Mit dem VdG-Vorsitzenden Rafał Bartek sprach Krzysztof Świerc.
Herr Bartek, Sie leiten den VdG, die Oppelner SKGD, den Sejmik der Woiwodschaft Oppeln und den DFK Chronstau. Die Liste Ihrer herausragenden Positionen ließe sich lange fortsetzen. Können Sie uns verraten, wie Sie das alles schaffen?
Ich will nicht leugnen, dass es schwierig ist, und ich erfahre das fast jeden Tag aufs Neue. Aber ich kann damit umgehen. Der Schlüssel zur Erfüllung dieser vielfältigen Aufgaben sind die effizienten und kommunikativen Teams um mich herum in den Institutionen und Organisationen, in denen ich tätig bin. Ich beginne mit meinem DFK, dessen Vorsitz ich seit Langem innehabe. Ohne ein exzellentes Team im Vorstand hätte ich diese Position nicht so lange bekleiden können. Ein Team, das offen und effektiv kommuniziert. Es besteht aus Menschen, die mit großem Engagement arbeiten und die Verantwortung problemlos teilen. Ähnlich verhält es sich bei der Oppelner SKGD beim VdG und im Sejmik, wo die Zusammenarbeit ebenfalls optimal funktioniert. Dies verdankt sich der bereits erwähnten guten Kommunikation und dem Dialog, welcher Zeit und Geduld erfordert. Dieser Aspekt darf nicht vernachlässigt werden, denn er ist ein einfacher und effektiver Weg zum Erfolg – und damit zum effizienten Funktionieren der einzelnen Institutionen. Daher ist es entscheidend, sich Zeit für Gespräche zu nehmen, bestimmte Themen zu diskutieren und zu analysieren und gegebenenfalls auch ein Strategiepapier zu entwerfen.
Es gibt jedoch Menschen, die den Wert strategischer Programme und Dokumente unterschätzen.
Ich weiß das; sie sind auch meist der Ansicht, dass strategische Programme und Dokumente überflüssig sind. Solche Menschen gibt es auch in unserer Gemeinschaft. Ich betone jedoch immer wieder, dass diese Dokumente notwendig, ja sogar unerlässlich sind, weil sie Wissen – insbesondere unterschiedliche Wissensniveaus – angleichen. Sie ermöglichen es auch Personen, mit denen ich nicht täglich sprechen kann, daraus zu lernen, worum es in einer bestimmten Organisation geht, was der Leiter oder der Vorstand anstrebt und warum. Zum Beispiel, warum Bildungsfragen für die deutsche Minderheit derzeit womöglich wichtiger sind als wirtschaftliche Fragen. Mir ist bewusst, dass die Erstellung strategischer Programme und Dokumente Zeit braucht. Doch sind sie erst einmal vorhanden, zahlen sie sich über Jahre hinweg aus. Und selbst wenn nicht alles erreicht wird, helfen sie zweifellos bei den Abläufen! Deshalb ermutige und motiviere ich stets dazu, sie zu erstellen.

Rafał Bartek, Vorsitzender des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Vorsitzender des Regionalparlaments der Woiwodschaft Oppeln.
Foto: Tomasz Chabior
Kommt es manchmal vor, dass Sie angesichts all Ihrer Aufgaben frustriert sind und sich fragen: „Wozu das Ganze?“ Oder ist es die Mission, die Sie erfüllen, die Ihnen einen Adrenalinschub gibt, Ihnen Energie schenkt und alle Probleme beseitigt?
Ich engagiere mich mit so viel Herzblut in diesen Tätigkeiten, dass es mir gar nicht in den Sinn kommt, sie aufzugeben. Vielmehr überlege ich mir intensiv, wie ich meine Aufgaben sinnvoll aufteilen und dazu beitragen kann, dass die einzelnen Ziele langfristig verfolgt werden. Das geht mir insbesondere jetzt durch den Kopf, denn beim VdG stehen bald Wahlen an und nächstes Jahr auch bei der SKGD. Darüber hinaus motiviert mich die Tatsache, dass ich immer daran geglaubt habe und immer noch glaube, dass das, was wir für die Regionen, in denen wir leben und arbeiten, tun und aufbauen, von unschätzbarem Wert ist. Es ist auch für uns selbst wertvoll.
