Nachbarschaft verpflichtet: Deutsch-polnische Beziehungen – auf der Suche nach einer neuen Formel

25 Februar 2026 Politik

In einer Welt rasanter geopolitischer Veränderungen entsteht leicht der Eindruck, dass der traditionelle Rahmen für bilaterale Zusammenarbeit, insbesondere zwischen sogenannten Mittelländern, ausgedient hat oder an Relevanz verloren hat. In öffentlichen Debatten und Gesprächen hinter den Kulissen wird immer häufiger die Frage aufgeworfen, ob die Auseinandersetzung mit den deutsch-polnischen Beziehungen heute überhaupt noch von Bedeutung ist. Ich bin jedoch überzeugt, dass das Gegenteil der Fall ist: Diese Beziehungen sind nicht nur nicht erschöpft, sondern müssen heute dringend neu überdacht werden.

Wir leben nicht mehr in einer geordneten Welt, in der einmal festgelegte Schwerpunkte über Jahre hinweg konsequent umgesetzt werden konnten, während einige davon der Supermacht aus Übersee überlassen wurden. Die deutsch-polnischen Beziehungen funktionieren heute in einem neuen Kontext: Krieg in der Ukraine, innereuropäische Spannungen und tiefgreifende politische Umwälzungen in beiden Ländern. Darüber hinaus sind sie längst keine rein klassischen bilateralen Beziehungen mehr – sie sind Teil eines umfassenderen Netzwerks europäischer und globaler Verbindungen geworden. Eingebettet in diese Netzwerke können sie diese stärken oder schwächen.

Mit einer gewissen Nostalgie blicke ich auf die Gründerväter der neuen Ära in unserer Nachbarschaft nach der politischen Wende der 1980er und 1990er Jahre zurück. Sie interpretierten den Zusammenbruch der Nachkriegsordnung als große Chance. Es lohnt sich, an die inspirierenden Texte der Polnischen Unabhängigkeitsverständigung zu erinnern – einer Oppositionsgruppe, die in den 1970er Jahren betonte, dass es kein vereintes Europa ohne ein vereintes Deutschland geben könne.

Dies war wegweisendes Denken. Viele Sowjetologen hatten den Zusammenbruch der UdSSR nicht vorhergesehen. In den 1980er Jahren zweifelte die Bundesrepublik Deutschland an der Möglichkeit einer Veränderung des Status quo, und eine deutsche Wiedervereinigung schien unrealistisch. Die Einführung des Konzepts des „Verfassungspatriotismus“ war Ausdruck dieser Vorsicht.

Der Jahrestag des Vertrags über gute Nachbarschaft bietet eine gute Gelegenheit für eine kritische Bestandsaufnahme, aber auch für die Formulierung neuer Ziele.

Ebenso bahnbrechend war Jan Józef Lipskis Essay „Zwei Vaterländer, zwei Patriotismen“ aus den frühen 1980er-Jahren – ein Text, der die Polen dazu anregte, ihre Haltung gegenüber nationalen Minderheiten, darunter der deutschen Minderheit, zu überdenken und der bis heute relevant ist.

Die Gründerväter der neuen Beziehungen waren sich der historischen und weitreichenden Chancen bewusst. Die rechtlichen Grundlagen für die Zusammenarbeit wurden rasch geschaffen. Der Grenzvertrag regelte die Grenzfrage, und der Vertrag über gute Nachbarschaft legte den Rahmen für die Entwicklung der Beziehungen in den folgenden Jahrzehnten fest. Die These von Außenminister Krzysztof Skubiszewski über die gemeinsamen Werte und Interessen Polens und Deutschlands bestärkte die Überzeugung, dass eine dauerhafte Partnerschaft möglich sei.

Eine wichtige Rolle in diesem Prozess spielten Polen in Deutschland und Deutsche in Polen. Trotz zeitweiliger Spannungen dienten beide Gruppen – und tun es weiterhin – als Brücke zwischen den Gesellschaften. In den vergangenen dreißig Jahren entstand ein dichtes Netz von Institutionen und Initiativen, von zwischenstaatlichen bis hin zu zivilgesellschaftlichen. Minderheiten beteiligten sich daran maßgeblich, wenn auch oft unbemerkt von der öffentlichen Meinung.

Heute stehen wir jedoch vor einer ernsthaften Herausforderung. Die deutsche Minderheit in Polen wird – wie die Polen in Deutschland – mitunter selektiv erwähnt, wenn ein politisches Argument benötigt wird. Dadurch verliert sie etwas Wichtiges: die narrative Funktion, die sie im vorherigen Paradigma innehatte. Anstatt Gegenstand der Debatte über die Zukunft der Beziehungen zu sein, wird sie zunehmend zu einem vereinfachten Element politischer Auseinandersetzungen.

Und doch sind es gerade diese Gruppen – die am Schnittpunkt zweier Sprachen, zweier Erinnerungen, zweier Sensibilitäten leben –, die eine Rolle erfüllen können, die in den deutsch-polnischen Beziehungen auch heute noch notwendig ist: die Rolle von Übersetzern und Vermittlern. Nicht im sprachlichen, sondern im kulturellen und politischen Sinne. Der amerikanische Philosoph Richard Rorty soll gesagt haben, das 21. Jahrhundert werde entweder das Jahrhundert der Übersetzer sein oder gar nicht existieren. In einer Welt voller Falschinformationen und vereinfachter Darstellungen ist ein konkretes, glaubwürdiges Beispiel besonders wertvoll. Die Stimme von Minderheiten ist naturgemäß weniger hörbar – umso wichtiger ist es aber, ihr Beachtung zu schenken.

Der Jahrestag des Vertrags über gute Nachbarschaft bietet eine gute Gelegenheit für eine kritische Bestandsaufnahme, aber auch für die Formulierung neuer Ziele. Neue Herausforderungen – geopolitischer, sozialer und generationenbedingter Art – entwerten nicht die Bedeutung bilateraler Beziehungen. Sie erfordern jedoch den Mut, vertraute Muster zu verlassen und eine zeitgemäßere Sprache zu finden, vor allem eine, die die Gestaltung einer positiven Zukunft ermöglicht. Nachbarschaft ist ein nie abgeschlossenes Projekt. Sie ist ein Prozess, der – um relevant zu bleiben – ständig erneuert werden muss. Die Rolle der deutschen Minderheit als Gemeinschaft von Vermittlern, Übersetzern und Zeitzeugen könnte sich angesichts dieser Herausforderungen als wichtiger denn je erweisen.

Krzysztof Ruchniewicz

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