5. Sonntag der Fastenzeit – Passionssonntag
1. Lesung: Ez 37,12b–14
2. Lesung: Röm 8,8–11
Evangelium: Joh 11,1–45
Der fünfte Sonntag der Fastenzeit wird auch Passionssonntag genannt. Der Tradition nach werden in vielen Kirchen die Kreuze und Bilder, die das Leiden Christi darstellen, verhüllt. Dem Sehsinn wird damit die visuelle Darstellung des Sterbens Jesu am Kreuz entzogen. Unser Blick soll in die Tiefe gehen und den Sinn seines Todes in uns verinnerlichen. In den vergangenen Wochen der Fastenzeit befassten wir uns mit Umkehr, Fasten und Verzicht sowie mit der persönlichen Erneuerung im Denken und Handeln – im Licht der biblischen Texte, durch Meditationen, Exerzitien und Besinnungstage, durch die Feier der Eucharistie und Andachten (z. B. Kreuzwegandachten). Jetzt, zwei Wochen vor Ostern, sind wir eingeladen, die Bedeutung des Todes Jesu für unser Leben – jetzt und in Zukunft – zu erkennen. Dazu gehört auch die Perspektive von Leiden und Auferstehung Christi, die uns zur Fülle des Lebens führt.
Aus dem Tod Leben hervorbringen
In der Vision, die im siebenunddreißigsten Kapitel des Buches Ezechiel niedergeschrieben ist, findet sich eines der ergreifendsten und zugleich hoffnungsvollsten Bilder der gesamten Heiligen Schrift. Der Prophet Ezechiel, der in einer Zeit nationaler Katastrophe lebte, als Israel seines Landes, seines Tempels und seiner politischen Unabhängigkeit beraubt war, steht vor einer Erfahrung, die das Volk selbst so beschreibt: „Wir sind verloren, unsere Hoffnung ist dahin.“ Das ist keine übertriebene Sprache, sondern die Diagnose eines geistlichen und historischen Bankrotts. Das Volk befand sich im babylonischen Exil. Und genau in diesem Moment – nicht früher – ergeht das von Ezechiel übermittelte Wort Gottes. Nicht als Trost im Sinne von „es wird schon besser“, sondern als radikales Versprechen: „Siehe, ich öffne eure Gräber und hole euch aus den Gräbern heraus, mein Volk.“ Stärkere Worte gibt es kaum. Gott sagt nicht, dass er die Situation verbessern oder die Folgen der Krise mildern wird. Er sagt, dass er etwas tun wird, was aus menschlicher Sicht unmöglich ist – er wird Leben aus dem Tod hervorbringen.
Der fünfte Fastensonntag, an dem wir traditionell die Kreuze und Bilder des Leidens Jesu verhüllen, lädt uns ein, unser Denken und Handeln zu vertiefen.
In der Vision des Ezechiel ist Israel nicht krank – es ist tot. Und gerade deshalb nimmt Gottes Handeln die Form einer neuen Schöpfung an. So wie er einst dem ersten Menschen Leben einhauchte, so verkündet er nun: „Ich werde euch meinen Geist geben, damit ihr wieder lebendig werdet.“ Für das auserwählte Volk bedeutete dies die Rückkehr aus dem Exil, den Wiederaufbau der Gemeinschaft, die Wiedererlangung der verlorenen Identität, das Wachstum des Volkes sowie die Verheißung, dass das Leben stärker ist als der Tod.
Die tödliche Vernichtung überwinden
Das Evangelium des fünften Fastensonntags im Lesejahr A ist umfangreich. Im Mittelpunkt steht Jesus, der Lazarus auferweckt. Diesem außergewöhnlichen Ereignis geht die Begegnung Jesu mit den Schwestern des Lazarus, Marta und Maria, voraus. Beide wenden sich mit denselben Worten an ihn: „Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.“ Beide glauben an die Auferstehung am Jüngsten Tag und sind überzeugt, dass Jesus der Messias und der Sohn Gottes ist.
Jesus vertieft diesen Glauben, indem er sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben.“ Damit kündigt er den Sieg über den Tod an, die Überwindung der Vergänglichkeit und die Fülle des Lebens, die bis in die Ewigkeit reicht. Um daran teilzuhaben, genügt es, Jesus zu vertrauen, an ihn zu glauben und ihm das eigene Leben anzuvertrauen. Das klingt einfach – doch nicht jeder ist bereit, seine Hemmungen zu überwinden und seine Hilfe anzunehmen.
Wohnung des Heiligen Geistes werden
Der Prophet Ezechiel weist auf die lebensspendende Kraft des Geistes Gottes hin. Erinnern wir uns noch einmal an seine Worte im Zusammenhang: „Ich öffne eure Gräber und hole euch aus den Gräbern heraus, mein Volk. Ich gebe euch meinen Geist, damit ihr wieder lebendig werdet, und ich bringe euch zurück in euer Land.“ Der Geist belebt nicht nur – er wird zur tragenden Kraft des menschlichen Lebens.
Der Apostel Paulus, dessen Worte aus dem Römerbrief ebenfalls an diesem Sonntag gelesen werden, verweist auf denselben Geist Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Dieser Geist wohnt im Menschen und wird auch die sterblichen Leiber zum Leben erwecken. Paulus warnt die Christen in Rom davor, nach den Begierden des Fleisches zu leben. Wer so lebt, „kann Gott nicht gefallen“. Wer den Geist Christi nicht hat, „gehört nicht zu ihm“. Wer nach dem Fleisch lebt, wählt den Tod; wer aber mit Hilfe des Geistes die Werke des Fleisches überwindet, wird leben – bis zur Auferstehung am Ende der Zeiten.
Diese Verwandlung des Lebens verdanken wir Christus – seinem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung.
Der fünfte Fastensonntag, an dem wir traditionell die Kreuze und Bilder des Leidens Jesu verhüllen, lädt uns ein, unser Denken und Handeln zu vertiefen. Er fordert uns auf, unser Leben in seiner ganzen – zeitlichen und ewigen – Dimension zu betrachten.
Bischofsvikar Dr. Peter Tarlinski