Trotz all der Schwierigkeiten, Probleme und Herausforderungen, denen Sie täglich begegnen, versuchen Sie auch, die positiven Seiten und die Freude an Ihrer Arbeit zu sehen…
Absolut. Mich motiviert auch das Wissen, dass wir so viele fantastische Menschen haben, die sich mit so viel Herzblut und Engagement für die deutsche Minderheit, unsere Kultur und die deutsche Sprache einsetzen. Deshalb erachte ich meine Arbeit keinesfalls als lästige Pflicht, sondern vor allem als ein großartiges Abenteuer und eine Ehre, an dieser Kultur und ihrer Weiterentwicklung mitzuwirken.
Die vielen verantwortungsvollen Positionen bringen enormen Druck und Stress mit sich. Können Sie diese Gefühle geschickt steuern, sodass sie nicht destruktiv werden und sich nicht auf Ihre Lieben – Ihre Frau und Ihre Töchter – auswirken?
Wir sprechen als Familie viel darüber. Es ist nicht so, dass ich mein Leben allein lebe und meine Frau ihres. Wir treffen uns immer abends, reden, teilen unsere Probleme und Sorgen. Am nächsten Tag, nach einer Art Familienbesprechung, gehen wir wieder an unsere Arbeitsplätze, um uns abends erneut zu treffen. Es gibt uns Kraft, es treibt uns an und es strukturiert uns. Darüber hinaus war mein größter persönlicher Wert schon immer unser Mehrgenerationenhaus, in dem wir heute mit meiner Mutter leben, und bis vor wenigen Jahren lebte auch mein Vater noch bei uns. Das beweist, dass auch im familiären Bereich Treffen, ehrliche Gespräche und Offenheit Stärke schaffen. Sie geben uns Glauben, Überzeugung, Selbstvertrauen und die Kraft zum Handeln.
Wann entwickelte sich Ihre Leidenschaft für soziales Engagement und Politik? Zeigte sich diese Neigung schon früh, in der Schule, im Studium, oder war sie Ihnen angeboren?
Soweit ich mich erinnern kann, war ich ein zurückhaltendes, bescheidenes und stilles Kind. Meine Leidenschaft für soziales Engagement und Politik erwachte während meines Studiums, als ich nach etwas mehr suchte. Mein Cousin Christoph Warzecha und ich versuchten aufrichtig, unsere Deutschkenntnisse „aufzupeppen“, denn wir gehören zu der Generation, die Deutsch nicht zuhause lernte, sondern erst in der Grundschule damit begann. Wir gaben jedoch nicht auf und besuchten verschiedene Kurse, um unser Deutsch zu verbessern. Dadurch entwickelte sich mein Interesse an der deutschen Minderheit und am sozialen Engagement. In diesem Zusammenhang spielte der erste Vorsitzende des DFK Chronstau, Josef Duda, eine wichtige Rolle für mich. Er hatte ein besonderes Talent: Er suchte persönlich nach jungen, engagierten Menschen für seine Aktivitäten. Bereichert durch diese Bekanntschaft und Erfahrung sage ich oft, dass wir das in der heutigen Welt nicht vergessen dürfen. Wir dürfen nicht darauf warten, dass junge Menschen zu uns kommen. Wir müssen sie erkennen, sie fördern und sie einbeziehen. Genau wie es Herr Josef Duda getan hat.
Auf diese Weise haben Sie so richtig Interesse an dieser Art von Aktivität gefunden.
Genau, und als ich mich näher mit der Thematik befasste, fiel mir auf, dass es viele engagierte Bürgerinnen und Bürger in verschiedenen Bereichen gibt, nicht nur innerhalb der deutschen Minderheit. Mir wurde auch bewusst, wie viel Freude und Genugtuung es bereiten kann, anderen etwas von sich zu geben. Da begann ich mich intensiv mit der Möglichkeit auseinanderzusetzen, die Aktivitäten der deutschen Minderheit zu unterstützen. Zuerst beim DFK und dann in einer Jugendorganisation, die meine Freunde und ich gegründet hatten. Von diesem Moment an bestärkte mich das täglich in meiner Überzeugung, dass es sich lohnte und ich auf dem richtigen Weg war! Ich fand die von der Minderheit ins Leben gerufenen Nichtregierungsorganisationen auch etwas ganz Besonderes. Sie vermitteln Kompetenzen, die in anderen Berufen oder Branchen oft schwer zu finden sind. Vor allem soziale Kompetenzen, denn es ist schwierig, sich in Nichtregierungsorganisationen wohlzufühlen, wenn man andere Menschen nicht mag und trotzdem mit ihnen reden muss. Auch Projektmanagement lernt man dort zwangsläufig, denn darum geht es bei der Arbeit in Nichtregierungsorganisationen. Ich habe also eine Unmenge an positiven Aspekten der Sozialarbeit gesehen und sehe immer noch sehr viele.
