Ich sterbe im Vorfrühling. Nicht im trüben November, nicht im dunklen Dezember, nicht einmal im hoffnungslosen Januar, sondern am Ende eines tödlich blassen Februars oder zu Beginn des komplett ausgewaschenen März. Direkt an der Schwelle zum Frühling – und doch immer noch Lichtjahre von ihm entfernt.
Ich erinnere mich, wie ich mich als Kind naiv über die ersten wärmeren Sonnenstrahlen und das Tauwetter freute, während meine schlesischste aller Omas diese Begeisterung dämpfte. Im Februar kommt der Winter erst recht, sagte sie – und natürlich hatte sie recht. Die Wahrheit war jedoch, dass auch sie schon mit den Hufen scharrte, es kaum erwarten konnte, in den Garten zu gehen, um ihre Hände in die feuchte Erde zu tauchen, die Wege im Rasen neu auszutreten, umzugraben, was umzugraben war, auszusäen, was ausgesät werden musste. Die Bäume zu kalken, Kartoffeln zu setzen, Erbsen zu säen. Behutsam die zweijährigen Setzlinge zu säubern, die den Winter überlebt hatten, sie mit Andacht zu jäten – all diese Fingerhüte und Bartnelken, die gleich, jeden Moment, in Farben explodieren würden.

Oma produzierte an langen Januar- und Februartagen kilometerlange Decken, kunstvolle Überwürfe, Kissen und Tischdecken in Großmengen.
Foto: A. Durecka
Aber es ist noch nicht so weit. Noch dauert diese endlose karge Zeit an, die mal Winter ist, mal Herbst und nur ganz selten – wirklich selten – einen Vorgeschmack auf den Frühling liefert. Ich wurde ohne Geduld für jene Tätigkeiten geboren, mit denen sich Frauen früher im Winter beschäftigten. Ohne Talent fürs Sticken, Häkeln, Stricken – ja sogar fürs Stopfen. Oma produzierte an langen Januar- und Februartagen kilometerlange Decken, kunstvolle Überwürfe, Kissen und Tischdecken in Großmengen. Und Socken. Hunderte von Socken. Handarbeit für die Ewigkeit. In der Laube vermehrte sie Chrysanthemen – in Töpfen, Schälchen und Untersetzern. Sie konnte die Zeit erfolgreich totschlagen.
Und ich? Ich pflege meine Vorfrühlingsdepression, überprüfe obsessiv die Wettervorhersage auf dem Handy, fülle meinen Warenkorb bei Allegro mit Samen exotischer Mohnarten. Vor allem aber streife ich durchs Haus wie ein Löwe im Käfig, der sich nach der grenzenlosen Savanne sehnt. Meine Savanne liegt direkt hinter dem Fenster. Graubraun, immer noch in der Farbe des dreckigsten Waschlappens – wie es sie einmal in Omas Waschküche gab.
Dieses Mal halte ich noch durch. Noch trägt mich diese Wut auf die Welt und auf den Schöpfer, der sich all das so ausgedacht hat, bis in den April hinein. Aber eines Tages, in etwa fünfzig Vorfrühlingen, werde ich aufgeben. Ich werde aufhören, an duftende Duftwicken und saftige Tomaten direkt vom Strauch zu glauben. Ich werde an jenem Vorfrühling sterben – so wie Oma gestorben ist. Der Vorfrühling nimmt einem die Lebenslust.
Anna Durecka