das Herz Leere erfährt. Es gibt Momente der Verlorenheit und der Unsicherheit.

Gerade dort erklingt die Verheißung Jesu: Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen. Dieses Wort stärkt den Menschen. Es reicht tief hinein in die menschliche Erfahrung des Verlassenseins.

Jesus verspricht nicht die Befreiung von Schwierigkeiten. Er verspricht seine Gegenwart. Diese ist nicht immer sichtbar, nicht immer spürbar, aber wirklich. Jesus kommt anders, als wir es erwarten: nicht durch Lärm und spektakuläre Zeichen, sondern durch eine geborgene Nähe.

Wie ein Licht, das langsam die Nacht erhellt. Wie ein Atem, der Leben schenkt. Seine Gegenwart verschwindet nicht. Seine Sorge um den Menschen hängt nicht von unseren Gefühlen ab. Auch wenn das Herz es nicht spürt, bleibt er. Du bist nicht allein. Du wirst nie eine Waise sein.

„Ich bin in meinem Vater, und ihr seid in mir und ich bin in euch”

Diese Worte beschreiben Beziehungen, die ein Geheimnis sind. Jesus enthüllt dieses ein wenig, indem er von einer Einheit spricht, die das menschliche Denken übersteigt.

Er ist im Vater, ganz mit ihm vereint. Und zugleich lädt er den Menschen zu derselben Nähe ein: Ihr seid in mir, und ich bin in euch. Jesus zeigt, wie sehr ihm der Mensch am Herzen liegt. Seine Worte sind eine Einladung, gemeinsam Wohnung zu nehmen.

Gott will nicht nur über dem Menschen sein — er will in ihm sein. Er will das Leben von innen her durchdringen. Es ist eine Einheit, die die Freiheit nicht nimmt, sondern erfüllt. Der Mensch verliert sich nicht selbst — er findet sich in Gott.

Das menschliche Leben beginnt aus einer anderen Quelle zu fließen: aus der ewigen Liebe, die unaufhörlich sprudelt. Wer in der Einheit mit Gott bleibt, beginnt anders zu leben — nicht mehr nur für sich selbst, nicht mehr allein.

In seinem Herzen wohnt Gott. Und dort, wo Gott wohnt, wächst ein Leben, das fähig ist, die Welt und den Mitmenschen mit Dankbarkeit zu umarmen.

Dr. habil. Peter Tarlinski

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