Wenn Sie auf die letzten Jahre, insbesondere auf das letzte Jahr, zurückblicken: Wohin fährt Ihrer Meinung nach das von Ihnen „kommandierte“ Schiff Deutsche Minderheit?
Es liegt nicht allein in meiner Hand, dieses Schiff in eine gute Richtung zu lenken. Es hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem von den Aktivitäten innerhalb der Organisationen der Deutschen Minderheit. Gerade hier sehe ich die größte Herausforderung für uns: ständiges Motivieren und Anregen zur Aktivität sowie die Bereitschaft zur Veränderung. Und das ist nicht immer der Fall, das muss man ganz klar sagen. Es gibt Organisationen und Aktivisten in unseren Reihen, die offen für Veränderungen sind, die gerne handeln und neue Wege suchen, aber wir haben auch viele, die sich wünschen, dass alles so bliebe wie vor 30 Jahren. Als ob sie nicht sähen, was sich um sie herum verändert hat, wie sehr wir selbst uns verändert haben und in welchem Umfeld wir agieren. Dies ist der erste von drei wesentlichen Aspekten, damit dieses Schiff die richtigen Häfen ansteuert.

Rafał Bartek, Vorsitzender des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Vorsitzender des Regionalparlaments der Woiwodschaft Oppeln.
Foto: Tomasz Chabior
Was sind also die beiden anderen Aspekte?
Der zweite Aspekt, den ich immer wieder betone, ist, dass unser Engagement in vielen Bereichen für den Erfolg absolut entscheidend ist. Die Geschichte der sprachlichen Diskriminierung hat dies deutlich gezeigt. Ohne unser Engagement, unsere hörbaren Proteste, unseren entschlossenen Widerstand und unsere Stimme hätten die Regierenden die alten Gesetze sicherlich nicht so schnell wiederhergestellt. Das ist aber nicht alles. Wenn wir aktiv sind, uns neue Ziele setzen, Veränderungen anstoßen, neue Herausforderungen annehmen und sichtbar werden, ist die Unterstützung des Staates, in dem wir leben, und des deutschen Staates, der uns unterstützt, unerlässlich. Denn wir können bestimmte Schwellen nicht überspringen… So können wir beispielsweise die Qualität des Sprachunterrichts an Schulen nicht verändern, und das ist heute für uns von entscheidender Bedeutung. Dies belegen die Erfahrungen anderer Minderheiten in Europa und weltweit deutlich. Minderheiten gedeihen dort, wo sie klare und transparente staatliche Unterstützung erhalten.
„Es kann viel Freude und Genugtuung bereiten, anderen etwas von sich zu geben.”
Und der dritte wichtige Aspekt ist das soziale, mediale und gesellschaftliche Umfeld – wie also diese Aktivitäten wahrgenommen werden. In dieser Hinsicht haben wir in den letzten Jahren viel erreicht, indem wir uns authentisch präsentiert und gleichzeitig die deutsche Kultur, ihre Werte und ihre Existenz hervorgehoben haben. Das sind nach wie vor aktuelle Herausforderungen für uns. Natürlich ist es auch entscheidend, junge Menschen für uns zu gewinnen.
Junge Menschen zu erreichen, ist eine schwierige Aufgabe. Vielleicht sogar eine Mission Impossible.
Das ist mir bewusst. Erstens sind immer weniger junge Menschen bereit, aktiv zu werden, und zweitens hat ihr Engagement in allen Organisationen in den letzten Jahren abgenommen. Daher ist es nicht einfach, sie für unsere Organisation, die sich der Pflege von Kultur und Sprache widmet, zu gewinnen. Aber genau deshalb müssen wir dieser Aufgabe höchste Priorität einräumen.
Was bereitet Ihnen mit Blick auf die Zukunft der deutschen Minderheit die größten Sorgen?
Stagnation! Genauer gesagt, befürchte ich, dass wir das Gefühl bekommen werden, nichts tun zu können, dass wir zum Stillstand kommen und nicht mehr handeln können. Dieses Gefühl begleitet uns ja auch unterschwellig und ich verstehe es.; es ist menschlich, denn wir können zurecht beispielsweise von der globalen oder nationalen Politik deprimiert und überfordert sein. In manchen Organisationen wird dieses Gefühl jedoch zu stark empfunden! Ich höre dort auch Stimmen, die behaupten, es sei nichts zu machen – folglich ändert sich auch nichts. Dabei lässt sich immer etwas ändern! Es gibt sogar Beispiele von kleinen Organisationen, die über ganz Polen verstreut sind und eigenständig, auch ohne Fördermittel, großartige Projekte organisieren, verreisen, die deutsche Kultur kennenlernen oder ein Produkt entwickeln usw. Sie tun dies, weil sie Lust dazu haben, weil sie Engagement und Willen aus sich selbst herausholen können. Wie ich bereits sagte: Der Schlüssel zum Erfolg liegt immer in der Aktivität.
