Beuthen und sein altes Fatum
Auf literarischen Umwegen
Als Beuthen neulich in nahezu ganz Polen Gesprächsthema war – ausgelöst durch eine bekannte Prominente, die auf die skandalösen Zustände im städtischen Tierheim aufmerksam machte – konnte ich nicht umhin, den Eindruck zu gewinnen, dass das alte Fatum von Beuthen erneut zuschlägt. Und es trifft mich noch immer tief, dass Kattowitz, im Vergleich zum älteren Beuthen, gerade einmal ein Grünschnabel ist, der im vergangenen Jahr seine 160 Jahre feierte – und dennoch wirtschaftlich und kulturell den älteren Bruder übertrifft.
Man sagt gewöhnlich, Beuthen habe seine Chance auf Entwicklung vertan, als es in den 1840er Jahren ablehnte, sich der neu entstehenden Oberschlesischen Eisenbahn anzuschließen, die die Stadt weiträumig umkurvte. Und wie bekannt, profitierte gerade Kattowitz davon. Die damaligen Stadtoberen von Beuthen erkannten die historische Gelegenheit nicht – vielleicht erschien ihnen das Vorhaben schlicht zu riskant. Darüber schreiben nicht nur Historiker, sondern auch Literaten und Zeitzeugen jener Jahre: Anton Oskar Klaussmann, Schüler einer Beuthener Schule, und der Stadteinwohner Ignatz Bruck.
Historische Hintergründe und bürokratische Hürden
In seinem Erinnerungsbericht „Oberschlesien vor 55 Jahren und wie ich es wiederfand“ gibt Klaussmann jedoch nicht allein der Stadt die Schuld daran, eine außergewöhnliche Gelegenheit verpasst zu haben, sondern deutet an, dass die Angelegenheit komplexer war, als es zunächst erscheinen mochte. Der deutsche Publizist erinnert etwa daran, dass die Stadt Beuthen damals bei den zentralen Behörden kein besonderes Wohlwollen genoss, da sie viele Jahre auf die Einrichtung eines Gerichts sowie eines Gymnasiums warten und unzählige Eingaben an die Behörden richten musste. Auch Ignatz Bruck schreibt in den 1916 veröffentlichten „Beuthener Erinnerungen eines betagten Oberschlesiers“, dass die Stadt damals völlig auf sich allein gestellt war und ihre periphere Lage „am Rande des Reiches“ keineswegs die Entwicklung förderte.
Der mittelalterliche Fluch
Das wiederkehrende Pech von Beuthen wird jedoch fast ebenso oft mit einem mittelalterlichen Fluch verbunden, den der Papst selbst verhängte, nachdem habgierige Bürger ihre Geistlichen ertränkt hatten, weil diese unermüdlich die Zahlung der Kirchensteuer eingefordert hatten. Sieben Jahrzehnte lang durfte in der Marienkirche kein Gottesdienst und keine christliche Bestattung gefeiert werden – nicht einmal die eines Kindes. Und obwohl zahlreiche Messen im Namen der Stadt abgehalten wurden und der Fluch nach mehreren Jahrzehnten aufgehoben wurde, ließen Überschwemmungen und Brände, die die Stadt und die Stollen in den folgenden Jahrhunderten heimsuchten, ein Vergessen seiner Existenz nicht zu.
Sieben Jahrzehnte lang durfte in der Marienkirche kein Gottesdienst und keine christliche Bestattung gefeiert werden – nicht einmal die eines Kindes.
Man könnte über die Beuthener Misere wohl manche Abhandlung schreiben, vielleicht sogar eine Habilitation oder Professur daraus machen. Interessanter ist jedoch der Blick in die Literatur, die die Geschichte von Beuthen auf eine andere Weise erklärt – mit Fantasie.
Der Alchemist Scharlem
Eine der faszinierendsten Versionen der Entstehung des Beuthener Fluchs liefert Karl Franz Mainka – Bergmann, geboren 1868 in Tarnowitz, autodidaktischer Schriftsteller, Absolvent der Bergschule in Tarnowitz und Mitarbeiter der Beuthener Zeche „Karten-Zentrum“. In der Erzählung „Der Geist Scharlem und die Beuthener Bürger“ versetzt Mainka den Leser ins Jahr 1348, als Beuthen auf Silber saß und daraus enorme Gewinne erzielte. Diese Gewinne musste die Stadt jedoch mit den Nachbarn teilen, da kein einziger Bürger die Kunst verstand, Silber vom Blei zu trennen.

Das Stadtgebiet auf einer alten Landkarte: Beuthen mit Schomberg und Rossberg.
Quelle: Wikipedia
Als die Unzufriedenheit der Beuthener wuchs, erschien plötzlich ein Fremder – ein Alchemist und Meister des Metallschmelzens, gekleidet, was wichtig ist, wie ein fahrender Scholar. Er sah aus wie ein typischer Vagant des Mittelalters, der üblicherweise von Universität zu Universität zog, um Wissen zu sammeln und selbst über gewisse Fertigkeiten verfügte.
Man könnte meinen, der Fachmann sei den Beuthenern vom Himmel gefallen – doch weit gefehlt. Wer sich erinnert, dass in einem ähnlichen Gewand – als wandernder Student – selbst Mephisto vor dem wissensdurstigen Faust erschien, wird erahnen, dass auch in der Geschichte von Beuthen die Herkunft des fremden Alchemisten eher höllisch als himmlisch ist. Der Besucher aus fremden Landen macht sich an die Arbeit und baut eine Schmelzhütte für die Beuthener, durch die das Silber vom Blei getrennt und der gesamte Gewinn in die Stadtkasse fließt. Die Beuthener bereichern sich enorm, und alles hätte wahrscheinlich ein Happy End gefunden, hätte die Kirche nicht an die fälligen Steuern erinnert.
Die Tragödie der übermütigen Bürger
Doch die von ihrem eigenen Erfolg übermütigen Bürger sagen ihr entschieden „Nein“. Und leider folgt auf diese Haltung – zugegeben, sie war äußerst selbstbewusst! – ein Verbrechen: Pfarrer und Vikar werden von den Bürgern ermordet. An diesem Punkt folgt eine Wendung, mit der wohl niemand gerechnet hätte: Zwar ist die Strafe für das Verbrechen erneut ein Fluch, doch verhängt ihn nicht die Kirche, sondern der satanische Schmelzmeister. Den Fluch sprechend, verurteilt der Alchemist die Stadt zu langsamem Niedergang und, noch schmerzhafter, trennt sie vom Wissen – kein Beuthener erlernte in der Zwischenzeit das Geheimnis der Metallverarbeitung. Die vom Fremden gebaute Schmelzhütte zerfällt, Wasser überschwemmt die Bergwerke, und das Schicksal der stolzen Stadt scheint besiegelt.
Der geheimnisvolle Fremde verschwindet auf ebenso rätselhafte Weise, wie er erschienen ist. Und nur der Titel der Sage erlaubt eine grobe Identifizierung: Es ist angeblich der Geist Scharlem. Bekannt als Scharlem, Scharley oder schlicht als Skarbnik (Schatzmeister), ist der Dämon der Unterwelt in Oberschlesien wohlbekannt, wobei seine Erscheinung nicht ausschließlich finster ist.

Schriftsteller Karl Franz Mainka.
Quelle: privat
Die Botschaft von Mainka
Mainka interessiert jedoch mehr als die Identität des Schmelzmeisters etwas anderes: die Notwendigkeit, eine Wirtschaft aufzubauen, die nicht nur auf materiellem Gewinn, sondern vor allem auf Wissen basiert. Und obwohl die Erzählung über das Schicksal von Beuthen vor mehr als hundert Jahren veröffentlicht wurde, ist ihre Botschaft erstaunlich aktuell. Wissen ist wohl das wertvollste Erz, dem selbst das stärkste Fatum nicht widerstehen kann.