Welche Prioritäten setzen Sie sich als VdG-Chef für die kommenden Jahre?
Die Förderung junger Menschen, die Kulturpflege, sprachliche Fragen und der Zugang zur deutschen Sprache bleiben absolute Priorität. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Generationen, mich eingeschlossen, Deutsch durch das deutsche Fernsehen gelernt haben, doch mittlerweile spielt das Internet in dieser Hinsicht eine viel größere Rolle. Dabei bleibt uns der Zugang zu interessanten Inhalten verwehrt, weil wir uns nicht in Deutschland oder einem deutschsprachigen Land befinden. Diesen Herausforderungen wollen wir uns in den kommenden Jahren stellen.

Rafał Bartek, Vorsitzender des Verbandes der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen, Vorsitzender des Regionalparlaments der Woiwodschaft Oppeln.
Foto: Tomasz Chabior
Und wie wird es dieses Jahr aussehen?
Wir werden der deutschen Sprache und der Jugend große Bedeutung beimessen, denn das ist uns sehr wichtig. Deshalb werden wir uns bemühen, Gespräche und Treffen mit Politikern zu diesem Thema zu führen. Am 14. Januar haben wir gemeinsam mit Ministerin Katarzyna Lubnauer das Bildungsministerium besucht, um diese Themen erneut zu besprechen. Außerdem ist für dieses Jahr ein „Deutsch-Polnischer Runder Tisch“ geplant, auf den wir uns schon länger vorbereiten. Dieses Format werden wir sicherlich nutzen, um unsere Prioritäten zu unterstreichen. Selbstverständlich bleiben wir aktiv. Wir dürfen nichts dem Zufall überlassen. Wir müssen selbst gestalten und zeigen, was uns wichtig ist, warum und wozu.
VdG-Vorsitzender Rafał Bartek nach Feierabend:
Ihr größter Traum?
Mehr Leser für „Neues Wochenblatt.pl“ (lächelt), denn nach den Änderungen 2025 ist es wirklich eine großartige Informationsquelle, nicht nur für die deutsche Minderheit.
Welcher ist Ihr Lieblingsfußballverein in Deutschland und in Polen?
In Deutschland bin ich seit jeher ein Fan der Borussia Mönchengladbach und in Polen von Górnik Zabrze.
Wie halten Sie sich fit – Fitnessstudio, Radfahren, Tennis, Schwimmen oder etwas ganz anderes?
Ich habe ein Zeitproblem, deshalb versuche ich, nicht überall mit dem Auto hinzufahren. Ich suche nach Möglichkeiten, verschiedene Orte zu Fuß zu erreichen. Ab und zu setze ich mich auch aufs Rad.
Lieblingsschauspieler, Lieblingsfilm, Lieblingsbuch?
Ich mag Filme mit Denzel Washington und Harrison Ford, weil ich die Charaktere mag, die sie spielen. Bei Büchern versuche ich, verschiedene Themen abzudecken. Zuletzt waren es z. B. einige Bücher von Zbigniew Rokita.
Was schätzen Sie am meisten an Menschen, und was verabscheuen Sie?
Ich schätze Offenheit für Diskussionen, Dialog und Reflexion sehr. Narzissten kann ich nicht ausstehen.
Wem würden Sie eine verpassen, wenn sich die Gelegenheit böte?
Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Konflikte mit Gewalt lösen. Allerdings ärgern mich Menschen, insbesondere Politiker, die nur an sich selbst denken und ihre Ziele um jeden Preis verfolgen. Leider leben wir in einer Zeit, in der ihre Zahl wächst.
Im Juni findet die Fußball-WM statt – wird Deutschland zum fünften Mal Weltmeister?
Die Deutschen sind derzeit recht launisch; sie können fantastische Spiele abliefern, um sich dann katastrophal zu präsentieren und beispielsweise gegen die Slowakei zu verlieren. Trotzdem glaube ich, dass sie eine Chance auf den WM-Titel haben. Traditionell sind sie eine Turniermannschaft und haben mit ihrem breiten, starken und vielseitigen Kader einen großen Vorteil. Deshalb gehören sie zu den Favoriten. Für mich sind sie es definitiv.
Blondinen, Rothaarige oder Brünette?
Brünette natürlich, wie meine Frau.